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Burg: Unser Kino darf nicht sterben!

Uhr | Aktualisiert 28.02.2013 15:01 Uhr
Filmfans und Kinomacher: Bernd Goldbach (links) und Sebastian Bethge in der Visions-Bar des «Burg-Theaters» (FOTO: ANDREAS STEDTLER ) 
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Wie schnell hätte es auch in Burg vorbei sein können, damals, Ende 2009. Wie vorher schon in Wolfen oder in anderen kleinen Städten, in denen sich der Betrieb eines Kinos schon lange nicht mehr lohnt.
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Burg/MZ. 

Das "Burg-Theater" aber in Burg, Jerichower Land, gibt es immer noch. Mit roten Drehsesseln und Tischen in der "Visions-Bar". Mit stoffbespannten Wänden und Leuchten in Form stilisierter Blumen im Saal. In einem Rohbau gleich nebenan, aus dem einmal ein Lagerraum, eine Küche und ein großes Foyer werden soll, steht Sebastian Bethge und staunt über sich selbst: "Wahnsinn! Am Anfang hatten wir nichts. Und jetzt bauen wir für eine Viertelmillion Euro!"

Am Anfang ist es nur eine Idee, geboren abends beim Bier. Es ist Herbst 2009, gerade hat sich herumgesprochen, dass das "Burg-Theater" dicht machen wird. Schon zum Jahreswechsel. Der langjährige Betreiber Wilfried Schlaak zieht sich in den Ruhestand zurück. Die Idee von Sebastian Bethge, seiner Schwester Daniela und ein paar Freunden, alle aus Burg, klingt verrückt. Sie heißt: Wir wollen unser Kino retten! Immerhin das älteste Deutschlands, Anfang 1911 als "erstes, größtes und modernstes Spezial-Lichtspiel-Theater der Provinz Sachsen" errichtet und seitdem ununterbrochen in Betrieb.

Bloß: Wie macht man das, ein Kino retten?

Wilfried Schlaak weiß es auch nicht. Aber er weiß, wie man ein Kino betreibt. Sebastian Bethge und seine Freunde können ihn überreden, den Ruhestand um ein halbes Jahr zu verschieben. Sie gehen bei ihm in die Lehre: Wie bedient man einen Projektor? Wie verhandelt man mit Filmverleihern? Und schließlich: Wie führt man überhaupt ein Unternehmen?

Am 10. September 2010 öffnet das "Burg-Theater" wieder. Schnell wird den neuen Betreibern klar: Es geht nicht ohne einen Verein. Und nicht ohne Freiwillige. Heute hat der Verein mit Namen "Weitblick" fast 70 Mitglieder. 30 von ihnen schieben regelmäßig Schichten im Kino, sie wechseln sich ab beim Kassieren, Filmvorführen, beim Barbetrieb. Jeweils zwei Leute, sechs Tage die Woche, ehrenamtlich. Seit die neue Bar fertig geworden ist, bieten sie sogar wieder Popcorn an. Frida Werner, die ein freiwilliges soziales Jahr im Kino leistet, kümmert sich darum.

Sebastian Bethge sitzt im roten Drehsessel. Er lässt den Blick an die Saaldecke schweifen, wo Bretter ein Loch verdecken. Im Sommer, als sie angefangen haben, das Dach zu sanieren, ist ein Teil der alten Dachkonstruktion heruntergestürzt. Bethge ist im Verein zuständig für Baufragen. Er ist 26, studiert in Weimar Wirtschaftsingenieurwesen, Fachrichtung Bau. Er ist also schon seit ein paar Jahren weg aus Burg, dennoch ist er der Stadt und dem Kino treu geblieben. Weil es ihm Spaß macht. Weil er sich in der Praxis beweisen kann.

Und dann wirft er ein großes Wort in den Saal: Heimatverbundenheit. Er ist in Burg aufgewachsen. In der Kleinstadt nordöstlich von Magdeburg ist das kulturelle Angebot eher überschaubar. Es gibt ein Kabarett, eine Stadthalle, die Volksmusik, Schlager und andere Konzerte bietet, eine Bibliothek, eine Clausewitz-Gedenkstätte, diverse Vereine. Und ausgerechnet das Kino, das seit 100 Jahren zu Burg gehört wie das Knäckebrot, sollte es nicht mehr geben? Das Kino, in dem er als neunjähriger Steppke "König der Löwen" gesehen hat? Unmöglich!

Der "Weitblick"-Verein scheint in Burg einen Nerv zu treffen. Bei Menschen, die nicht nur Hollywood-Mainstream sehen möchten, sondern auch mal Arthouse. Die dafür aber nicht ins 30 Kilometer entfernte Magdeburg fahren wollen. Bei Älteren, die Multiplexe mit riesigen Sälen eher abschrecken. "Die mittlere und ältere Generation fühlt sich da nicht wohl", hat Bernd Goldbach beobachtet. "Die kommen gerne zu uns, weil sie in ihrer Jugend schon hier waren."

Deshalb wollen die Kino-Leute auch das Flair des "Burg-Theaters" erhalten. Die Bar. Das Foyer im Stil der 60er Jahre, in dem die Schwingtüren von bunten Mosaiken eingerahmt werden. "Wir wollen uns abheben", sagt Goldbach. Vielleicht macht das einen Teil ihres Erfolgs aus.

Wie viele andere hat der 49-Jährige Blut geleckt, als er 2010 von der Kino-Rettung erfuhr. Seine Arbeit als Oberarzt in der Unfallchirurgie des Burger Krankenhauses fordert ihn. Aber Kultur hat ihn sein Leben lang begleitet. "Jetzt sind die Kinder aus dem Haus, da bleibt mehr Zeit dafür." Seine Motivation: "Mich begeistert, was hier passiert. Und mich begeistern Filme." "Alexis Sorbas" etwa. Zigmal hat er den 1964 gedrehten Streifen mit Anthony Quinn gesehen. "Der macht Mut, weil er vermittelt, wie man mit Fehlschlägen umgeht. Das passt zu unserem Projekt."

Im vergangenen Jahr und im Jahr davor haben jeweils mehr als 9 000 Besucher das Konzept honoriert. Die Kinomacher sind noch nicht lange im Geschäft und haben schon Preise eingeheimst: Von der Mitteldeutschen Medienförderung für ihr Jahresprogramm. Vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien für ihre Kinder- und Jugendfilm-Auswahl. Das bedeutet Ehre, Ansporn und Geld - jeweils 2 500 Euro.

Jeder Cent zählt. Die Preisgelder fließen in die Sanierung und die Erweiterung, wie auch Fördermittel von der Stadt, vom Land und von Lotto-Toto. Handwerker aus der Region haben gute Preise gemacht. Das Gebäude hat der Verein mit Hilfe einer örtlichen Bank mittlerweile gekauft. Geschäftsleute und Bürger haben von Anfang an gespendet. "Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist riesig", sagt Sebastian Bethge. Wäre es anders, das Kino wäre wohl längst dicht.

Dennoch mussten sie lernen, genau zu kalkulieren und hart mit den Verleihfirmen zu verhandeln: Wie viele anspruchsvollere Filme können, wie viele Kassenschlager müssen sie zeigen, damit sie am Ende nicht in die roten Zahlen rutschen? "Wir müssen auch mal Filme ins Programm nehmen, die wir selber vielleicht nicht unbedingt anschauen würden. Aber so kommt Geld rein", sagt Bethge. Bisher geht die Rechnung auf. Damit das so bleibt, müssen die Zuschauer mitunter Geduld aufbringen. Den jüngsten Harry Potter etwa haben sie in Burg natürlich auch gezeigt. Aber erst mit drei Wochen Verspätung. Da war die sogenannte Mindestgarantie - der Betrag, den ein Kino für einen Film in jedem Fall an den Verleih zahlen muss - schon niedriger als beim Bundesstart.

Oben im Vorführraum steht Lutz Gräffner zwischen solider Technik aus den 1960er Jahren. Digitale Ausrüstung? In Burg ist sie noch Zukunftsmusik. Stattdessen links ein Projektor tschechoslowakischer Bauart, rechts ein sogenannter Filmteller. Auf seinen großen Scheiben liegen die Filmrollen, von dort werden sie in den Projektor gespult. Je ein baugleiches Gerät dient als Ersatzteilspender.

Gräffner ist der einzige hier, der fest angestellt ist, mit einem Minijob. Der 48-Jährige war Bauschlosser, Bürokaufmann, wurde arbeitslos. "Ich habe zu Hause gesessen und war unzufrieden", erzählt er. Nun muss er oft nachts arbeiten, doch das stört Lutz Gräffner nicht. Die Filme, die mittwochs am Ende der Kinowoche aus dem Programm gehen, müssen nach der Abendvorstellung noch in der Nacht abgespult und verpackt werden. Ein Kurier holt sie ab, das nächste Kino wartet schon.

Nur mit Klassikern, die eher selten gezeigt werden, kann Gräffner sich Zeit lassen. Er drückt auf einen Knopf, der Filmteller surrt und beginnt sich zu drehen. Gräffner spult den "Paten" ab. Für knapp 180 Filmminuten braucht er eine Stunde. In zwei Stunden beginnt die Nachmittagsvorstellung.