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Bundeswehr: Katz und Maus in der Altmark

Uhr | Aktualisiert 17.09.2012 01:30 Uhr

Polizeibeamte halten einen Demonstranten nach einer ungenehmigten Spontandemonstration auf der B 71 fest. (FOTO: DPA)

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Bundeswehrgegner protestieren in der Altmark gegen ein Gefechtsübungszentrum. Versuche es lahmzulegen scheitern. Rund 1000 Polizisten aber werden in Trab gehalten.
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Letzlingen/MZ. 

Wie der Tag abläuft, ist früh klar. Rund 200 Bundeswehrgegner, heißt es bei der Polizei am Samstagvormittag, haben die Nacht in einem Protestcamp westlich von Letzlingen (Altmark) verbracht. Das Camp ist nun fast leer, nur 40 Menschen sind gerade auf einer offiziellen Demo nahe der Sperrzone des Bundeswehr-Truppenübungsplatzes. Und der Rest? Die Frage löst vielsagende Blicke bei den Polizisten aus.

An Straßen rund um Letzlingen werden Autos beobachtet, die Demonstranten absetzen. In kleinen Gruppen versuchen sie, durch die Wälder auf das Militärgelände zu gelangen. Der Betrieb des Gefechtsübungszentrums (Güz) soll lahm gelegt werden, haben die Organisatoren des Camps "War starts here" (Krieg beginnt hier) angekündigt. Rund 1 000 Polizisten sollen das verhindern. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das den ganzen Tag anhalten wird.

Auf dem Markt von Letzlingen, wo die ganze Woche eine Mahnwache läuft, ist es derweil ruhig. Nur wenige halten hinter Bannern mit Aufschriften wie "Von der Heide in die Welt - Kriegseinsätze, pfui Teufel" den Anlaufpunkt besetzt. Militärgegner wie Sascha Schmidt (40), der sonst, wie er vage sagt, "Sachen mit Büchern macht". Seit Mittwoch ist der Berliner da. Und klagt nun über intensive Polizeikontrollen, weshalb das Essen aus der Camp-Küche nur lauwarm ist, wenn es in Letzlingen ankommt.

Immer wieder werden sich später Demonstranten beschweren über Polizeikontrollen, das Filzen von Taschen und Rucksäcken, Leibesvisitationen. Schikane sei das. Die Polizei argumentiert anders: Neben friedlichen Demonstranten seien militante linke Gewalttäter identifiziert worden, die unter anderem an Brandstiftungen und Sprengstoffdelikten auf Bundeswehrfahrzeuge beteiligt waren. "Darunter", heißt es, "befand sich auch eine frühere Unterstützerin der ehemaligen RAF-Terroristen."

Während sich auf der einzigen Demonstration, die das Magdeburger Oberverwaltungsgericht auf Antrag eines Bankangestellten aus dem Wendland genehmigt hatte, rund 100 Menschen einfinden, während sie singen und einen Baum pflanzen, harren andere aus Protest gegen die Polizei an der letzten Kontrollstelle aus. Am Nachmittag kommt es zu einer Sitzblockade, 60 Demonstranten blockieren unweit davon zudem die B 71 - die Polizei greift ein. Überwiegend aber bleibt es friedlich. Und ein Ziel haben die Protestler erreicht: Aufmerksamkeit.

"Uns ging es darum, dass das hier nicht klammheimlich passiert", sagt Detlef Mielke (59), Sozialarbeiter aus Bad Oldesloh, auf dem Rückweg von der offiziellen Demo. "Das hier" ist die Vorbereitung von Soldaten auf Auslandseinsätze, der geplante Bau einer 100 Millionen Euro teuren Übungsstadt "Schnöggersburg" auf dem Gelände. Beides erhitzt die Gemüter. Das von Mielke, das der 75-jährigen Uta S. aus Hamburg, "Friedensaktivistin seit 30 Jahren", wie sie sagt. Oder von Rentner Rudolf Bierstedt, der vom Kriegsende im nahen Gardelegen erzählt.

In Letzlingen selbst aber stoßen die Demonstranten auf wenig Verständnis. Es gab Einwohner, die Kuchen und Obst bringen, erzählen sie. Doch die meisten sind froh über die Soldaten in der Nachbarschaft. Für Gastwirt Karell Lüders war die Bundeswehr ausschlaggebend dafür, ein Restaurant zu eröffnen. Nach Übungen rücken gleich mal 40 Soldaten bei ihm ein. "Der Ort ist relativ gesund", sagt er - wegen der Bundeswehr, wegen der Jobs, die Letzlinger in dem Güz haben. "Wir leben wunderbar mit denen", bekundet auch Abdul Robovci. Und selbst wenn man über Afghanistan-Einsätze streiten könne: "Eine Armee braucht jedes Land", sagt eine Anwohnerin, die das Treiben der Bundeswehrgegner "mit Unbehagen" beobachtet.

Im Güz selbst gibt sich dessen Chef, Oberst Dieter-Uwe Sladeczek, am späten Nachmittag relativ entspannt. Soldaten, die Ende Oktober nach Afghanistan sollen, haben gerade ihre Übung zum Verhalten im Hinterhalt beendet. "Wir haben sie genauso durchgeführt, wie wir uns das vorgenommen haben", betont er. Trotz einiger Zwischenfälle: Demonstranten ist es gelungen, auf das Militärgelände vorzudringen, einen Panzer mit Farbe zu besprühen, mit Glassplittern gefüllte Farbbeutel auf ein Gebäude zu werfen. 40, schätzt Sladeczek, sind am Nachmittag noch in der Sperrzone. Das geplante Lahmlegen des Güz aber ist gescheitert. Und die Polizei? Bilanziert am Ende 700 Identitätsfeststellungen - von vielen Demonstranten mehrfach -, 137 Platzverweise, 24 Festnahmen und 64 Anzeigen unter anderem wegen Sachbeschädigung oder Widerstandes gegen Polizisten.

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