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Bad Schandau: Das Wasser ist weg - die Urlauber auch

Uhr | Aktualisiert 16.08.2010 08:08 Uhr
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Unrat

In flussnahen Straßen ist der Schaden immens - ein Großteil von Bad Schandau blieb jedoch verschont. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

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Der August, erzählt Christoph Hasse, ist der beste Monat auf seinem Campingplatz. Mitten im romantischen Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz gelegen, unweit des beliebten Kurortes Bad Schandau, schlagen dann viele Wanderer hier ihr Zelt auf oder lassen sich mit ihrem Wohnwagen nieder.
BAD SCHANDAU/MZ. 

"Das ist die Zeit, in der wir das Geld für den Winter verdienen", so der 33-Jährige, der den Platz im Januar von seinen Eltern übernommen hat. "An Sommerwochenenden sind rund 300 Gäste hier." Normalerweise.

Diesen Samstagnachmittag ist alles anders. Genau eine Woche ist es her, dass die Kirnitzsch, ein kleiner Nebenfluss der Elbe, nach starken Regenfällen über die Ufer trat und sich eine Welle aus Wasser und Schlamm durch flussnahe Straßen in Bad Schandau und das Kirnitzschtal wälzte. Sie riss Brücken und ganze Straßenabschnitte mit sich, ergoss sich in Keller und Wohnungen. "Zwei Wohnwagen sind weggeschwommen", erzählt Hasse. Von früh bis spät ist er damit beschäftigt, die Schäden zu beseitigen. Ein zinsgünstiger Kredit, wie vom Land Sachsen in Aussicht gestellt, helfe ihm kaum. Wegen der Modernisierung der Sanitäranlagen habe er bereits einen Kredit. Rund 40 Helfer packen an diesem Samstag mit an - ungefähr genauso viele, wie Gäste auf dem Platz sind.

Denn nachdem die anliegende Straße wieder befahrbar war, folgte die große Abreisewelle. Rund 85 Prozent der Vorbestellungen auf dem Campingplatz seien storniert worden, so Hasse. Dabei wurden Stellplätze und Wege zum Großteil bereits wieder in Ordnung gebracht. Doch Telefonanfragen kann er nicht entgegennehmen: Die Leitung ist noch immer gekappt. Und Handy-Empfang hat man in dem Tal nicht. Ein Kollege bearbeitet von zu Hause aus E-Mails. Mit Grauen denkt Hasse an das Elbehochwasser 2002, das auch Bad Schandau traf. "Damals hatten wir hier gar keinen Schaden - aber es war noch jahrelang in den Köpfen der Gäste drin."

Daran erinnert sich auch Reimo Seidel, der auf dem Campingplatz ein Lokal betreibt. Dort herrscht gähnende Leere: "Heute war noch kein Gast da." Für die Tourismusregion ist das erneute Hochwasser nach 2002 und 2006 ein herber Schlag - zumal es mitten in der Hochsaison kam. Während die Schäden an Gebäuden und Straßen nach und nach behoben werden, ist der Imageschaden schwieriger zu bewältigen. Reisen auch für den Herbst seien storniert worden, so Bad Schandaus Bürgermeister Andreas Eggert (parteilos), der an Touristen appelliert, nicht fernzubleiben: "Am meisten wäre uns geholfen, wenn der Tourismus wieder auf Hochtouren laufen würde - wie sonst zu dieser Zeit." Das Aufräumen läuft zwar noch, "aber der Tourist wird nur wenig beeinträchtigt." Viele Leute ließen sich oft nicht überzeugen - "gerade jene, die zum ersten Mal herkommen wollten."

Natürlich sind die Folgen noch sichtbar: Am Flussufer liegen umgestürzte Bäume, vor einigen Häusern Sperrmüll und Container, im Stadtpark sind Laternen umgeknickt, Zäune eingedrückt. Mancher Wanderweg ist noch gesperrt und die Kirnitzschtalbahn, sonst eine Attraktion, fährt nicht. Doch der überwiegende Teil von Bad Schandau und der Umgebung ist - anders als 2002 - verschont geblieben. Und so sieht man in dem Ort Touristen Eis schleckend durch die hübschen Straßen bummeln und in den Cafés sitzen. Vielerorts wirkt es hier, als sei nichts passiert.

"In der Stadt vergisst man das Hochwasser ganz schnell", sagt denn auch Marlies Luckmann aus Hamburg, die mit ihrem Mann zum Wandern ins Kirnitzschtal gereist ist - trotz Hochwasser. Zu ihrer Ferienwohnung führt eine Straße, die überflutet wurde. "Der Anblick ist natürlich bedrückend", sagt sie. Den Urlaub genießt das Paar trotzdem. "Die tollen Berge und Ausblicke lohnen auf jeden Fall." Auch die Wander-Fans Ilka Meyer und Frank-Christian Tübbicke aus Schönebeck sind bei ihrem geplanten Kurzurlaub in die Region im Elbsandsteingebirge geblieben - nach einem Anruf beim Gastgeber. "Es ist klar, dass viele Leute erst einmal beunruhigt sind - aber man sollte sich nicht abschrecken lassen", sagt er. Und sie meint: "Wir haben keine Einschränkungen."

Rainer König, Inhaber des Gasthofes "Lichtenhainer Wasserfall" am gleichnamigen Besuchermagneten, kann derzeit indes keine Gäste empfangen. Der ehrenamtliche Pegelbeobachter musste vorige Woche mit ansehen, wie der Fluss den Gasthof überschwemmte - und nun, wie die Touristen vorübergehen. "Die Schäden kriege ich ersetzt, aber nicht den fehlenden Umsatz."

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