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Ausflugsziele - Teil 3: Kultur per Straßenbahn

Uhr | Aktualisiert 03.01.2011 20:18 Uhr
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Linie 7

Straßenbahnfahrerin Gesine Jeltsch kommt mit der Linie 7 auch am Landesmuseum für Vorgeschichte vorbei. (FOTO: LUTZ WINKLER)

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Von der Himmelsscheibe über Händel bis zum Schokoladenmuseum: Viele der Attraktionen in Halle können mit der Tram erreicht werden. MZ-Serie, Teil 3.
WÖRLITZ/MZ. 

Von der Himmelsscheibe über Händel bis zum Schokoladenmuseum: Viele der Attraktionen in Halle können mit der Tram erreicht werden. MZ-Serie, Teil 3.

"Ein Ticket zur Himmelsscheibe, bitte." Wenn Straßenbahnfahrerin Gesine Jeltsch am Wochenende mit der Linie 7 in Halle unterwegs ist, klopft es mit diesem Wunsch besonders oft an der Kabinentür. Dann sind viele Besucher in der Stadt - und die nutzen gerne die "Kulturlinie 7", wie sie seit dem Sommer von der Halleschen Verkehrs-AG (Havag) beworben wird. Denn die Linie hat ihre Haltepunkte an vielen Touristenmagneten der Stadt: Händelhaus, Moritzburg, Schokoladenfabrik, Roter Turm, Burg Giebichenstein, Franckesche Stiftungen.

Gesine Jeltsch könnte noch mehr aufzählen - wenn sie mit eben jener Linie 7 nicht dringend los müsste. Rein in die Innenstadt geht es von der Grenzstraße im Osten der Stadt aus, dem Ausgangspunkt für eine Tour auf Schienen zu Halles Schätzen - für jedes Alter und Touristen genauso wie Einheimische. Die erste Station liegt nun bereits hinter uns, denn sie befindet sich nur fünf Gehminuten von hier entfernt: die Halloren Schokoladenfabrik mit ihrem Museum.

"Das muss man sich bei einem Besuch in Halle einfach angucken", sagt Waltraud Schulze aus Wolfsburg, die mit ihrer Schwester in einer Besuchergruppe hergekommen ist. Vorbei geht es an der 200 Kilo schweren, größten Hallorenkugel der Welt, am köstlich dahinplätschernden Schokobrunnen und einer Galerie, bei der man sich bereits einen Vorgeschmack auf weitere mögliche Stopps holen kann: Sie zeigt einige von Halles Wahrzeichen in Schokolade. Am bekanntesten ist aber ein anderes "Ausstellungsstück": ein ganzes Zimmer mit Wänden aus - was sonst? - Schokolade.

"Los geht es", sagt Gesine Jeltsch nach der kurzen Pause an der Endhaltestelle und steuert die Bahn von dort Richtung Bahnhof und Riebeckplatz. Wenige Minuten später kündigt eine Frauenstimme vom Band bereits den nächsten Höhepunkt an: "Franckeplatz - Zugang zum europäischen Kulturdenkmal Franckesche Stiftungen." Der vor 20 Jahren begonnene Wiederaufbau des damals vom Zerfall bedrohten historischen Ensembles wurde 2010 groß gefeiert - wobei es sich auch Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Ehrenbürger von Halle, nicht nehmen ließ, in die vor mehr als 300 Jahren von August Hermann Francke gegründete Schulstadt zu kommen.

Tausende Touristen besichtigen hier jedes Jahr einmalige Sammlungen wie die Historische Bibliothek oder das mit 114 Metern längste Fachwerkhaus Europas. Und die barocke Kunst- und Naturalienkammer im Historischen Waisenhaus der Stiftungen hält so manche Kuriosität parat - vom tätowierten Fisch bis zum mit Stroh ausgestopften Nil-Krokodil.

Georg Friedrich Händel, der berühmteste Sohn der Stadt, ist von hier aus nur eine Haltestelle entfernt. In Bronze blickt er auf den Marktplatz - und muss sich die Aufmerksamkeit der Touristen mit Sehenswürdigkeiten wie dem Roten Turm oder der Marktkirche teilen, die zusammen die für Halle typische Silhouette der fünf Türme bilden. Händel-Fans pilgern ins nahe Geburtshaus des Barockkomponisten, das heute ein Musikmuseum ist. Zu seinem 250. Todestag im Jahr 2009 wurde das Händelhaus nach einer Umgestaltung neu eröffnet - und sorgte damit für Aufsehen und Besucherrekorde.

Ähnlich war es bei der Neueröffnung des Landeskunstmuseums Moritzburg, in dessen Nähe Gesine Jeltsch ihre Bahn drei Fahrminuten vom Marktplatz entfernt zum Stehen bringt. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich im Dezember 2008 zur festlichen Wiedereröffnung der Moritzburg nach ihrem Ausbau angetan. Seither kommen nicht nur Kunstliebhaber, sondern auch viele Architektur-Fans zu dem Museum, das kurz nach seiner Eröffnung wegen Baumängeln jedoch zeitweise geschlossen werden musste.

Die Kunst steht aber weiter im Mittelpunkt: Zu sehen sind Werke von der frühen Moderne des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, darunter von Franz Marc, Gustav Klimt oder Lyonel Feininger. Zudem wird die Sammlung Hermann Gerlinger gezeigt, die sich der Künstlergruppe "Die Brücke" widmet.

Es waren die vielen Fragen von Touristen nach dem Weg zu Halles Sehenswürdigkeiten, die aus der Linie 7 die "Kulturlinie 7" gemacht haben, erzählt Havag-Sprecherin Antje Prochnow. Denn durch sie wurde offensichtlich: Diese Linie hat eine ganz besondere Streckenführung. "Wir haben uns gesagt, da müssen wir was daraus machen." So gibt es nun einen Flyer zu der Strecke. Dieses Jahr soll sie im Internet und Lokalfernsehen vermarktet werden. "Mit der Straßenbahn kann man die Stadt aus einem anderen Blickwinkel entdecken", sagt Prochnow. Man komme an Orte, die mit dem Auto mitunter so nicht erreichbar sind und lege Entfernungen zurück, die zu Fuß schwierig zu bewältigen wären. "Die Linie 7 führt ja bis zur Natur, der Heide in Kröllwitz."

Zuvor aber macht sie Halt am Landesmuseum für Vorgeschichte, wo der Besucher von einem fünf Meter großen Eurasischen Altelefanten begrüßt wird. Wegen der enormen Resonanz ist die Sonderschau "Elefantenreich", die auf archäologischen Funden im Tagebau Neumark-Nord bei Mücheln gründet, bis 30. Januar verlängert worden.

Größter Publikumsliebling ist aber ein anderes Ausstellungsstück: die 3 600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, die hier seit Mai 2008 zu sehen ist. "Damals gab es hier einen Riesenansturm", erinnert sich Straßenbahnfahrerin Jeltsch. Und Isabel Hermann, Sprecherin vom Stadtmarketing, sagt: "Die Himmelsscheibe ist nach wie vor ein absoluter Besuchermagnet und ein echter Schatz für Halle."

Als die Bahn wenige Stationen später auf die Kröllwitzerbrücke über die Saale biegt, offenbart der Blick rechts Burg Giebichenstein, der Joseph von Eichendorff einst seinen Lobgesang "Da steht eine Burg überm Tale" widmete. Und selbst jetzt, da der Schnee nur wenig Platz für Grün lässt und der Nebel die älteste der Saaleburgen umhüllt, ist ihre Pracht unübersehbar.

"Am schönsten ist es, wenn man ganz früh über die Brücke fährt - dann, wenn noch kaum Autos unterwegs sind", schwärmt Gesine Jeltsch, die seit mehr als 20 Jahren Straßenbahnen durch die Stadt steuert, vom Anblick der im Dunkeln angestrahlten Burg. "Das ist ein herrliches Fahren." Allerdings wohl nur für Frühaufsteher: Die Straßenbahnfahrerin meint damit Zeiten gegen vier oder fünf Uhr. Nach dem Halt an der Endhaltestelle in Kröllwitz muss für den Halle-Besucher aber noch nicht Schluss sein. Auf dem Weg der Linie 7 liegen mit Beatles-Museum, Universitätsplatz und Neuem Theater noch viele weitere sehenswerte Orte.

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