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Angriffe aus der Luft: Immer mehr Raben in Sachsen-Anhalt

Krähen

Wenn Krähen gleich in Schwärmen einfliegen: Oft sind es Hunderte, die sich in hohen Bäumen versammeln.

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dpa

Ihr Beutezug in der halleschen Saaleaue ist meist erfolgreich. Entdecken Rabenvögel etwas, das ihnen fressbar erscheint, gehen sie für Spaziergänger überraschend zur Attacke über. Die rabenfrechen Angriffe häufen sich vor allem in den Herbst- und Wintermonaten. Offenbar besonders betroffen sind städtische Grünanlagen. Es gibt Beschwerden bei Ordnungsämtern, aber kaum Möglichkeiten zur Gegenwehr. Übeltäter seien oft Saatkrähen, sagt Gunthard Dornbusch von der Staatlichen Vogelschutzwarte in Steckby (Anhalt-Bitterfeld). In Schwärmen lassen sie sich in Parks nieder. Zählungen belegen, dass sich die Bestände in Sachsen-Anhalt seit 1990 mehr als verdoppelt haben.

Es gibt vieles, was Krähen anlockt, erläutert Dornbusch. Jüngst auf der Peißnitz-Insel in Halle war es eine offene Kekstüte in einem Kinderwagen. Sturzflug, zwei, drei Hiebe mit dem Schnabel, schon schnappt einer der Vögel zu und dreht damit ab. Seine Begleiter folgen ihm mit krächzendem Geschrei. Kinder und Eltern auf dem Spielplatz sind völlig überrascht.

„So etwas passiert hier nicht zum ersten Mal“, sagt Angler Albert Rödel, der in der Gegend täglich mit seinem Fahrrad unterwegs ist. Erst kürzlich hätte ihn eine Krähe attackiert und sogar die Mütze vom Kopf ziehen wollen. Wahrscheinlich habe der Eimer mit Fischen auf dem Gepäckträger die Gier des Tieres angefacht. Auch Monika Fechner aus dem nahen Mühlwegviertel ist nicht gut auf die Vögel zu sprechen. Raben, sagt sie, hätten ihr sogar schon den Weihnachtsbraten ruiniert. Dabei habe sie das Huhn nur kurze Zeit auf den Balkon gelegt. „Danach war es fast nur noch Hackfleisch.“

Lärm und Schmutz

Inzwischen befasst sich auch das Landesverwaltungsamt mit den Rabenvögeln. Laut Sprecherin Denise Vopel halten sich Saatkrähen vorrangig in besiedelten Bereichen auf und bereiten dort Probleme durch Lärm und Verschmutzungen mit Kot. Ärger machen aber auch Aaskrähen, die verstärkt einwanderten. Dazu kommen noch große Schwärme, die im südlichen Sachsen-Anhalt überwintern. Vertrieben werden könnten die Störenfriede aus den Städten aber nicht.

Vopel: „Außer man würde sie alle töten oder alle hohen Bäume fällen.“ Die Erfahrungen zeigten, dass sich an einer Stelle erfolgreich vertriebene Rabenvögel oft dort neu ansiedelten, wo sie noch mehr störten. Auch deshalb erteile das Landesverwaltungsamt nur selten eine Genehmigung für die Beseitigung von Saatkrähennestern. Im Vorjahr sei das nur fünf Mal passiert.

Nach jüngsten landesweiten Zählungen gibt es mindestens 3 600 hier dauerhaft heimische Brutpaare, die in kleineren und größere Kolonien leben. Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele Saatkrähen, die für einige Monate aus dem Baltikum und aus Russland herüber kommen. Krähen-Experte Dornbusch macht dabei eine Tendenz aus. „Vögel zieht es seit einigen Jahren in die Stadt, weil sie hier leichter Futter finden, vor allem in der kalten Jahreszeit.“ Zudem vermutet der Experte, dass die Krähen in einem Erholungsgebiet häufig gefüttert werden. „Vor allem Saatkrähen sind erwiesenermaßen gelehrig und leiten daraus so etwas wie ein Gewohnheitsrecht ab.“

Welche Erfahrungen ein Gärtner aus Trotha mit den Tieren gemacht hat und warum den Gemeinden bei der Problematik die Hände gebunden sind, lesen Sie auf Seite 2.

Was das im Einzelfall auch bedeuten kann, erzählt Hobby-Gärtner Erwin Schröter aus dem Stadtteil Trotha: „Die Raben haben in diesem Herbst nahezu jeden zweiten Apfel am Baum mit ihren harten Schnäbeln angehackt - vor allem die rotbackigen Früchte“. Vieles habe er ausprobiert, aber weder Klappern noch Reflexstreifen im Geäst hätten sich als abschreckend erwiesen. Sein Vorschlag: „Da müssen endlich die Jäger ran.“

Landesjagdverband hüllt sich in Schweigen

Während der Naturschutzbund Nabu solche Pläne ablehnt - auch weil die Vögel viele Schädlinge, Käfer und Läuse fressen - hüllt sich Landesjagdverband in Schweigen. So gibt es keine Aussage, wie viele Rabenvögel jährlich abgeschossen werden. Ein Wunder ist das nicht, denn die Chancen für die Jagd auf Rabenvögel stehen in Sachsen-Anhalt schlecht. Nicht nur, weil innerhalb von Kommunen ohnehin nur in seltenen Ausnahmefällen geschossen werden darf. Rabenvögel, zu denen neben Nebel- und Rabenkrähen auch Kolkraben, Elstern und Eichelhäher zählen, können hierzulande nur zeitlich eingeschränkt oder gar nicht bejagt werden. Und Saatkrähen stehen sogar gänzlich unter Naturschutz.

Damit sind auch den Gemeinden die Hände gebunden. Nur wenn Verschmutzungen ein unerträgliches Maß erreichten oder die Gesundheit nachweislich gefährdet sei, dürfe gehandelt werden, heißt es. Selbst Aktionen, die auf die Vertreibung der Tiere zielen, sind laut Landesverwaltungsamt genehmigungspflichtig und an strenge Auflagen gebunden. MZ-Leser aus Eisleben (Mansfeld-Südharz) können das bestätigen. Obwohl sich viele Anwohner am Stadtpark vom Lärm und Dreck der Krähen massiv gestört fühlten, wollte die Behörde unter Hinweis auf den Naturschutz nicht eingreifen.

Unerreichbar für die Feuerwehr

Gleichzeitig rücken weitere Probleme ins Blickfeld. Erstens: Die Vögel bauen ihre Nester oft hoch in Bäume oder wie in Großkorbetha (Burgenlandkreis) sogar auf Strommasten. Damit sind sie mit einer normalen Feuerwehrleiter kaum erreichbar. Zweitens: Werden Krähen an einer Stelle vertrieben, berichtet Wolfgang Brandt nach einer solchen Aktion in Eisleben, weichen sie aus, suchen und finden gleich in der Nähe neue Nistplätze.

Landesweit am härtesten trifft es seit Jahren vermutlich die Stadt Kalbe an der Milde (Altmark). Dort hilft nicht einmal das Herunterspritzen der Nester von den Bäumen mit Feuerwehrschläuchen. Im Gegenteil: Immer noch zählen Vogelkundler deutlich mehr als 1 000 Saat- und andere Krähen, die in den Grünanlagen heimisch sind. Und die Kolonie wächst weiter. (mz)

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