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Angeklagter Polizist: Nach Jallohs Tod ist nichts mehr, wie es war

Uhr | Aktualisiert 17.01.2013 11:37 Uhr

Acht Jahre nach der Tragödie hat der angeklagte Polizist ein Urteil - aber ein Ende der juristischen Auseinandersetzung ist noch nicht in Sicht. (ARCHIVFOTO: DPA)

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Andreas Schuster war Dienstgruppenleiter im Dessauer Polizeirevier, als Oury Jalloh in einer Zelle starb. Nach acht Jahren vor Gericht ist nichts im Leben des 51-Jährigen mehr wie vorher.
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Dessau-Rosslau/MZ. 

Der Krebs kam nach dem Freispruch im ersten Verfahren. Als hätte der Körper alle Spannung verloren, als wäre das Immunsystem einfach zusammengeklappt. 21 Monate lang hatte Andreas Schuster, der in Wirklichkeit nicht ganz so heißt, auf seine Art gegen das angekämpft, was von außen auf ihn einprasselte. Schuster, ein hagerer Mann mit lichtem dunkelblondem Haar und durchscheinender Haut, versuchte zu verdrängen, versuchte, nichts wahrzunehmen. "Und den Rest", sagt ein guter Bekannter, "hat er in sich hineingefressen".

Die Minuten an jenem 7. Januar 2005, als der Asylbewerber Oury Jalloh in Zelle 5 des Dessauer Polizeireviers an einem Hitzeschock starb. Die Verwirrung, die den verantwortlichen Dienstgruppenleiter Andreas Schuster wie eine Lawine unter sich begrub. Dann die Suspendierung. Die Ermittlungen. Die Anklage. Die Verhandlungstermine. Den Schlaganfall. Die Verzweiflung seiner Frau. Schuster hat es runtergeschluckt und in sich behalten. "Die Familie hat keine Zeitungen mehr gelesen und kein Fernsehen geschaut", sagt Rechtsanwalt Attila Teuchtler, der Schuster über all die Jahre verteidigt hat.

Nichts hören, nichts lesen

Sie wollten nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nicht mehr an sich heranlassen, was andere über diesen 7. Januar zu sagen hatten, an dem das Leben des Polizeibeamten Andreas Schuster binnen einiger Augenblicke zu Staub zerfiel.

Dabei war kurz vor zwölf Uhr mittags noch alles so gewesen, wie es sein soll. Hauptkommissar Schuster führt seine Wache durch einen gewöhnlichen Tag. Bis auf einen Mann aus Sierra Leone, den eine Streife in eine Verwahrzelle gesperrt hatte, weil er betrunken Frauen belästigte und sich nicht ausweisen wollte, alles wie immer.

180 Sekunden später aber ist nicht nur der Mann im Keller tot, sondern auch der Polizist Andreas Schuster erledigt. So wie Oury Jalloh zum Opfer eines angeblich über Leichen gehenden Polizeiapparates erklärt wird, findet sich Schuster als Symbol eines vermeintlichen Systems struktureller Gewalt gegen Migranten auf der Anklagebank wieder. Acht Jahre hat er dort seitdem gesessen, an 125 Verhandlungstagen in zwei Prozessen.

Kurz vor Weihnachten 2012 ist Andreas Schuster schließlich im zweiten Prozess verurteilt worden, eine Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen zu zahlen. Er habe hingenommen, dass es im Revier zu wenig Beamte gab, um den an eine Liege gefesselten Jalloh optisch zu überwachen. Statt dagegen bei Vorgesetzten zu protestieren, so das Gericht, habe er den unhaltbaren Zustand, der im Revier seit Jahren üblich war, akzeptiert und damit fahrlässig getötet. Denn als Oury Jalloh sich mit einem Feuerzeug selbst in Brand setzt, so war das Gericht überzeugt, ist niemand nahe genug, noch Hilfe leisten zu können.

Die Verurteilung Schusters ist ein Freispruch für Dienstvorgesetzte - und letztlich auch für die Politik. Die hatte es unter Verweis auf den Datenschutz abgelehnt, Gewahrsamszellen mit Kameras auszurüsten. "Auch die Dienststärke im Revier hat nicht Herr Schuster festgelegt", sagt Attila Teuchtler.

Und doch saß Schuster allein auf seinem Stuhl hinter dem Tisch der Verteidigung, die Hände knetend, die Wangen eingefallen, die Schultern unter einer unsichtbaren Last gebeugt. Er ist nie zusammengebrochen, obwohl er auf dem langen Weg von der ersten Anklage bis zum Magdeburger Urteil vom möglichen zum einzigen Schuldigen an Oury Jallohs Tod geworden ist.

"Stoisch", sagt Anwalt Teuchtler, habe sein Mandant überspitzte Darstellungen in der Öffentlichkeit, den immer wieder wiederholten Vorwurf des Mordes und selbst Schmierereien an seinem Haus hingenommen. "Die Polizei fährt jetzt dort Streife", sagt Teuchtler.

Normalität nach außen. Leiden nach innen. Nichts ist mehr, wie es war. Andreas Schuster macht, nachdem seine Suspendierung aufgehoben wurde, Innendienst, Verwaltungssachen. Ein Papierpolizist, kein Operativer. Die Blutwerte sind wieder in der Norm, im Moment. Es ist nicht gut, aber es ist besser, sagt Teuchtler. Besser zumindest als am Anfang, als Andreas Schuster suspendiert war. "Wenn er damals zu Hause den Schrank geöffnet hat, in dem seine Uniformjacke hin, brach er jedesmal in Tränen aus."

Weihnachten hat die Familie trotzdem nicht gefeiert, wie seit sieben Jahren nicht. Kein Baum, keine Geschenke. Strafe. "Er empfindet keine Schuld, aber er fühlt sich verantwortlich", sagt Teuchtler, der das Innere seines Mandanten nach hunderten Gesprächen besser kennt als jeder andere.

Was wäre wenn gewesen? In welcher Sekunde wurden die Weichen Richtung Tragödie gestellt? Jeden Tag und immer wieder grübelt Schuster über diese Fragen, eingesperrt in ein Gefängnis aus düsteren Gedanken. "Er hat seine Familie und er bekommt Zuspruch von Freunden und Kollegen", sagt Teuchtlers Anwaltskollege Hans-Jörg Böger, "aber am Abend ist er mit der Sache allein." Und die Sache ist so groß, dass ein Einzelner sie kaum tragen kann. Aus dem Kammerspiel um einen Todesfall in Polizeihaft ist eine Staatsaffäre geworden, von deren Gewicht Schuster langsam zerdrückt wird.

Drei Minuten Tragödie

Es fing in jenen drei Minuten an, in denen er das "plätschernde Geräusch" aus dem Zellen-Lautsprecher hörte, in denen der Feueralarm losheulte, in denen er den Schlüssel zur Zelle und einen Begleiter holte und in denen er zu spät kam, noch irgendjemanden zu retten. Schon 30 Sekunden nach Ausbruch des Feuers war Oury Jalloh tot, hat das Gericht nach Aussagen einer ganzen Gutachterriege geurteilt. 30 Sekunden nach Ausbruch des Feuers war auch Schusters normales Leben beendet. Noch am Nachmittag wird er zum ersten Mal befragt, ebenso seine Stellvertreterin, die in Tränen aufgelöst ist. "Zu dem Zeitpunkt stand er unter Schock", sagt Teuchtler, "er wusste später nicht mehr, was er da gesagt hat". Sein Mandant aber habe nie nach Ausflüchten gesucht, nie versucht, sich hinter Kollegen zu verstecken. "Er will sich ja seiner Verantwortung stellen", sagt Böger.

Doch nach acht Jahren unter dem Damoklesschwert einer Verurteilung, die ihn noch weit mehr als nur Gesundheit und guten Ruf kosten könnte, ist Schuster am Ende, obwohl Kollegen sammeln, um ihm bei der Geldstrafe zu helfen. "Er hat einfach keine Kraft mehr"; sagt Teuchtler, "er will eigentlich nur noch, dass es vorüber ist."

Ein Wunsch, weit weg wie der, das alles möge nie geschehen sein. Nicht nur Andreas Schusters Verteidiger, sondern auch Staatsanwaltschaft und Nebenklage haben gegen das Urteil Revision eingelegt. Eine Entscheidung darüber fällt vielleicht noch in diesem Jahr.

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