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Amoklauf in Ballenstedt: Mit Messern und Feuer

Uhr | Aktualisiert 16.04.2013 11:05 Uhr
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Zwei Beamte

Zwei Beamte bei ihren ersten Ermittlungen nach dem Alarm in der Schule (FOTO: CHRIS WOHLFELD)

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BALLENSTEDT/MZ. 

Am Mittwoch gegen 7.45 Uhr im Ballenstedter Wolterstorff-Gymnasium: Ein 13-jähriges Mädchen steht im Schulflur, im Arm zwei Literflaschen Mineralwasser. Doch es hat nicht vor, die Flaschen auszutrinken. Die sind gefüllt mit einem Gemisch aus Rasenmäherbenzin, Parfüm und Deo. Wenig später ein Knall - ein Teil des Fußbodens steht sofort in Flammen. Die erst im Sommer installierten Feuermelder springen sofort an, so dass die Schulleitung einen Notruf absetzen kann. Obwohl die Brandstellen - eine auf dem Teppich in einem Flur, eine im Treppenhaus - auf den Fluchtwegen sind, kann die Schule schnell evakuiert werden - noch vor dem Eintreffen von Polizei und Feuerwehr um 8.05 Uhr.

Unter den Schülern und Lehrern, die nach draußen eilen, ist auch das Mädchen. Mit einem Messer bedroht es auf dem Schulhof andere Schüler, bewaffnet ist es außerdem mit drei weiteren Messern, einer Axt und mehreren Feuerzeugen. Wie Polizeisprecher Uwe Becker später sagt, lässt sich der Teenager nach Eintreffen der ersten Beamten die Waffen widerstandslos abnehmen. Kinder und Lehrer sind sichtlich geschockt, viele rufen über Handy ihre Eltern an. Manche sind ganz still, andere reden aufgeregt durcheinander. Achtklässler Felix (alle Namen geändert) ist am Morgen noch mit dem Mädchen im Schulbus unterwegs gewesen. Etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist ihm nicht, sagt er. Allerdings: "Sie hat sich immer schwarz angezogen und über Facebook angekündigt, dass sie nach dem Schulbesuch nicht mehr leben werde", berichtet der Junge. Yasmine, ein Mädchen aus einer anderen 8. Klasse sagt: "Sie hat am Morgen Mitschülerinnen eine SMS geschickt. Sie sollten nicht zur Schule gehen, weil etwas Schreckliches passieren würde." Außerdem habe die 13-Jährige einen Amoklauf im Internet bei "Schüler.CC" angekündigt, was aber wohl keiner richtig ernst genommen habe. "Sie fühlte sich gemobbt. Aber dafür gab es keinen Grund." Merkwürdig findet Yasmine den Benutzernamen der Amokläuferin: "Anti Alles".

Dass das Kind die Tat offensichtlich angekündigt hat, wird später am Tag auch vom Innenministerium bestätigt. Die Schulleitung habe nichts davon gewusst, sagt indes die stellvertretende Chefin Christa Weber und fügt hinzu: "Die Eltern des Mädchens müssen aber schon am Morgen etwas geahnt haben, weil das Benzin und die Axt aus der Garage verschwunden waren." Der Vater habe erfolglos versucht, seine Tochter auf dem Handy anzurufen. Weber vermutet familiäre Probleme als Hintergrund der Tat. Noch am Morgen wird die Schülerin von ihren Eltern in eine psychiatrische Klinik gebracht.

In der Schule ist inzwischen auch Ballenstedts Bürgermeister Michael Knoppik (CDU) eingetroffen. "Ich bin schockiert. Solche Bilder kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen", sagt er. Und ist froh, dass die Sache wohl auch wegen des besonnenen Handelns aller Beteiligten noch "glimpflich ausgegangen" sei. Zwei Stunden nach dem Geschehen liegt der Schulhof verwaist im Novembernebel. Die Schüler sind nach Hause gegangen oder von ihren Eltern abgeholt worden. Manche wurden mit dem Schulbus in einer Extra-Tour heim gefahren. Hinter den Fensterscheiben, im Sekretariat und im Lehrerzimmer, wird noch lange geredet. Wie geht man um mit so einer Situation? Am Donnerstag wollen die Lehrer mit den Schülern in Klassenleiterstunden über alles sprechen, sagt Weber. Der Hausmeister, der den Brand als einer der ersten gelöscht hatte, winkt ab. Er will nur noch seine Ruhe. Für heute reicht’s ihm.

Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) wird indes prophylaktisch deutlich: Gegen mögliche Trittbrettfahrer, kündigt er an, werde man mit aller Härte vorgehen.