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Abgerutschter Schaufelradbagger: David gegen Goliath im Tagebau Schleenhain

Uhr | Aktualisiert 23.01.2013 09:38 Uhr

Arbeiter stehen am 22. Januar neben einem verunglückten Schaufelradbagger im Tagebau Vereinigtes Schleenhain bei Deutzen (Sachsen). (FOTO: DPA)

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Fast ein halbes Jahr nach der Havarie beginnt die Bergung eines 1.000 Tonnen schweren Kohlebaggers durch Spezialisten aus Leuna. Die Rettung des Riesen hängt an vier Seilen.
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Deutzen/MZ. 

Schneeschwere Wolken hängen an diesem Tag tief über dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain in Sachsen. Ein eisiger Wind peitscht den Arbeitern spitze Eiskristalle ins Gesicht. Andreas Hamel, ein nicht sehr großer, aber drahtiger Mann, ist trotzdem bester Laune. Der Ingenieur weiß: Die Bergung des Ende August umgekippten Bagger-Riesen kann endlich beginnen. Glück auf!

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, was das von Hamel ausgetüftelte Konzept wert ist. Sein Ziel: Der Bagger soll zunächst aufgerichtet und dann zum Reparaturplatz bugsiert werden. Gemeinsam mit sechs Experten vom Schwerlast-Unternehmen Mammoet aus Leuna (Saalekreis) arbeitet der Projektleiter bereits seit Wochen in der Grube an den Vorbereitungen. Gegen den mächtigen Bagger wirkt Hamels Container, der zugleich auch als Computer-Zentrale dient, unheimlich klein. Alles erinnert an einen Wettstreit zwischen David und Goliath. Das Großgerät in Schieflage wiegt fast 1 000 Tonnen.

Das ist die aktuelle Situation: Hunderte Tonnen herabgestürztes Erdreich drücken den Bagger 1557 auf die Seite. Der Neigungswinkel beträgt fast 50 Grad. Wie ein eingeklemmter Riesensaurier liegt die Förderanlage gut 60 Meter unterhalb der Tagebaukante. Dass bei der Havarie im Sommer niemand zu Schaden gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Horst Schmidt, Technik-Geschäftsführer des Tagebaubetreibers Mibrag, erinnert sich an das Unglück, während er vom Tagebau-Aussichtspunkt am Bahnhof Deutzen den Einsatz kontrolliert: „Wir hatten Glück im Unglück.“ Die Böschung sei langsam weggerutscht. So habe die Besatzung sich retten können. Über die genauen Ursachen gibt es immer noch keine endgültige Klarheit, erklärt der Manager. Man sei gerade dabei, sämtliches Datenmaterial mit den Ergebnissen diverser geotechnischer Untersuchungen abzugleichen. Erst Ende Januar, wenn die Bergung hoffentlich abgeschlossen ist, soll öffentlich Bilanz gezogen werden.

Team-Chef Hamel, Absolvent der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Leipzig, erläutert derweil das Vorhaben. Dabei hält der 43-Jährige ein Meter-Bündel Stahlseile in den Händen. Jeder der Drähte misst im Durchmesser einen Zentimeter. „Miteinander verflochten ergibt das ein Tau, das stärkste Kräfte aushält - auch diesen Bagger.“ Vier Seilspann-Vorrichtungen sollen den Koloss zunächst auf Position halten. So kann die darunter liegende Kohle weggebaggert werden, schätzungsweise 100 Lkw-Ladungen. Erst dann werde der Tagebau-Riese auf sicheren Grund herabgelassen und abgestellt.

Das Problem: Die Berechnungen müssen stimmen. Und es gibt, wie die Mibrag einräumt, unbekannte Größen. Zwar habe man eine Vielzahl von Probebohrungen niedergebracht. Zwar sei ein Messsystem installiert, das jede Bewegung im Untergrund signalisiert. Zwar lägen zwei Gefahrenanalysen auf dem Tisch. Und trotzdem kommt Geschäftsführer Schmidt nicht umhin, festzustellen: „Ja, wir haben nur diesen einen Versuch, der unbedingt klappen muss.“

Dabei kommt es nicht nur an den Seilen, sondern vor allem an den Halterungen zu extremen Belastungen. Möglicherweise nimmt der Bagger dabei sogar weiteren Schaden. Das will das Bergungsteam unbedingt verhindern. Mit zusätzlichen Anbauten, die den Bagger stabilisieren, soll es gelingen. „Wir haben 200 Prozent Sicherheit eingeplant“, betont Hamel. Gespannt werden die Seile, wenn es klappt, über weit entfernte Rückhaltepunkte. Pfähle, die 25 Meter tief in die Erde gerammt sind, sollen die Unverrückbarkeit des Systems garantieren.

Einer, dem die Hoffnung ins Gesicht geschrieben steht, ist Jürgen Hugon, Instandhaltungschef des Tagesbaus: „Wir brauchen unseren verunglückten Takraf-Bagger.“ Immerhin greife das erst zwölf Jahre alte Gerät 30 000 Kubikmeter Kohle am Tag - soviel, wie das benachbarte Großkraftwerk Lippendorf verfeuert. An eine Neuanschaffung sei kaum zu denken - das wäre eine geschätzte Investition von zehn Millionen Euro. „Eigentlich ist geplant, dass 1557 solange hier arbeitet, bis die ganze Kohle raus ist.“ Allein 2013 wolle man elf Millionen Tonnen Braunkohle fördern.

Ein Warnsignal ertönt. Rund um den Bagger ist weit und breit niemand mehr zu sehen. So muss es sein. Das ist der Zeitpunkt, an dem Andreas Hamel auf die Starttaste drückt. Später beginnen die stählernen Trossen sich zu beben. Die Drähte werden gespannt, zur Sicherheit nur im Schneckentempo. Zentimeter um Zentimeter. David gegen Goliath - eine Vorentscheidung ist noch nicht absehbar.

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