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„Stolperstein“-Projekt: Studenten erinnern an deportierte Juden aus Halle

Die Stolpersteine von Isidor und Frieda Hirsch in der Seebener Straße 11 in Halle.

Die Stolpersteine von Isidor und Frieda Hirsch in der Seebener Straße 11 in Halle. (Lizenz: CC BY-SA 3.0- keine Änderung)

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Einsamer Schütze

Halle (Saale)/MZ. -

Wer in den Straßen von Halle den Blick nach unten wendet, stößt unweigerlich auf sie: Die kleinen goldenen Messingplatten, die vor Wohnhäusern in das Pflaster eingelassen sind – Stolpersteine. Auf ihnen sind die Lebensdaten der Menschen eingraviert, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Um diese Schicksale nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, haben sich Studenten des Studiengangs Multimedia & Autorschaft an der Halleschen Journalistenschule für Multimediale Autorschaft (Halesma) auf Spurensuche begeben und fünf Kurzfilme rund um die Stolpersteine in Halle gedreht. Über ein Semester wurden die Filmideen gemeinsam in den Seminaren diskutiert, Archive durchforstet, Zeitzeugen gesucht.

Premiere im Kino „Zazie“

Am 27. Januar öffnete sich nun der Vorhang für die Premiere im Kino „Zazie“ in der Kleinen Ulrichstraße. Den Tag der Präsentation haben die Studenten ganz bewusst gewählt – vor 69 Jahren befreite die Rote Armee 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Seitdem ist der 27. Januar ein internationaler Gedenktag, an dem an die systematische Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis erinnert wird. Mit dem Projekt „Stolpersteine - Filme gegen das Vergessen“, das mit der Premiere im „Zazie“ seine mittlerweile dritte Auflage erlebt, wollen die Studenten ebenfalls einen Beitrag zur Erinnerung leisten.

Ein schwieriges Thema

Dabei stieß das Thema bei den Studenten anfangs nicht unbedingt auf große Begeisterung, berichtet Projektleiter Sebastian Pfau. Schließlich sind die Lebensgeschichten der Opfer der Nationalsozialisten ein ernstes Thema. Auf die Ergebnisse aber können die Studenten zu Recht stolz sein, meint Pfau: „Ich bin überrascht, wie viel Energie und Herzblut die Studenten in ihre Filme gesteckt haben.“ Und auch Max Privorozki, der Leiter der Jüdischen Gemeinde in Halle, zeigt sich beeindruckt von dem Projekt: „Hinter der unvorstellbaren Opferzahl stecken ja tatsächlich Schicksale. Die Filme der Studenten zeigen, wie wichtig diese Erinnerung an jedes einzelne von ihnen ist.“

Zusammengepfercht in Judenhäusern

Die Schicksale hinter den Stolpersteinen haben die zwölf Studenten sorgfältig recherchiert und sensibel erzählt. „Vieles habe ich vorher gar nicht gewusst, zum Beispiel unter welchen Einschränkungen die Juden auch hier in Halle leben mussten“, erzählt die Studentin Elisabeth Schinner. Gemeinsam mit ihren Kommilitoninnen Doreen Hoyer und Inga Dauter hat sie das Schicksal von Isidor und Frieda Hirsch aufgearbeitet: Einem jüdischen Ehepaar, das auf Anordnung der halleschen Verwaltung in ein sogenanntes „Judenhaus“ ziehen musste. Das Haus in der ehemaligen Boelckestraße 24 diente während der NS-Zeit als Sammelstelle für die ab 1943 beginnenden Deportationen. Hunderte Juden wurden hier zusammengepfercht, mussten Zwangsarbeit leisten, durften das Gelände nur mit Erlaubnis verlassen. Für das Ehepaar Hirsch, wie auch für viele andere Mitbewohner, sollten die Wochen in dem Siechenheim die letzten sein. Isidor Hirsch starb hier, seine Frau nur wenig später im Konzentrationslager Sobibor.

Größeres Bewusstsein für die Geschichte

Die Geschichten, die die Filme erzählen, lassen auch ihre Macher keinesfalls unberührt. „Ich setze mich mit dem Thema viel intensiver auseinander als früher“, sagt Schinner. Während des Projekts habe sie viel über die Zeit gelesen – und auch die Stolpersteine nimmt sie seither viel bewusster wahr. Genau diese Wirkung erhofft sich auch Maren Schuster, die Leiterin des Studiengangs an der Halesma. „Wir leben in einer Zeit, in der viele Nachrichten so schnell in Vergessenheit geraten, wie sie gekommen sind. Genau deswegen ist solch ein Gedenken an die NS-Vergangenheit – auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist – umso wichtiger.“ 


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