Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Debatte um Homosexuellen-Heilung: Führende CDU-Politiker gehen auf Distanz

In diesem Haus in Bennungen finden die Seminare des Leo e.V. statt.

In diesem Haus in Bennungen finden die Seminare des Leo e.V. statt.

Foto:

Schumann

Magdeburg/MZ -

Manchmal geht es fix mit dem Sinneswandel: Er werde in der Gesellschaft für Lebensorientierung (Leo e.V.) nicht mitarbeiten, solange diese ihre Thesen zur Homosexualität nicht intern geklärt habe, sagte André Schröder gestern. Tags zuvor hatte der Chef der CDU-Landtagsfraktion noch erklärt, man solle die breite soziale und gesellschaftliche Arbeit des in Mansfeld-Südharz ansässigen Vereins nicht auf die Ansicht von Vereinschef Bernhard Ritter reduzieren, Homosexualität sei heilbar.

Schröder hatte ursprünglich Mitglied im Kuratoriums des Vereins werden wollen, dort sitzt bereits der hallesche Bundestagsabgeordnete Christoph Bergner (CDU). Unter anderen in sozialen Netzwerken wurde gestern diese Verquickung von führenden CDU-Politiker mit einem Verein, der wissenschaftlich nicht haltbare Thesen als Schwerpunkt seiner Arbeit definiert, heftig attackiert.

Auf Distanz zu Leo e.V. ist mittlerweile auch Bergner (CDU): Angesichts der Debatte müsse im Kuratorium „ein Austausch“ über die Vorwürfe geführt werden. Austreten will Bergner nicht, „ich sehe meine Aufgabe darin, innerhalb des Kuratoriums zu einer Klärung zu kommen, das bin ich Ritter schuldig“.

Deutlicher wurde der Bundesvorsitzende der Lesben und Schwulen in der CDU, Alexander Vogt: „Entweder müssen Bergner und die anderen im Verein engagierten CDU-Politiker darauf hinwirken, dass die ,Gesellschaft für Lebensorientierung’ keine solchen Thesen mehr verbreitet, oder sie müssen selbst ihre Unterstützung der Vereinstätigkeit beenden.“ Es sollte sich herumgesprochen habe, das Homosexualität keine psychische Krankheit sei, so Vogt. Es sei mehr als traurig, dass nach wie vor Vereine unter einem christlichen Deckmantel anderslautende Thesen verbreiten und sogenannte „Heilungstherapien“ anböten.

Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann ging auf deutliche Distanz zu den Thesen Ritters: „Herr Ritter ist nicht mehr im aktiven Dienst. Er macht diese Seminare auch nicht als Pfarrer, sondern mit seiner psychologischen Ausbildung, die meines Wissens von der Kirche nicht anerkannt ist. Als Landeskirche halten wir die These, dass Homosexualität heilbar ist, für nicht haltbar.“ Junkermann fügte hinzu: „Wir sind überzeugt, dass Homosexualität mit zur guten Schöpfung Gottes gehört.“
Sachsen-Anhalts Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) sagt: „Ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Ich habe nicht geglaubt, dass im Jahr 2014 noch jemand ernsthaft behauptet, dass Homosexualität in Psychositzungen besprochen und geheilt werden kann. Das ist einfach Quatsch, das ist Scharlatanerie.“ Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ließ über seinen Sprecher erklären, „er stelle sich gegen jede Art von Diskriminierung“.

Die Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt haben eine Aktuelle Debatte zum Thema Homophobie im Parlament beantragt. Linken-Fraktionschef Wulf Gallert warf der CDU Doppelzüngigkeit vor. Vordergründig betone man, gegen Homophobie zu sein, „in einer zweiten politischen Rolle werden diese Thesen sehr wohl vertreten“, sagte Gallert. Für Grünen-Fraktionschefin Claudia Dalbert ist die Debatte Beleg dafür, „dass Homophobie in der Gesellschaft leider noch weit verbreitet ist“. Leo e.V. sei ein Verein, „der sich der Scharlatanerie verschrieben hat“ und von CDU-Mitgliedern unterstützt werde. Scharf reagierte auch der Paritätische Wohlfahrtsverband, in dem Leo e.V. Mitglied ist: „Uns waren diese Auffassungen des Vereins und diese Seminare bislang nicht bekannt“, sagte Landesgeschäftsführerin Gabriele Girke. „Hätten wir das gewusst, hätten es weder der Paritätische noch sein Bildungswerk toleriert.“