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Mitteldeutsche Zeitung | Prozessauftakt nach Überfall auf türkischen Imbiss: Der Schatten der NSU in Mücheln
30. October 2013
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Prozessauftakt nach Überfall auf türkischen Imbiss: Der Schatten der NSU in Mücheln

Serdar S. nach dem Übergriff im Februar 2012

Serdar S. nach dem Übergriff im Februar 2012 in „Müchelns Grill Haus“.

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Stedtler/Archiv

Merseburg/Mücheln/MZ -

„Ich gehe Deutschen aus dem Weg, ich habe kein Vertrauen mehr“, sagt der 28-jährige Serdar S. sichtlich eingeschüchtert. Drei Meter entfernt sitzen im Amtsgericht Merseburg die drei Angeklagten in sportlicher Kleidung zwischen ihren Anwälten. Es ist der Auftakt eines Prozesses zu einem Überfall, der für Schlagzeilen sorgte. Wegen möglichen Verfehlungen der Polizei, aber auch weil sich infolge dessen das türkische Konsulat einschaltete.

Die heute 21, 25 und 56 Jahre alten Angeklagten sollen Ende Februar 2012 den türkischstämmigen Imbissbetreiber in „Müchelns Grill Haus“ bedroht und verletzt haben. Der Imbiss in der kleinen Stadt im Saalekreis ist längst geschlossen, die Kundschaft sei nach dem Vorfall ausgeblieben, sagt S., der in dem Fall auch als Nebenkläger auftritt. Heute wohnt er mit seiner Freundin und deren siebenjähriger Tochter in Halle.

Streit wegen Rauchverbot

Beide waren an dem Samstagnachmittag dabei, als eine sechsköpfige Gruppe das Lokal betrat. An dieser Stelle enden aber schon die übereinstimmenden Aussagen beider Parteien. Zwei der Angeklagten schweigen beharrlich zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft, sie sollen nach Aussage von S. und dessen Freundin am gewalttätigsten vorgegangen sein. Nur einer der drei Männer auf der Anklagebank äußert sich zu dem Fall.

Demnach sei die Gruppe, darunter zwei Frauen, vom örtlichen Fußballspiel gekommen. Im Imbiss wollten sie Bier trinken. Schließlich habe sich ein Streit um das Rauchverbot entsponnen. Der älteste Angeklagte habe sich demonstrativ eine Zigarette angezündet, daraufhin sei es zu einem Gerangel gekommen. Es habe Schläge von Seiten des Wirtes gegeben. Ähnlich liest sich später auch eine kurze Polizeimeldung.

Anspielungen auf NSU-Mordserie

Ganz anders schildern indes S. und seine Partnerin Sedika A. das Geschehen. Ihnen sei direkt gedroht worden. Wenn sie ihren Laden nicht „zum Führergeburtstag“ schließen würden, ständen sie als Elfte in der Zeitung – offensichtlich eine Anspielung auf die zehn Opfer der rechtsterroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Der 56-jährige Angeklagte habe den Wirt schließlich von hinten attackiert. Der heute 21-Jährige sei hinzugekommen. Beide hätten den nun auf dem Bauch liegenden S. mit Schlägen und Tritten malträtiert. „Ich war die einzige, die dazwischen ging, obwohl noch andere Leute da waren“, berichtet Sedika A. unter Tränen. Auch sie selbst habe dabei einen Schlag abbekommen. Am Ende habe sie sich nicht anders zu helfen gewusst, als ein Messer zu nehmen und die Gruppe hinauszudrängen.

S. bringt derweil die weinende Tochter in einem Nebenraum in Sicherheit. Doch die drei Angeklagten seien zurückgekommen, hätten versucht, die Tür aufzuschieben. Dabei geht eine Scheibe zu Bruch, die Splitter verletzen Serdar S. und seine Partnerin. Schließlich gelingt es dem Paar, die Tür zu schließen, es verbarrikadiert sich im Laden und wartet auf die inzwischen gerufene Polizei. Zweimal hätten sie den Notruf gewählt, so die junge Frau.

Erhebliche Fehler bei der polizeiinternen Kommunikation

Doch die Beamten lassen auf sich warten. Zwischen einer halben und einer Stunde habe es gedauert, bis schließlich Polizei vor Ort war, sagt eine Zeugin. Später stellt sich heraus, dass es erhebliche Fehler in der polizeiinternen Kommunikationskette gab. Nur ein Streifenwagen rollt damals nach Mücheln, ohne Blaulicht.

Einen Tag später öffnet der Wirt wieder seinen Laden. Er sieht Autos mit quietschenden Reifen vorbeifahren, will einen der Angeklagten darin mit einer eindeutig drohenden Geste erkannt haben. Da wendet sich Serdar S. an das türkische Konsulat. Generalkonsul Tunca Özcuhadar bittet Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) um eine eingehende Untersuchung. Der Minister geht später demonstrativ in dem Imbiss essen. An dem Laden finden sich Aufkleber mit rechtsextremem Inhalt. Da wachen schon Polizei und Staatsschutz über „Müchelns Grill Haus“. Nach acht Wochen gibt Serdar S. auf. „Ich habe bis heute seelisch damit zu kämpfen, ich weiß nicht, warum das passiert ist“, sagt der 25-Jährige. Der Prozess wird am 13. November fortgesetzt.


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