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Kriminelle Senioren: Gefängnisse sind nicht auf Ü60-Straftäter vorbereitet

Spezielle Seniorengefängnisse gibt es nur in anderen Bundesländern.

Spezielle Seniorengefängnisse gibt es nur in anderen Bundesländern.

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DPA

Merseburg -

Faustdick hinter den Ohren hatten es englische Senioren an den Osterfeiertagen vergangenen Jahres, als sie in London einen spektakulären Juwelenraub verübten. Um die Beute im Wert von bis zu 280 Millionen Euro zu erhaschen, zeigten die Rentner, die zum Raubzug dank Seniorentickets dreisterweise auch noch kostenfrei anreisten, körperlichen Einsatz. So seilten sich die Täter im Alter von 60 bis 75 Jahren teils in Liftschächten ab oder bohrten sich durch Stahlbeton-Wände.

Ganz so spektakulär geht es im Saalekreis zwar nicht zu, aber auch hier rücken immer wieder ältere Kriminelle in den Fokus der Ermittler. Noch ist der Anteil der Generation 60 plus bei den Straftätern gering, Experten rechnen nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels aber damit, dass dieser in den kommenden Jahren drastisch steigen wird.

„In den vergangenen Jahren wurden in dieser Altersgruppe in unserem Zuständigkeitsbereich rund 1.800 Tatverdächtige erfasst“, sagt Ralf Karlstedt, Sprecher der Polizeidirektion Süd. Dieser Trend soll sich auch in der noch nicht veröffentlichten Kriminalstatistik für 2015 widerspiegeln, wie es hieß.

Anteil von 2,5 Prozent

Wie die jüngsten zur Verfügung stehenden Zahlen belegen, konnte die Polizei im Jahr 2014 insgesamt 70.626 Tatverdächtige ermitteln. Daran machten die kriminellen Senioren einen Anteil von 2,5 Prozent aus - sehr wenig, vergleicht man diesen mit jenem der heranwachsenden Tatverdächtigen bis 21 Jahre, der im gleichen Zeitraum bei mehr als 17 Prozent lag.

Die Bandbreite der von Senioren begangenen Delikte ist groß, wie Polizeisprecher Karlstedt sagt. Vorrangig fallen die Täter 60 plus aber durch Körperverletzung, Diebstahl, Betrügereien sowie Beleidigung oder Hausfriedensbruch auf. Aussagen zu den Motiven der Täter der älteren Generation ließen sich nicht treffen, wie Karlstedt sagt. Dass zum Beispiel Altersarmut bei einigen zu kriminellen Handlungen führte, ist rein spekulativ.

„Ältere Angeklagte sind bei uns eine verschwindende Minderheit“, betont auch Peter Mertens, Direktor des Amtsgerichts Merseburg. Er sieht die Senioren im Vergleich zu anderen Altersgruppen als „relativ gesetzestreu“.

Steigende Alterskriminalität

Doch es gibt auch Ausnahmen, wie er sagt. So könne er sich an einen Angeklagten erinnern, der sich wegen eines Ladendiebstahls verantworten musste. „Er erzählte, dass seine Enkelin zu Besuch käme und er ein kleines Geschenk für sie benötigt hätte“, sagt Mertens. „Dass ich mich noch an diesen Fall erinnere, spricht aber dafür, dass es absolute Einzelfälle sind.“

Schon vor geraumer Zeit hatte das Bundeskriminalamt (BKA) bundesweit allerdings vor einer steigenden Alterskriminalität gewarnt. Laut dem damaligen Präsidenten Jörg Ziercke war die Zahl der über 60-jährigen Tatverdächtigen zwischen den Jahren 2002 und 2012 bundesweit um etwa acht Prozent gestiegen. Die Gesamtzahl der Menschen über 60 Jahre stieg im gleichen Zeitraum allerdings auch um satte 15 Prozent.

Die Kriminalitätsforschung hatte sich in der Vergangenheit vor allem auf junge Delinquenten konzentriert, die Alterskriminalität blieb derweil außen vor. Dementsprechend gibt es auch wenige Studien zu diesem Thema. Eine vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht veröffentlichte Studie stützte sich unter anderem auf eine Befragung von Senioren zu ihren Gesetzesverstößen.

Häufigste Vergehen

In den rund 2.000 Antworten tauchten am häufigsten Vergehen wie Trunkenheit am Steuer, Fahrerflucht oder Diebstahl auf. 22 Prozent tricksten demnach bei der Steuer, 13 Prozent lösten in der Straßenbahn keinen Fahrschein. Sechs Prozent arbeiteten schwarz, fünf betrogen laut der Studie ihre Versicherung.

Alternde Straftäter könnten in Zukunft auch den Strafvollzug in Sachsen-Anhalt verändern. Während in anderen Bundesländern in Gefängnissen bereits spezielle „Ü60-Abteilungen“ geschaffen wurden, ist man hierzulande noch nicht soweit. „Eine Anstalt nur für Senioren lohnt sich derzeit zahlenmäßig nicht“, sagte Ute Albersmann, Sprecherin im Justizministerium. „Außerdem erachten wir altersgemischte Gruppen als sinnvoller.“ (mz)


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