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Hochschul-Ehrenprofessor Günther Adolphi: Wende im Merseburger Namensstreit?

Die Günther-Adolphi-Straße in Merseburg. Der Namensgeber soll in der NS-Zeit in Auschwitz Zwangsarbeiter eingesetzt haben.

Die Günther-Adolphi-Straße in Merseburg. Der Namensgeber soll in der NS-Zeit in Auschwitz Zwangsarbeiter eingesetzt haben.

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Wölk

Merseburg -

Im Streit um eine dem Verfahrenstechniker und Ehrenprofessor Günther Adolphi gewidmete Straße in Merseburg rudert die Hochschule nun offensichtlich zurück: „Nach der Auswertung unserer Recherchen halten wir die Ehrung nicht mehr für angebracht“, sagt Hochschul-Professor Alfred Frei im Namen eines Forschungsseminars.

Ein dreiviertel Jahr lang hatte er mit Studenten eine Antwort auf eine echte Gewissensfrage gesucht: Darf eine Straße an der Hochschule den Namen jenes Wissenschaftlers tragen, der während der NS-Zeit in leitender Funktion in einer Produktionsanlage der IG Farben in Auschwitz-Monowitz tätig war? „Wir haben versucht, uns dazu um eine Position zu bemühen“, sagt Frei. Adolphi erscheine demnach als unpolitischer, angepasster Mensch und umtriebiger Ingenieur. Aber sein Lebensweg bleibe überschattet von möglichen Verstrickungen während der Nazi-Zeit, begründete er das Fazit der Recherchen.

Suche nach der Schuldfrage

Bei einer Fernsehsendung im hochschuleigenen TV-Studio präsentierten die Studenten in dieser Woche ihre Erkenntnisse, die sie aus Archiven, Gesprächen mit Zeitzeugen und sogar einem Besuch in Auschwitz gewinnen konnten. Viel Neues zur Problematik war dabei nicht zu erfahren. Vor allem konnten auch die Studenten nicht die entscheidende Frage klären, ob sich Adolphi, von 1943 bis 1945 immerhin rechte Hand des dortigen Betriebsleiters und später als Kriegsverbrecher verurteilten Walter Dürrfeld, direkt schuldig gemacht hat.

Wie schon die MZ, die erstmals im März vergangenen Jahres über die unklare Rolle Adolphis in der Nazizeit berichtete hatte, zogen die Studenten Unterlagen heran, die einen Eindruck von den Zuständen in Monowitz geben sollten. Geschildert wurde die enge Zusammenarbeit zwischen IG Farben und SS-Lagerführung sowie die tausendfache Übergabe geschwächter Zwangsarbeiter in die Hände der SS, die deren Schicksal in den Gaskammern besiegelte. Zwischen 1942 und 1945 dort gewesen zu sein, bedeutet, von der Vernichtung Kenntnis gehabt zu haben, hieß es in einer Einschätzung. Ein Urteil, das die Empfehlung der Forschungsgruppe wohl mit am stärksten geprägt haben dürfte.

NS-Experte als Gutachter

Eine endgültige Entscheidung ist dies freilich nicht, hat die Hochschule doch bereits vor einigen Wochen den renommierten NS-Experten und Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Stefan Hördler, als Gutachter gewinnen können. „Ich habe gerade erfahren, dass wir im September mit dem Gutachten rechnen können“, sagte Hochschulrektor Jörg Kirbs. Dann wolle man dem Stadtrat eine verbindliche Empfehlung geben, wie mit der Straßenwidmung weiter verfahren werden solle. Bereits vor der Präsentation des Zwischenberichts hatte Kirbs darauf verwiesen, sich ausschließlich auf ein externes Gutachten verlassen zu wollen. „Das nimmt man uns draußen sonst nicht ab, wenn wir hier etwas empfehlen“, sagte er.

Vor zwei Jahren hatte die Hochschule dem Stadtrat für mehrere Straßen im Bereich des Campus Namensvorschläge unterbreitet, darunter befand sich auch Günther Adolphi. Als die möglichen Verwicklungen des 1972 zum Ehrenprofessor ernannten Verfahrenstechnikers bekannt wurden, gerieten Stadt und Hochschule unter Beschuss. (mz)


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