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Auferstanden aus Ruinen: Chemiestandort Leuna wird 100 Jahre alt

Chemiestandort Leuna

Aus alt mach neu: Der Kohlebunker (kleines Foto), der direkt vor dem Kraftwerk stand, wurde 2010 abgerissen. Insgesamt sind nach 1990 rund sechs Milliarden Euro in den Chemiestandort geflossen, ein Drittel des Geldes in Umweltprojekte.

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Peter Wölk

Merseburg -

Von seiner Aura hat Andreas Hiltermann nichts verloren. Den hochgewachsenen Manager zieht es nach wie vor nach Leuna zum Chemiestandort. Nicht als Besserwisser, nein, der 65-Jährige hält sich bewusst aus dem Tagesgeschäft heraus. Seine Ehefrau arbeitet im ärztlichen Dienst des Werks, und da bleibt der Kontakt nicht aus. Zumal Hiltermann auch drei Jahre nach seinem Abschied in den Ruhestand ein begehrter Gesprächspartner ist. Vor allem in diesem Jahr, wenn der Standort seinen 100. Geburtstag feiert. Von 1997 bis 2012 war er Geschäftsführer der Infra Leuna GmbH, der Infrastrukturgesellschaft am Standort. Unter Hiltermann wurden der Chemiepark umgekrempelt, alte Anlagen abgerissen und neue gebaut. Auferstanden aus Ruinen: Dank der Investitionssumme von sechs Milliarden Euro aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Töpfen zählt Leuna heute zu den modernsten und leistungsstärksten Industriestandorten in Europa.

Mitte der 1990er Jahre wusste indes noch niemand, ob das Konzept für den Chemiepark auch tatsächlich aufgehen würde. Es gab zwar bereits einige neue Investitionen - die Raffinerie oder die Wasserstoffperoxidanlage von Domo - aber die alten Anlagen waren nicht mehr markttauglich und eine Belastung für die Umwelt. Erhebliche Mengen des Abwassers versickerten im Boden, durch fehlerhafte Netze war der Energieverlust enorm. Die Infra Leuna existierte schon, wurde seinerzeit noch mehrheitlich von der Treuhand gesteuert. Und die Vision für Leuna, ein Novum in der Wirtschaftsgeschichte Europas, hatte die EU-Kommission in Brüssel noch nicht genehmigt. Von einst 28 000 Menschen, die in den Leuna Werken noch 1989 einen Job hatten, waren etwa 9 000 übrig. Viele warteten in Beschäftigungsgesellschaften auf den Aufbruch und auf eine Chance.

Wenig Zeit für Konzept-Umsetzung

In diesen turbulenten Zeiten kam Andreas Hiltermann vom Viag-Konzern nach Leuna. „Peter Breitenstein aus dem Treuhand-Vorstand hatte mich angesprochen. Sie suchten einen fähigen Mann ohne Verbindungen nach Leuna, eine unabhängige Person, die die Herausforderungen anpackt. Mich hat die Aufgabe gereizt.“ Das Modell der Privatisierung der Infrastruktur musste umgesetzt werden. Es folgte der Idee, dass kein Unternehmen am Standort vollumfänglich für sich alleine funktionieren kann, sondern nur in einem Verbund und mit einem Dienstleister - der Infra Leuna -, der die Energieversorgung absichert, die Logistik übernimmt, Straßen und Rohrbrücken betreibt. „Das Konzept war gut. Aber wir hatten nur wenig Zeit, es umzusetzen“, erzählt Hiltermann. Bis 2003 musste die von staatlichen Seiten und der EU bereitgestellte eine Milliarde D-Mark in vordefinierte Projekte geflossen sein: in den Abriss alter Anlagen, die Dekontamination belasteter Flächen und den Neuaufbau der Infrastruktur. „Es war Stress pur. Aber in dieser Zeit habe ich einen bis dahin nie gekannten Grad der Freiheit erlebt. Hätten wir die Investitionen nach den Regeln der Wirtschaft planen müssen, mit den vielen Hierarchien, wären wir nie fertig geworden.“

Unstrittig ist, dass mit Hiltermann der richtige Mann zur richtigen Zeit am Ruder saß. Ein Macher mit hoch gekrempelten Ärmeln, voller Energie und durchsetzungsstark. Und er war sich nicht zu fein, Ratschläge anzunehmen. Seine Sekretärin Gabriele Gölicke beispielsweise hatte ihm ans Herz gelegt, Leute per Handschlag zu begrüßen. „Im Westen gab es das nicht. Aber es hat mir sicher geholfen, Sympathiepunkte zu sammeln.“ In der Sache selbst, der Umstrukturierung des Standorts, blieb Hiltermann hartnäckig. Vor allem die alten Energieverträge waren ihm ein Dorn im Auge. Die Infra Leuna musste beispielsweise den Strom aus dem Kraftwerk kaufen. „Durch die langfristigen Verträge mit den Kraftwerksbetreibern hätten wir nie ein auskömmliches Ergebnis erzielen oder auch nachhaltig investieren können. Das ganze Modell wäre gescheitert.“ Und so kämpften Hiltermann und die Infra bis 2003, ehe das Kraftwerk in den Besitz der Gesellschaft überging. „Ohne die Energieerzeugung in eigener Hand wäre die Infra Leuna nicht überlebensfähig gewesen. Insofern war dieser Schritt eines der Schlüsselerlebnisse in meiner Zeit als Geschäftsführer.“

Nicht wiederzuerkennen

Im Vergleich zur Wendezeit ist Leuna heute nicht mehr wiederzuerkennen. Das Betreibermodell wurde mehrfach von anderen Industriestandorten kopiert - nicht nur aus der Chemie. Die Akzeptanz der Bevölkerung ist hoch. „1997 sind wir sehr kritisch von den umliegenden Gemeinden beäugt worden. Meine Strategie ist stets gewesen, so transparent wie möglich nach Außen zu sein. Das hat Vertrauen aufgebaut“, so Hiltermann. Bestes Beispiel sind Erörterungstermine, die angesetzt werden, wenn Investitionen anstehen, etwa der Neubau oder die Erweiterung von Anlagen. Diese Termine im Kulturhaus sind zuletzt fast nur noch abgesagt worden. Warum? Es gab keine Einwände, die erörtert werden müssten.

Apropos Kulturhaus: Auch dieses Haus existiert nur, weil die Infra Leuna die Initiative ergriffen hatte. Denn Profit kann man mit so einem Objekt kaum machen. „Mitunter ist so ein weicher Standortfaktor aber sehr wichtig. Bei dem Kulturhaus ist das so.“ Hiltermann überzeugte die Hauptgesellschafter der Infra Leuna - Domo und die Linde AG - das Projekt mitzutragen. Dank des Fördervereins und einer breiten Schar an Sympathisanten hat sich das Kulturhaus als Veranstaltungsort etabliert. „Ich bin froh, dass mein Nachfolger Christof Günther daran festhält“, freut er sich. Ohnehin sieht er den Standort gut aufgestellt.

Privat genießt Bundesverdienstkreuzträger Hiltermann ganz bewusst jeden Tag. Seit einer Operation 2008 lebt er mit einem Spenderorgan. Mit unbändigem Willen strahlt er eine ungeheure Lebensfreude aus. „Ich bin Hausmann. Und das dürfen Sie gern auch so schreiben“, sagt er lächelnd. Die Hiltermanns wohnen in Markkleeberg. Der einst mächtige Wirtschaftsboss ist heute Manager in der heimischen Küche. „Ich bin ein leidenschaftlicher Koch, lese gern und reise viel mit meiner Frau.“ Zum Malen - Hiltermann experimentiert mit abstrakten Farben und Formen - ist er im vergangenen Jahr nach eigenen Worten weniger gekommen. Dafür hat er sein Handicap beim Golf verbessert, das liegt jetzt bei 26. In Leipzig engagiert er sich zudem in einem gemeinnützigen Verein, der sich um benachteiligte Kinder kümmert. (mz)


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