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Saalekreis: Ratlos in Mücheln

Uhr | Aktualisiert 11.03.2012 20:54 Uhr
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Grillhaus in Mücheln

Leere rund um das kürzlich überfallene Grillhaus in Mücheln. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

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Nach dem Angriff auf einen türkischen Imbiss ringt die Stadt um den Umgang mit dem Fall.
Mücheln/MZ. 

Samstagvormittag in Mücheln: Vor dem türkischen Grill-Haus mitten in der Siedlung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern steht ein Streifenwagen der Polizei. Die Beamten werden bleiben, um den Imbiss zu schützen.

Die Präsenz der Ordnungshüter fällt auf im 9 000-Seelen-Ort. Doch nur langsam scheint sich herumzusprechen, dass es nicht um das Rauchverbot ging, das hier angeblich vor zwei Wochen zum Angriff auf den Wirt geführt habe - so lautete damals die erste Darstellung der Polizei. Die Angreifer, hat Yaşar N. (Name geändert) berichtet, haben ihn vielmehr mit Anspielungen auf die Morde der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle bedroht. Und seit er den Imbiss nach einwöchiger Pause wieder offen hat, bleibe die Kundschaft weg.

Aus Angst vor rechten Schlägern, wie der Wirt vermutet. Oder warum sonst? Bei vielen Müchelnern löst die Frage an diesem Samstag Schulterzucken aus. Im Ort gibt es mehrere Restaurants, im nahen Krumpa hat gerade ein Döner-Imbiss eröffnet, der als beliebt gilt, wie es heißt. Und die Fußballer hätten doch erst wieder im Grill-Haus bestellt. Am Ende aber bleibt die Suche nach Gründen für das Ausbleiben vieler anderer Kunden dort vage. Dass es Angst vor Rechtsextremisten ist, können oder wollen sich viele nicht vorstellen.

Und überhaupt: rechte Schläger? "Von so etwas sind wir doch eigentlich bisher verschont geblieben", meint eine Supermarkt-Kundin. Andreas Förtsch, im Marketing für den nahen Geiseltalsee engagiert, spricht von einem Schock darüber, wie massiv der Angriff war. Bürgermeister Andreas Marggraf (parteilos) will zwar rechtsextremes Gedankengut im Ort nicht ausschließen, von einer direkten Szene indes nicht sprechen. "Das würde ich so nicht stehen lassen", sagt er. Torsten Hahnel, Rechtsextremismusexperte beim Verein Miteinander, aber warnt: Wie sichtbar Rechtsextreme seien, komme auch darauf an, was sich die Leute vorstellen. "Die Szene hat sich stark verändert" - weg vom einstigen Skinhead-Image. Und: Der Saalekreis um Merseburg habe sich zu einem der Schwerpunkte von Rechtsextremen entwickelt. Deren Aktionsgruppen bezögen sich nicht auf einzelne Orte, sondern auf Regionen. Dass Mücheln dabei nicht außen vor bleibt, zeigt die Antwort des Landes auf eine kleine Anfrage der Linken im Februar: In Mücheln gab es im vergangenen Jahr 18 Fälle von Sachbeschädigung oder Propagandadelikten aus dem rechtsextremen Bereich. Nahe des Imbisses von Yaşar N. hängt ein Aufkleber vom Nationalen Widerstand Marl an einem Mülleimer.

Die evangelische Kirche will den Angriff auf den Imbiss nun thematisieren. Eine Frau aus der Kirchengemeinde, bislang keine Kundin bei N., sagt zudem deutlich: "Jetzt werde ich dort essen gehen, schon aus Solidarität."

Bürgermeister Marggraf tut sich schwer im Umgang mit dem Fall. Er wolle sich jetzt mit der Polizei zusammensetzen, sagt er, um Genaueres zu erfahren. Kontakt zu Yaşar N. hat er selbst noch nicht gehabt. "Aber mein Büro ist offen."

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