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Saalekreis: Eintritt in eine Welt in Grau

Uhr | Aktualisiert 07.03.2010 20:15 Uhr
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Umweltdemonstration am 13. Januar 1990

Auf der Umweltdemonstration am 13. Januar 1990 in Merseburg sprach auch Peter Ramm. (FOTO: MZ)

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Langsam greift in diesen Tagen der Frühling Raum und auch in der Region kann man das sprießende Grün in seiner ganzen Farbigkeit begrüßen.
MERSEBURG/MZ. 

Doch das war nicht immer so. Die Älteren erinnern sich sicher noch genau an die Zeit vor mehr als 20 Jahren. Nicht umsonst hatte das Neue Forum mit der Wende die Bürger in Merseburg für den 13. Januar 1990 zu einer Umweltdemonstration aufgerufen. Die Merseburger hatten genug von der deutlich spürbaren Luftverschmutzung. "Die Lage damals war mehr als katastrophal. Merseburg war ein absolutes akutes Umweltnotstandsgebiet", sagt Peter Ramm, Mitbegründer des Neuen Forums in Merseburg. "Jeder spürte ja tagtäglich selbst, dass hier Schlimmes passiert und konnte sich doch nicht dagegen wehren".

Die Fahrt durch Schkopau, Merseburg und auch ins Geiseltal glich tatsächlich dem Eintritt in eine Welt in Grau. Ramm hat die Zahlen öffentlich gemacht, die zu DDR-Zeiten unter Verschluss gehalten wurden, aber deutlich über den furchtbaren Raubbau an Natur und die erschreckende Schädigung der Gesundheit der Bürger Auskunft geben. "Die nüchterne Bestandsaufnahme hat nach der Wende der damalige Umweltdezernent des Landkreises Merseburg, Steffen Eichner, in mühseliger Spurensuche ausfindig gemacht", erinnert sich Ramm. Sie belegen dabei: Die Schadstoffbelastungen lagen in Merseburg in den Jahren 1989 und 1990 sogar sehr deutlich noch über denen von dem Gebiet um Bitterfeld, das allgemein als uneinholbarer Gipfel der Umweltverschmutzung im Arbeiter- und Bauernstaat galt.

So wurden allein im Jahr 1989 in und um Merseburg 100 131 Tonnen Staub in die Luft geblasen. In Bitterfeld waren es "lediglich" 39 843 Tonnen. Bei Schwefeldioxyd musste Merseburg im gleichen Jahr 326 269 Tonnen erdulden, Bitterfeld mit 93 967 Tonnen weniger als ein Drittel davon.

Nicht anders sah es bei den so genannten Stickoxyden aus: Während Merseburg 18 137 Tonnen verkraften musste, waren es in Bitterfeld 9 702. Bei Kohlenmonoxyd waren es in Merseburg 18 341 und in Bitterfeld 12 450 Tonnen.

"Das sind Relationen, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Um die Werte noch anders zu vergleichen: Die Merseburger Schwefeldioxydbelastung betrug mit den 326 269 Tonnen 1989 ein knappes Drittel der Belastung in der gesamten alten Bundesrepublik. Sie schlugen 1989 dort mit insgesamt 1,039 Millionen Tonnen zu Buche. "Die durchschnittliche Emission von 689 Tonnen in der Region pro Quadratkilometer und Jahr betrug im Vergleich zum Gebiet der alten Bundesrepublik somit sogar etwa das 165-fache", sagt Ramm.

Die höchsten Schwefeldioxyd-Konzentrationen wurden ebenfalls in der Region Merseburg ausgewiesen. Sie erreichten im Jahresmittel mit 270 bis 380 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft absolute Rekordwerte. Anschaulich werden diese Messwerte im Vergleich zum Jahresmittel von München. Dort waren es fast nicht messbare 17 Mikrogramm pro Kubikmeter. Und selbst im Ruhrgebiet wurden damals nur 32 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen. "Dabei wusste der Staat ganz genau, dass er Gesetze verletzte", so Ramm. Denn laut Gesetzblatt der DDR lag die maximale Dauer-Immissionskonzentation bei 150 Mikrogramm und die maximale Kurzzeit-Immissionskonzentration bei 500 Mikrogramm (jeweils pro Kubikmeter).

Hauptverschmutzer waren die Industriebetriebe Leuna und Buna. Auch die Merseburger Papierfabrik und die alte Alu-Folie waren Dreckschleudern. Hinzu kam die Beheizung der Wohnungen mit zum Teil salzhaltiger Hausbrandkohle. "Wir neigen dazu, zu vergessen, sagt Ramm, "doch angesichts dieser Zahlen sollten wir uns vor Augen halten, dass mit dem Untergang der DDR auch eine beispiellose ökologische Schädigung ihr Ende fand."

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