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Merseburg: Ein Erzieher allein unter Frauen

Uhr | Aktualisiert 15.01.2013 21:01 Uhr
Matthias Brost hilft dem kleinen Max in der Sportstunde beim Klettern über die Brückenleiter. (FOTO: PETER WÖLK) 
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Erzieher wie Matthias Brost sind in Kitas immer noch die Ausnahme. Gerade einmal acht Männer gibt es laut Sozialministerium unter den rund 1.100 Kita-Beschäftigten im Saalekreis. Mit einem Anteil von 0,72 Prozent ist das die drittschlechteste Quote in Sachsen-Anhalt
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Merseburg/MZ. 

Max klammert sich fest an den Arm von Matthias Brost. Vorsichtig erklimmt der Kleine Sprosse für Sprosse auf der Brückenleiter. Immer wieder geht sein Blick zu Brost, der ihn dann freundlich ermahnt, nicht auf ihn, sondern auf die Leiter zu achten. Es ist eine ganz normale Sportstunde in der Merseburger Kita Flax und Krümel und doch etwas Besonderes. Sie wird geleitet von Matthias Brost, seit zweieinhalb Jahren Auszubildender zum Erzieher. Und damit so etwas wie eine Rarität.

Gerade einmal acht Männer gibt es laut Sozialministerium unter den rund 1 100 Kita-Beschäftigten im Saalekreis. Mit einem Anteil von 0,72 Prozent ist das die drittschlechteste Quote in Sachsen-Anhalt. "Wir haben hier ja noch zwei Hausmeister", sagt Brost auf die Frage, wie man sich in einem Beruf allein unter Frauen fühlt. Natürlich hätten gerade die älteren Kolleginnen zuerst ein wenig irritiert reagiert. Aber mit der Zeit sei auch das weniger geworden. Die Leiterin seiner Kita, Susanne Schwarz, ist auf jeden Fall überzeugt: "Männer bringen eine ganz andere Sichtweise mit."

Das zeigt sich auch im Umgang mit den Kindern. Auf dem großen Innenhof hat Brost so etwas wie einen Starstatus. Gerade die Mädchen umschwärmen ihn, wollen auf den Arm genommen werden. "Ich habe immer gedacht, ich könnte hier mit den Jungs Fußball spielen, aber dazu komme ich kaum", sagt Brost.

Diese Ausnahmestellung ist Teil eines grundsätzlichen Problems. Die staatliche Kindererziehung ist fest in Frauenhand. Denn nicht nur in den Kitas fehlen die Männer, sondern auch in den Grundschulen. Unter den 4 746 Grundschullehrern in Sachsen-Anhalt sind nach Angaben des Kultusministeriums gerade einmal 276 Männer. "Die Männer fehlen einfach im Revier", sagt Konrad Weller, Professor für frühkindliche Sozialisation an der Hochschule Merseburg. Natürlich sei es wichtig, dass Kinder in der Erziehung auch männlichen Vor- und Leitbildern begegnen. "Die frühe Sozialisation bis zur weiterführenden Schule findet zum großen Teil ohne Männer statt", so Weller.

Doch der Weg zum Erzieher ist für das starke Geschlecht häufig sehr steinig. Matthias Brost hat das selbst zu spüren bekommen. Der 31-Jährige ist Quereinsteiger, hat zuvor lange Jahre auf dem Bau als Maurer gearbeitet. Den Wunsch, Kindererzieher zu werden, hatte er aber schon lange. Schließlich ist Brost von Kindesbeinen an mit diesem Beruf in Berührung gekommen. Seine Mutter ist selbst Leiterin einer Kita. "Dass das ein schöner Beruf ist, wusste ich schon lange. Aber mit 16 fühlte ich mich einfach noch nicht bereit, die Verantwortung zu tragen."

2003 startete er einen ersten Versuch - erfolglos. "Das Arbeitsamt teilte mir mit, dass eine Zweitausbildung nicht finanziert wird." Er hakte seinen Traumberuf ab, konzentrierte sich wieder auf den Bau. Bis zum Jahr 2010. Nach drei Knieoperationen und einem Jahr Rehabilitation stufte ihn der Arzt als berufsunfähig ein. "Im Nachhinein war das ein Glücksfall für mich", sagt Brost.

Der Weg zu seinem Traumberuf schien frei. Aber der Kampf begann erst. "Ich brauchte eine berufsbegleitende Ausbildung, da ich mich sonst nicht hätte finanzieren können", sagt er. 20 Kita-Träger in Halle hätten ihm abgesagt, auch das Jobcenter habe ihm abgeraten. Aber Brost kämpfte und schaffte es. Er bekam ein berufsvorbereitendes Jahr und anschließend die Ausbildungsstelle bei der Kita Flax und Krümel. "Ohne die Hilfe von Susanne Schwarz und Dirk Jürgens hätte ich es nicht geschafft", so Brost.

Jürgens ist Geschäftsführer der Volkssolidarität in Querfurt, die auch Träger der Kita Flax und Krümel ist. Er legt Wert auf männliche Erzieher, für ihn ist das eine Herzensangelegenheit. "Dort, wo wir einen männlichen Erzieher haben, gibt es nur positive Resonanz", meint Jürgens. Allerdings habe der Job bei Männern immer noch ein Imageproblem. Und die Einkommenserwartung sei auch nicht gerade ideal, um männliche Bewerber zu finden.

Das kennt auch Brost. Um seine Ausbildung zu finanzieren, macht er einen Nebenjob als Verkäufer bei Nova Eventis in Günthersdorf. "Ich arbeite um die 50 Stunden in der Woche", sagt er. Montag und Mittwoch hat er Berufsschule. Dienstag, Donnerstag und Freitag ist er in der Kita. Und am Wochenende geht es dann nach Günthersdorf. "Ohne das geht es aber einfach nicht."

Aber die Bezahlung ist nicht das einzige, was Männer von den Kitas fernhält, meint Brost. Da ist auch immer noch der unausgesprochene Generalverdacht, wenn junge Männer mit kleinen Kindern arbeiten. "Man muss mit Vorurteilen leben und sich ihnen stellen", sagt Brost. Das weiß auch Susanne Schwarz: "Es ist für Erzieher immer eine Gratwanderung."

Dennoch: Brost kann sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen als Erzieher. "Du kommst mit einem Lächeln in die Kita und gehst nach sechs Stunden wieder mit einem Lächeln nach Hause." In seinem Bekanntenkreis ist er wegen seiner Entscheidung nicht belächelt worden. "Es gab ausschließlich positive Resonanz." Dass er eine Vorbildfunktion in einem von Frauen dominierten Beruf hat, ist ihm bewusst. Und was würde er Männern raten, die auch Erzieher werden wollen? Brost überlegt lange: "Sie müssen ganz sicher sein, dass sie es machen wollen. Denn es ist kein einfacher Weg."

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