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Piraten-Partei: Nackt

Uhr | Aktualisiert 25.11.2012 22:05 Uhr
Bernhard Honnigfort (FOTO: MZ) 
Bernhard Honnigfort sieht, dass der Zauber der Piraten-Partei gerade verfliegt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Als Außerirdische einmal wissen wollten, was es mit "dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" auf sich habe, da bauten sie einen Supercomputer, gaben ihre Frage ein und der Supercomputer dachte siebeneinhalb Millionen Jahre nach. Dann spuckte er die Antwort aus: 42. Niemand konnte etwas damit anfangen.

Piraten mögen diese kleine Episode aus dem Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams. Wahrscheinlich braucht es auch einen Supercomputer, um zu begreifen, was es mit "den Piraten, ihrem Universum, dem Rest und dem Parteitag in Bochum" auf sich hat, der gerade zu Ende gegangen ist. Wahrscheinlich käme nach langem Nachdenken nur ein Unerverständliches 37 dabei heraus.

Die Piraten bleiben rätselhaft. Sind sie ein neues Modell von Politik? Bieten sie bessere Lösungen? Eher nicht. Ihr Zauber verfliegt gerade.

Zuerst feierten sie grandiose Erfolge und zogen in vier Landtage ein. Sie klangen so, als wären sie die Antwort auf das Bedürfnis vieler Menschen nach mehr Teilhabe, nach einfacherer Politik, nach Durchschaubarkeit und direktem Einfluss aufs Geschehen. Doch kaum waren sie erfolgreich, fielen sie schon übereinander her. Neid und Missgunst erblühten. Die Umfragewerte kippten schnell wieder in den Keller.

Nach den Höhenflügen und bei Lichte betrachtet: Diese neue Wunderpartei hat nichts an. Sie ist nackt und bietet nichts außer ihren Altthemen: Transparenz, freie Entfaltung, Internet. Auch nach ihrem Parteitag in Bochum nicht.

Den Piraten geht es eigentlich nicht um Inhalte, ihnen geht es um das Verfahren. Alle reden mit, alle wollen dabei sein, wer nicht berücksichtigt wird, ist beleidigt. Was am Ende herauskommt, ist nicht so wichtig, Hauptsache superbasisdemokratisch und im Netz wochenlang vordiskutiert. Der Weg ist das Ziel. Das Treffen Bochum zeigt: Sie sind damit schon jetzt an ihre Grenzen gestoßen. Und es ist nicht alles schlecht, was die anderen Parteien treiben. Noch vor einem Jahr spotteten Piraten, die anderen Parteien hätten Antworten, sie aber würden die richtigen Fragen stellen. Mittlerweile reicht ihr Spott nicht mehr. Die Deutschen haben selbst genug Fragen: Was wird aus dem Euro? Aus Griechenland? Was aus der Rente, aus unserem Wohlstand?

Die Piraten reagieren darauf nach dem Baukastenprinzip. Man bastelt sich aus allem was zusammen. Man nennt sich Partei, man nennt sich Bewegung. Man ist sozialliberal, nimmt von den Linken das Grundeinkommen, von den Liberalen den Freiheitsbegriff, von den Grünen ein Prise Umweltschutz. Gleichzeitig reden manche Piraten über Israel wie Neonazis. Oder sie proklamieren die Kernenergie als eine "wesentliche Säule künftiger Energieversorgung". Dazu kommen die zahlreichen Spinner, die den Mars besiedeln oder den Menschen mit Hilfe von implantierten Computerchips aufmotzen möchten. Vieles wirkt höchstens pubertär.

Anders wollten die Piraten sein, anders sind sie tatsächlich. Eine Verbesserung allerdings nicht.

Kontakt zum Autor: Bernhard Honnigfort

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