Vorlesen

Ringen: Kopfstände für eine neue Chance

Uhr | Aktualisiert 14.01.2013 22:25 Uhr

Norman Pickut (rot/hier gegen Unterföhrings Julian Stadelbauer) will mit dem KAV in die erste Liga. (ARCHIVFOTO: SCHUMANN)

Von
Der KAV Mansfelder Land kämpft künftig in der Bundesliga. Das soll helfen, den Abwärtstrend der Sportart zu stoppen.
Drucken per Mail
Eisleben/MZ. 

Schon wieder schrillt das Telefon von Andreas Kraus. Und wieder ist jemand dran, der einen seiner Jungs anbietet. Einen erstklassigen Ringer, der für kleines Geld einschlagen wird, wie der Herr am anderen Ende der Leitung versichert. Kraus notiert sich die Fakten und verspricht, sich zu melden. Denn seit seine Eisleber Ringer kurz vor Weihnachten den Aufstieg in die erste Liga perfekt gemacht haben, wird der Geschäftsführer des Kampfsport- und Athletikvereins (KAV) aus dem Mansfeldischen von Ringern und ihren Beratern regelrecht belagert.

Tatsächlich sind Athleten aus Osteuropa in seiner Sportart zu unglaublich günstigen Konditionen zu haben. "Aber das ist nicht die Philosophie unseres Vereins", sagt Kraus. Er denkt an seine eigenen Talente. Vor allem für die wird er pünktlich zum Meldeschluss am Dienstag die Zusage für die erste Bundesliga geben.

Die KAV-Verantwortlichen haben lange mit sich gerungen und dann mit ihren Sportlern beschlossen, sich in das sportliche und finanzielle Abenteuer zu stürzen. Als Zweiter der zweiten Bundesliga Nord hinter Erzgebirge Aue nimmt der kleine Verein sein Aufstiegsrecht wahr. Auch wenn er Gefahr läuft, in dem als stärkste Liga der Welt gehandelten Oberhaus viele Niederlagen einstecken zu müssen. Lehrgeld zahlen nennt man das.

Klar ist: Kraus und seinen Männern bleibt der Griff tief ins Portemonnaie nicht erspart. Eine Saison im Ringer-Unterhaus kostet ab 60 000 Euro, wobei im Etat auch die Nachwuchsarbeit eingerechnet ist. In der Beletage muss das Doppelte bereitgestellt werden für Lizenzen, Kautionen, Reisekosten, Antrittsgeld. Eine Summe will Kraus nicht nennen, nur dass sich der Etat im unteren sechsstelligen Bereich bewege. Wer das weiß, versteht, warum die Zweitligisten gern vom Aufstiegsgespenst reden.

Die Entscheidung, sich der neuen Liga zu stellen, sieht Kraus als Ergebnis eines Reifeprozesses. Auch sportlich. "Wir müssen unseren jungen Athleten etwas bieten. Wenn sie nicht bei uns ringen, dann tun sie das irgendwann für andere Vereine."

Die Mansfelder sehen sich auch in der Verantwortung, die Sportart im Land wieder nach vorn zu bringen. Denn der Kampf Mann gegen Mann hat in Sachsen-Anhalt eine lange Tradition. Nur: Die goldenen Zeiten sind seit dem Karriereende des heutigen Bundestrainers Sven Thiele vor knapp zehn Jahren vorbei. Mit Junior Dominik Streich gibt es gerade noch einen Kadersportler mit EM-Erfahrung. Der kommt - natürlich - aus Eisleben. Und es gibt mit Kevin Lucht (Stendal / KAV Eisleben) einen, der es bis zum deutschen B-Jugend-Meister gebracht hat.

Mit 750 Mitgliedern in 19 Vereinen hat sich der Landesverband "quantitativ auf unterem Niveau" stabilisiert, wie Präsident Andreas Heft sagt. Der junge Trainer Robert Fuchs, auch er kämpft für den KAV, versucht, im Landesleistungszentrum am Kreuzvorwerk in Halle die Kräfte zu bündeln. Die Jungen trainieren nun nicht mehr isoliert, sondern wieder miteinander, pushen sich gegenseitig. Und es werden auch wieder mehr Sportschüler in Halle betreut. Immerhin 27 sind es inzwischen. Zahlen, die Mut machen, die Heft aber nicht zu hoch hängen will. "Die Lage ist dramatisch, aber nicht hoffnungslos", sagt er.

Die Einstufung als Kernsportart und damit den Förderstatus hat die Sportart Ringen praktisch mit Thieles Karriereende verloren. Eine der drei Trainerstellen ist damals gestrichen worden. Eine weitere, die von Robert Fuchs, steht nun zur Disposition. Heft frustriert das: "Wir haben gerade erfahren, dass unsere Fördermittel um 82 Prozent gekürzt werden sollen." Statt 61 000 Euro sollen nur noch 11 000 Euro pro Jahr fließen. Aber damit kann man unmöglich Trainingslager, Meisterschaftsstarts und nebenbei noch eine Trainerstelle finanzieren.

Ohne hauptamtliches Personal, das bestätigt auch Sven Thiele, wird es ganz schwer, etwas zu bewegen. Halles einstiger Erfolgsringer bezeichnet die leistungssportliche Situation im Land als schwierig, und dennoch nicht aussichtslos: "Es ist in den unteren Altersklassen schon Potenzial da." Eine Reduzierung der Trainerstellen sei aber alles andere als förderlich.

Trotzdem muss der Spagat gemeistert werden, denn es gibt nur eine Chance, den Absturz von Sachsen-Anhalts Ringern in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern: "Wir müssen schnellstmöglich Erfolge aufweisen", sagt Heft.

Und genau dazu könnte und soll der Bundesliga-Start der Mansfelder beitragen.

Auch interessant