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„Bullshit-Quiz“: Wie zwei Leipziger mit einem Spiel Rechtspopulisten aufs Korn nehmen

Zitate, Worte, gestanzte Floskeln - die Kärtchen greifen die Begrifflichkeiten der Populisten satirisch auf.

Zitate, Worte, gestanzte Floskeln - die Kärtchen greifen die Begrifflichkeiten der Populisten satirisch auf.

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Andreas Stedtler

Schon mal was von Gabriele Kuby gehört? Nein? Macht nichts. Die katholische Publizistin und Vortragsrednerin dürfte nur Spezialisten bekannt sein. Von ihr stammen Sätze wie „Die Homosexualisierung der Bevölkerung ist globale Agenda der UN und der EU.“ Oder: „Harry Potter ist ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur.“ Wie bitte?

Damit befindet sie sich in Gesellschaft von Menschen wie dem umstrittenen Berliner Ex-Finanzsenator und Buchautor Thilo Sarrazin, Pegida-Anführer Lutz Bachmann oder AfD-Chefin Frauke Petry. Was sie eint? In den Augen von Max Hase und Michel Goldmann sind sie allesamt Rechtspopulisten.

Hase, 30, Goldmann, 31. Sie tragen Vollbärte, Jeans und Pullover, Goldmann läuft auf Socken durch das Büro. Die beiden Leipziger Jungunternehmer haben ein Gesellschaftsspiel erfunden, das provokante und fragwürdige Äußerungen wie die eingangs zitierten satirisch aufs Korn nimmt. „150 Zitate aus der Hölle“, so vermerkt auf der Verpackung, haben sie dafür gesammelt, von 30 Protagonisten. Politiker, Publizisten, Verschwörungstheoretiker, die Bandbreite ist groß. „Bullshit-Quiz“ heißt das Spiel. Bullshit, englisch, lässt sich ziemlich zutreffend mit Blödsinn übersetzen.

Bei dem Spiel geht es darum, die Zitate ihren Urhebern zuzuordnen und anhand von Spielkarten mit Schlagwörtern wie etwa „schwul“, „Gender“, „Asyl“ oder „Scharia“ selbst populistische Äußerungen zu formulieren - so politisch unkorrekt wie möglich. Das ist zuweilen derb, zuweilen böse - und ein großer Spaß.

Aber eigentlich geht es um viel mehr als um ein Spiel. Es geht darum, wie man sich angemessen auseinandersetzen kann mit Populismus und Verschwörungstheorien, mit Hetze und Diskreditierungen von Flüchtlingen und anderen Minderheiten, die tagtäglich im Netz und auf der Straße verbreitet werden.

„Das Thema drängte sich auf“, sagt Michel Goldmann. Sie müssen ja nur vor die Tür schauen: Ein Jahr Legida, ihre Stadt verändert sich, die Atmosphäre ist aufgeheizt. Man kann das ignorieren, aber das ist nicht so einfach. Irgendwann kommt das Gespräch doch darauf, „und dann“, sagt Max Hase, „kann es schnell ungemütlich werden“. Er hat das in der eigenen Familie erlebt, wo eine Person aus den entfernten Verwandtschaft unreflektiert Pegida-Parolen übernommen habe.

Was also tun? Hilft am Ende nur Humor, bissiger, schwarzer Humor? „Ich sehe gar keine andere Möglichkeit“, sagt Hase, und er meint das ernst. Wieder das Beispiel vor der eigenen Haustür: Mit den Legida-Leuten könne man sich anders gar nicht auseinandersetzen. Seine Erfahrung: „Sie sind so radikalisiert, dass sie keinen vernünftigen Argumenten mehr zugänglich sind.“

Also setzen sie statt auf die Kraft der Argumente auf den spielerischen Zugang. „Das ist einfacher“, findet Michel Goldmann, „als zu sagen, lasst uns mal über Legida reden.“ Und wer im Spiel selber Zitate erfinde, der begreife schnell den Mechanismus, mit dem Populisten ihre groben Botschaften schnitzten - das Schablonenhafte, die Reizwörter, die Zuspitzung. Zumindest ist das die Hoffnung der Macher von „Bullshit-Quiz“. „Wir wollen das Immunsystem gegen Rechtspopulismus stärken.“ Klingt ein wenig volkspädagogisch, aber wenn es gelingt, warum nicht. Wenn nicht, bleibt immer noch der Spaß am Spiel.

Warum sich die beiden bereits bestens mit bissigem Humor auskennen und wie die bisherigen Reaktionen auf ihr Quiz waren, lesen Sie auf Seite 2.

Mit bissigem Humor kennen Max Hase und Michel Goldmann sich aus. Als Studenten haben sie mal satirische Texte für einen Blog geschrieben. Vor fünf Jahren, noch während des Studiums, entstand ihre eigene Firma, die Rappel GbR. Erstes und bis vor kurzem einziges Produkt war ein „Minderheiten-Quartett“, in dem sie satirisch und manchmal bitterböse den Umgang mit eben diesen aufspießen.

Hases und Goldmanns Firma ist so etwas wie ein Startup in Sachen Satire. Ein rund 40 Quadratmeter großer Raum in einem Leipziger Gründerzeitbau. Stuck an der Decke, ein Keiler- und zwei Elchköpfe aus Plüsch an den Wänden. Auf zwei Schreibtischen stehen zwei Laptops und zwei angebrochene Cola-Flaschen. Versandkartons stapeln sich. Auf einem Sideboard ruht ein rotes Wählscheiben-Telefon aus DDR-Produktion. „Da ruft jeden Morgen das Weltjudentum an“, frotzelt Goldmann.

Schon wieder so ein böser Witz. Darf man das? Sagen wir mal so: Goldmann spießt damit nur auf, was in der Welt der Verschwörungstheoretiker ein beliebtes Motiv ist - die angebliche Allmacht des Judentums. Als sie das Minderheiten-Quartett herausbrachten, bekamen sie nicht viele Reaktionen, aber hässliche. „Eine lautete: Das ist ein Spiel von Juden für Juden“, erzählt Goldmann. „Das kam natürlich aus der braunen Ecke.“ Die Minderheiten im Quartett sind in Gruppen unterteilt, zur Gruppe „Radikale“ gehören auch „Nazis“. Die fanden das nicht lustig.

Böse Kommentare und Briefe

Zum „Bullshit-Quiz“ haben sie schon mehr böse Kommentare im Netz, Mails und Briefe bekommen. „So haben wir zum Beispiel erst erfahren, dass wir arbeitslose Penner sind, die vom Staat bezahlt werden.“ Goldmann grinst, dabei ist es eigentlich ernst. Da nämlich war der Punkt erreicht, an dem sie beschlossen, auf Fotos, auf denen sie zu erkennen sind, lieber zu verzichten. Angst? Nein, sagen sie. Aber sie wollten sich nicht auch noch auf der Straße anpöbeln lassen.

Die im Quiz aufs Korn genommenen Protagonisten haben sich dagegen noch nicht mit Kritik zu Wort gemeldet. „Einige haben sich sogar Exemplare bestellt“, erzählt Max Hase. „Sie wollten wohl prüfen, ob sie rechtlich dagegen vorgehen können.“ Bisher sei aber kein Brief von einem Anwalt eingegangen.

Um rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, haben die Spiele-Macher sich vorbereitet. Für das Quiz haben sie Steckbriefe der Protagonisten entworfen, kleine satirische Charakterisierungen der Person. Sie sind auf die Rückseite von Spielkarten gedruckt, deren Vorderseite eine Karikatur der Person ziert. „Für die Steckbriefe haben wir uns von einem Anwalt beraten lassen“, erklärt Hase belustigt, „wir mussten aber nichts entschärfen.“

Für die gesammelten Zitate, in einem Heftchen allesamt mit Quellenangaben belegt, haben sie über Monate recherchiert, „bestimmt ein halbes Jahr lang“, sagt Goldmann. Sie haben dutzdende Videos angeschaut, Presseartikel gelesen, sich durch schier endlos viele Webseiten und soziale Netzwerke geklickt. So fanden sie aus ihrer Sicht Passendes auch von dem Sänger Xavier Naidoo oder von AfD-Gründer Bernd Lucke, der die Partei unterdessen verlassen hat.

Höcke hat bei Neuauflage gute Chancen

Einen anderen mittlerweile bundesweit bekannten AfD-Funktionär werden manche dagegen vermissen: Björn Höcke, Partei- und Fraktionschef im Freistaat Thüringen. Auf ihn wurde eine breite Öffentlichkeit erst mit seinem Auftritt im Herbst bei Günter Jauch in der ARD aufmerksam. Da aber waren die Vorbereitungen für das Spiel bereits abgeschlossen. „Bei einer Neuauflage hätte er aber gute Chancen“, meint Michel Goldmann augenzwinkernd.

Sich über populistische Politiker lustig und daraus ein Spiel machen - kann man davon leben? Man kann, sagen Max Hase und Michel Goldmann. Das „Minderheiten-Quartett“ laufe gut, für Ende dieses Jahres sei eine neue erweiterte Auflage geplant. Und das „Bullshit-Quiz“? Die Startauflage liegt bei immerhin 10.000 Exemplaren. „Für einen kleinen Verlag wie unseren ist das viel“, sagt Hase. Mit dem Weihnachtsgeschäft sind sie zufrieden, genauer wollen sie aber nicht werden.

Was die Person aus der Verwandtschaft Max Hases von dem Quiz hält, die mit den Pegida-Parolen, Hase weiß es gerade selbst nicht so genau. Aber immerhin, auch sie hat sich bei ihm ein Exemplar bestellt. (mz)

Mehr Informationen unter: www.bullshit-quiz.de

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