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„Raum für ärztliche Kunst“: Dr. Schütte über personalisierte Medizin bei Lungenkrebs

Wolfgang Schütte.

Wolfgang Schütte.

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Martha Maria

Halle (Saale) -

Personalisierte Medizin in der Krebsbehandlung ist das große Thema des 32. Deutschen Krebskongresses, der Mittwoch in Berlin beginnt.

Professor Dr. Wolfgang Schütte, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Martha-Maria in Halle-Dölau, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II und Leiter des Regionalen Lungenkrebszentrums Halle-Dölau/Ballenstedt, wird dort über seine Erfahrungen bei dieser speziellen Art der Behandlung des Lungenkrebses berichten. Er hat eine klinische Studie mit 4.500 Patienten geleitet, an der etwa 50 Lungenkrebszentren in ganz Deutschland beteiligt waren. Ziel war, herauszufinden, für welche Patienten die personalisierte Medizin eine Möglichkeit ist. Mit dem Spezialisten sprach Bärbel Böttcher.

Herr Professor Schütte, wenn von Krebs die Rede ist, denkt der Patient zuerst an Chemotherapie. Was ist personalisierte Medizin?

Schütte: Eine Chemotherapie greift den Tumor relativ unspezifisch an und ist damit für die meisten Tumortypen ähnlich. Nun hat die Wissenschaft in den letzten Jahren das genetische Profil des Lungenkrebses analysiert und sogenannte Tumormarker gefunden. Dabei handelt es sich um Mutationen der Krebszellen. Sie werden Treibermutationen genannt, weil sie das Tumorwachstum antreiben. Gegen diese Marker gibt es spezielle Medikamente, die den Krebs ganz zielgerichtet angreifen. Patienten, bei denen eine solche spezielle Therapie, sprich: molekulare Therapie, angewendet werden kann, haben in der Regel eine sehr viel bessere Prognose.

Für welche Patienten kommt eine solche Therapie denn in Frage?

Schütte: Für Patienten, die unter einem sogenannten nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC), dem Adenokarzinom, leiden. Das sind 40 bis 50 Prozent. Allerdings werden nur bei etwa 13 Prozent dieser Patienten die entsprechenden Marker gefunden. Sie treten übrigens meistens bei Lungenkrebspatienten auf, die Nichtraucher sind.

Aber das Rauchen ist die häufigste Ursache von Lungenkrebs ...

Schütte: Richtig. Es gibt im Moment zwei weitere dieser zielgerichteten Therapien. Die eine setzt auf die Hemmung der Neubildung von Blutgefäßen. Manche Tumore neigen dazu, weil Blutgefäße Sauerstoff transportieren, den sie zum Wachstum brauchen. Diese Therapie kann bei den meisten nicht-kleinzelligen Tumoren eingesetzt werden. Die dritte Säule der personalisierten Krebsmedizin ist die sogenannte Immuntherapie. Dabei soll die körpereigene Abwehr, die ebenfalls durch bestimmte Tumormarker blockiert wird, wieder angeregt werden. Diese Behandlung kann bei allen nicht-kleinzelligen Tumoren eingesetzt werden.

Wie stellen Sie fest, welche Therapie für wen geeignet ist?

Schütte: Bei jedem Patienten mit Lungenkrebs wird der Gewebetyp analysiert. Handelt es sich um ein Adenokarzinom, wird nach den Tumormarkern gesucht. Liegen solche vor, kann der Patient mit der molekularen Therapie behandelt werden. Von Bedeutung ist dabei allerdings, in welchem Stadium der Krebs ist.

Das heißt?

Schütte: Eine molekulare Therapie wird im Moment fast nur im Krebs-Stadium IV, dem höchsten Stadium, eingesetzt. Das ist dadurch charakterisiert, dass es bereits Metastasen in anderen Organen gibt. Ziel des Eisatzes die spezifischen Medikamente ist es, das Tumorwachstum zu bremsen und die Metastasen zu verkleinern, was bei vielen Patienten gelingt.

Ist so eine Heilung möglich?

Schütte: In der Regel ist das in diesem Stadium nicht möglich. Aber der Krebs wird sehr lange in Schach gehalten. Geheilt werden kann er in den ersten drei Stadien - durch Operation, durch Chemotherapie und Bestrahlung.

Sie sagten, Patienten, die mit dieser zielgerichteten Therapie behandelt werden, haben eine bessere Prognose. Wie sieht die aus?

Schütte: In der Medizin spricht man vom medianen Überleben. Das heißt, es wird von 100 Patienten der 50. angeschaut. Und der lebt mit einer reinen Chemotherapie acht bis zwölf Monate. Mit der molekularen Therapie sind es bereits etwa 20 Monate. Das klingt zwar nicht viel. Aber erstens beurteilen Kranke eine Lebensverlängerung immer ganz anders als Gesunde. Und zweitens leben ja 49 Patienten wesentlich länger als diese 20 Monate. Zwei meiner Patienten nehmen die Medikamente bereits seit zehn Jahren, was wiederum ungewöhnlich ist.

Wieso?

Schütte: Es ist schon faszinierend. Tumoren sind außerordentlich intelligent. Sie verändern die Stelle, an der die Medikamente ansetzen, entwickeln nach zwei bis drei Jahren Resistenzen. Also müssen immer neue Medikamente entwickelt werden. Es ist jetzt bereits die zweite Generation auf dem Markt.

Die personalisierte Krebsmedizin ist seit gut zehn Jahren ein Thema. Sie selbst betreiben auf diesem Feld Forschung. Wohin geht die Reise?

Schütte: Es wird nach weiteren Tumormarkern gesucht. Wir glauben, dass es viel mehr gibt, als die jetzt bekannten. Und ganz stark im Blickpunkt steht seit kurzem die erwähnte Immuntherapie. Es ist eine unheimlich spannende Zeit und es macht Spaß, da beteiligt zu sein.

Es ist auch eine Herausforderung.

Schütte: Ja. Es gibt viel mehr Behandlungsmöglichkeiten als früher. Dadurch wird der ärztlichen Kunst Raum gegeben. Der Arzt braucht viel Erfahrung und muss sich mit den neuen Studien beschäftigen. Nur dann kann er Entscheidungen treffen, die die ganz individuelle Situation des Patienten berücksichtigen.

In Sachsen-Anhalt ist Lungenkrebs nicht die häufigste Krebserkrankung, aber die, die bei Männern am häufigsten zum Tode führt. 2014 starben 1 099 daran. Das waren bei den Männern 24 Prozent aller Krebstoten. Bei den Frauen steht Lungenkrebs bei den Todesursachen an dritter Stelle. 420 Frauen starben daran. Das waren 11,9 Prozent aller Krebstoten.