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Familie, Freunde, Sinn: Warum die Generation Y nicht egoistisch ist

Freunde und Familie haben für die Generation Y oberste Priorität.

Freunde und Familie haben für die Generation Y oberste Priorität.

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imago/Westend61

„Generation Weichei“ (FAZ), „Faul und schlau!“ (DIE ZEIT), „Unsicher, ziellos und wenig belastbar“ (Huffington Post) – das sind nur einige der negativen Stempel, die der Generation Y in den letzten Jahren aufgedrückt wurden. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat die heute zwischen Mitte 20- und Mitte-30 –Jährigen sogar „Egotaktiker“ getauft. „Das Rückbesinnen auf sich selbst und das In-Balance-Bleiben“ würden der Generation Y häufig als Egoismus vorgeworfen, stellt die Anthropologin Hannah Bahl fest. Aber ist das gerechtfertigt?

Mehr als 1000 junge Berufstätige befragt

Es wird so viel behauptet über diese angeblich so selbstbezogene Generation, nur bei den Ypsilonern nachgehakt wird kaum. Eine Ausnahme: Der Wissenschaftler Michael Haller und seine Mitarbeiter der Hamburg Media School haben im Rahmen einer groß angelegten empirischen Studie mehr als 1000 junge Berufstätige ein Jahr lang in regelmäßigen Abständen nach ihren Lebenseinstellungen und Wünschen an die Arbeitswelt befragt.

Die Ergebnisse der Umfrage unter den 23- bis 35-Jährigen, die alle mindestens die mittlere Reife haben, sind in Hallers aktuellem Buch „Was wollt Ihr eigentlich? Die schöne neue Welt der Generation Y“ zu lesen. Demnach handelt es sich bei der Untersuchung, die vom Marktforschungsinstitut Trend Research und der Jobplattform Xing unterstützt wurde, um die „erste große Studie über die Generation Y“.

Hedonisten und Karrieristen sind eine Minderheit

Ein wichtiges Ergebnis der Umfrage: „Hedonisten und Karrieristen sind eine kleine Minderheit“. Haller macht verschiedene Lebensstile aus, wobei er die größte Gruppe dem „Prototyp des Postmaterialisten“ zuordnet, der „eher intellektuell, öko- und umweltbewusst, an gehobener Kultur stark interessiert“ ist.

Generation Y vs. Generation X

„Große Bedeutung besitzen die Leitwerte Authentizität, Anerkennung und Respekt“. Das alles klingt alles andere als egoistisch oder egozentrisch. Im Gegenteil: „Es sind Wertehaltungen, die sich klar abgrenzen von der als nichtauthentisch empfundenen, eher narzisstisch geprägten Welt der Älteren“, schreibt Haller und bezieht sich damit auf die „Generation X“ der zwischen 1965 und 1980 Geborenen, die Florian Illies in seinem Buch „Generation Golf“ vor allem als hedonistisch und markenbewusst porträtierte.

Freunde und Familie haben Priorität

In der vermeintlich so selbst bezogenen Generation Y ist der Kollaborations-Gedanke – entgegen vieler anderer Behauptungen – dagegen stark ausgeprägt, wie Haller feststellt: Die Peergroup ist wichtig, die Freunde, das Team – und die Familie. Von wegen egoistisch. „Über die Hälfte würden ihren Kindern zuliebe auf Karriere verzichten“, haben die Wissenschaftler herausgefunden. Und: „Über 80 Prozent würden weniger arbeiten, um mehr Zeit für die Familie zu haben.“

Mit den Kindern in der WG wohnen

Kinder sind bei der Generation Y eindeutig willkommen: „75 Prozent haben schon Nachwuchs oder planen ihn.“ Familie scheint ein großer gemeinsamer Nenner der hyperflexiblen Sinnsucher zu sein, wobei nicht mehr nur das traditionelle Mutter-Vater-Kind-Konzept gemeint ist: Junge Eltern, ob zwei Mütter und ein Vater oder umgekehrt, leben gemeinsam mit ihren Kindern in einer WG in Kreuzberg, bevor sie zusammen auf Weltreise gehen.

Sich immer wieder neu selbst suchen, erfinden und hinterfragen

Überhaupt passt das Wort „Lebensentwurf“ sehr gut zu dieser Generation, die sich immer wieder neu selbst sucht, erfindet, verwirklicht und hinterfragt, die nirgends wirklich zu Hause ist, außer im Netz. Die „Digital Natives“ , die in der ersten Phase der Digitalisierung geboren wurden, zwischen Anfang der 80er und Mitte der 90er Jahre, zählten, so Haller, „Kassettenrecorder, Walkman, Gameboy, Heim-PC, Nokia-Handy und SMS“ zu den Symbolen ihrer Kindheit.

Das Netz ist die Heimat, das Netzwerk die erweiterte Familie

„Heimat ist für uns meistens dort, wo wir einen Internetanschluss, Freunde und eine Skypeverbindung haben – in anderen Worten – (fast) überall“, schreibt die „Ypsilonerin“ und Journalistin Hannah Bahl, die an Hallers Buch mitwirkte. Wenn das Netz die Heimat der Digital Natives ist, dann ist ihr Netzwerk die erweiterte Familie.

„Glück schlägt Geld“

Das Motto „Glück schlägt Geld“, das die Journalistin Kerstin Bund in ihrem gleichnamigen Buch als Motto für ihre Generation ausmachte, es manifestiert sich auch in den empirischen Daten: „Für jeden Zweiten ist Selbstverwirklichung wichtiger als Wohlstand“, so das Ergebnis von Hallers Umfrage. „Hierzu passt, dass man Zeit zur freien Gestaltung haben möchte und diese Qualität für wichtiger hält als schnellen Einstieg und Aufstieg.“ Aber: Kann man der Generation Y diesen Selbstverwirklichungs-Drang wirklich vorwerfen?

Volle Flexibilität bei allgemeiner Unsicherheit

Nein. „Wenn nichts mehr sicher ist, ist das Selbst im Umkehrschluss das Einzige, auf das man sich verlassen kann“, schreibt die Wissenschaftlerin Bahl in Hallers Buch. „Umso wichtiger wird es also für die Generation Y, dieses Selbst und die Selbstwerdung um jeden Preis zu verfolgen und die Freiheit, sich ausprobieren zu können, zu verteidigen.“

Krisenkinder werden sie schließlich auch genannt, diejenigen, deren Jugend sich im Schatten des 11. September abspielte, die zur Uni gingen als die Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise Märkte und Menschen erschütterte, die seit ihrem letzten Praktikum den prekären Arbeitsverhältnissen nicht mehr entkommen sind, die via Facebook Flashmobs und Festivals organisieren, während sie den Terror als essenzielle Bedrohung ihrer Lebensweise, als reale Gefahr, erleben. „Die Generation Y vertraut auf die eigene Flexibilität und lässt sich dabei nicht mehr von gesellschaftlichen Krisen, die zur Normalität geworden sind, aus dem Takt bringen“, bilanziert Haller.

Die „heimlichen Revolutionäre“ der Arbeitswelt

Mit dieser vermeintlich so selbstbezogenen, nach dem Warum fragenden Haltung, könnten die Ypsiloner die Arbeitswelt, die noch stark von der materialistischen Generation X geprägt ist, tatsächlich revolutionieren. „Die heimlichen Revolutionäre“ hat Jugendforscher Hurrelmann sie deshalb auch getauft. „Diese Generation lässt sich nicht mit einem ‚das ist unmöglich‘ abspeisen oder abschrecken“, schreibt Bahl.

Projektverantwortung und Home Office? Nichts ist unmöglich!

Die Wünsche der jungen Generation schienen häufig „widersprüchlich oder unvereinbar“, so Forschungsleiter Haller: „Leistungsorientierung und Kreativität, Projektverantwortung und Home-Office, Effizienz und Jobsharing, Karriere und Elternrolle.“ Im Gegensatz zur „klassischen Betriebswirtschaft“ handele es sich für die jungen Digitals hierbei jedoch nicht um Widersprüche. Wieso sollte man nicht einen anspruchsvollen Job, eine leitende Position innehaben, ein Start-up gründen, sich gesellschaftlich engagieren und trotzdem genug Zeit für Familie, Freunde und Kinder haben? Je mehr Ypsiloner diese Ansprüche stellen, desto eher müssen Chefs und Politiker auf diese Forderungen eingehen.

Gerade durch Selbstbezogenheit die Welt verändern

Von dieser „schönen neuen Welt“, wie Haller die Vision der Ypsiloner im Untertitel seines Buches bezeichnet, sind die heimlichen Revolutionäre allerdings noch weit entfernt. Zu Prekär ist bislang oft noch ihre (Arbeits-)Realität und ihre (Lebens-)Wirklichkeit. „Unsicherheit ist die neue Konstante“, schreibt Tina Egolf über ihre Generation im „Plädoyer einer Unruhestifterin“. Vielleicht kann diese Generation aber gerade deshalb einen vermeintlichen Widerspruch auflösen, wieder Visionen haben und sich trotzdem auf sich selbst besinnen – und mit oder gerade durch ihre Selbstbezogenheit die Welt verändern.

Michael Haller: Was wollt Ihr eigentlich? Die schöne neue Welt der Generation Y. Murmann Publishers Hamburg, 304 Seiten, 20,00 Euro.