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Geschichte: Erbe ist in guten Händen

Und los geht’s! Die Arthur-Lambert-Gedächtnisläufe fanden von 1991 bis 2003 unter Federführung Manfred Kuschels in Wittenberg statt.

Und los geht’s! Die Arthur-Lambert-Gedächtnisläufe fanden von 1991 bis 2003 unter Federführung Manfred Kuschels in Wittenberg statt.

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Privat

Wittenberg -

Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Deutschland liegt zerstört am Boden. Bei vielen Menschen hinterlässt der Krieg körperliche und seelische Wunden. Auch bei Meistertrainer Arthur Lambert, der im April 1945 Frau und Kinder verliert. Der Wäschereibetrieb, seine wirtschaftliche Existenz, ist vernichtet, die Spitzenathleten sind entweder gefallen oder befinden sich in Kriegsgefangenschaft. Der Coach wagt einen Neuanfang, verlässt Wittenberg und zieht nach Wuppertal. Das Gespür für Talente ist ihm nicht abhanden gekommen. Der 5 000-Meter-Läufer Herbert Schade belegt bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki den dritten Platz. Zuvor muss sich Lambert von den amerikanischen Behörden einige unangenehme Fragen stellen lassen. Man glaubt ihm nicht, dass ein deutscher Nationaltrainer kein Anhänger der Nazis war. Als er den Dankesbrief des Zahnaer Juden Paul Lamm zeigt, wird vieles klar. Der Coach beschäftigte Lamms Frau in seiner Firma und schütze sie vor den Nazihäschern.

Walter Schönrock und Max Syring, die auf dem Zenit ihrer sportlichen Karriere in den Krieg ziehen mussten, kehren nach Wittenberg zurück. Ewald Mertens geht nach Erfurt, wo er als Cheftrainer den späteren Europameister Manfred Matuschewski (800 Meter) betreut. Karl-Heinz Becker lässt sich in seiner Heimatstadt Hamburg nieder.

In der Lutherstadt versucht man unter erschwerten Bedingungen, wieder einen normalen Sportbetrieb ins Leben zu rufen. Es scheitert oft an einfachen Dingen wie zum Beispiel waschen nach dem Training. Hier bietet Lamberts ehemalige Firma eine Ausweichlösung. Syring und Schönrock sind diejenigen, die sich für das sportliche Erbe Lamberts einsetzen. Der Ex-Wittenberger Alfred Holzhausen (damals 16), erinnert sich: „Nach dem Krieg 1945 habe ich mit meinen Klassenkameraden unter Syring und Schönrock auf dem Sportplatz an der Wallstraße trainiert. Sie waren für uns Jugendliche Idole und Vorbilder. Mein größter Erfolg war 1948 ein Sieg im Halleschen Kurt-Wabbel-Stadion über 800 Meter.“ Ein weiterer Zeitzeuge, der Reinsdorfer Siegfried Rölke, begegnet den beiden Starläufern oft im Stadtwald bei deren Trainingsläufen.

Inzwischen hat sich der Verein Lok Wittenberg gegründet. Er tritt die Nachfolge des berühmten KTV an. Coach wird Max Syring, der später zum SC Leipzig geht. Der Olympiateilnehmer (1936 in Berlin) wird 1951 und 1952 DDR-Meister über 5 000 Meter und Zweiter über zehn Kilometer - und dies im Alter von 44 Jahren!

Nach dem Weggang Syrings widmet sich Walter Schönrock jungen Leichtathleten. In Manfred Kuschel findet er später einen würdigen Nachfolger. „Manfred, ich glaube Du hast das Zeug, meine Nachfolge anzutreten. Ich habe Dich als engagierten Trainer kennengelernt“, lobt Altmeister Lambert seinen „sportlichen Erben“, der fortan fast vier Jahrzehnte die Geschicke der Lok-Athleten lenken wird. Er formt Spitzenathleten wie Frank Kase (vier Länderkämpfe) oder Maik Fraustein, der Bronze bei den letzten DDR-Meisterschaften 1990 über die 3 000 Meter Hindernis gewinnt. Auch die Sportler aus der „zweiten Reihe“ zählen zu den Spitzenkräften in der damaligen DDR. Dazu gehörte die heutige Schauspielerin Claudia Wenzel.

Der DHfK-Absolvent Kuschel gilt auch als „Erfinder“ der DDR-Crosslaufserie, bei der Olympiamedaillengewinner und Europameister in den 1970er und 1980er Jahren sich im Piesteritzer Volkspark die Hand gaben. Als 2011 mit knapp 75 Jahren Manfred Kuschel starb, endete eine ganze Ära. Noch heute erinnern sie viele Wittenberger wehmütig an die Zeiten, wie die Sportler aus der Lutherstadt unter der Führung von Lambert, Syring, Schönrock und Kuschel das Niveau an der Spitze mitbestimmt haben. (mz)