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Zeitgeschichte: Übergriffe sowjetischer Soldaten in der Nachkriegszeit

Leipzig 1946: Zwei Sowjetsoldaten versuchen, sich einer Frau zu nähern.

Leipzig 1946: Zwei Sowjetsoldaten versuchen, sich einer Frau zu nähern.

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Ullstein

Halle (Saale) -

Die neue Macht kommt mit Versprechen. „Der Zivilbevölkerung der von der Roten Armee besetzten Gebiete droht keine Gefahr“, steht auf einem Flugblatt, das Stalins Militärverwaltung auch in Sachsen-Anhalt aushängen lässt. Die Amerikaner sind weg, die Russen sind da, doch der Krieg ist immer noch vorüber und es geht immer noch um den Wiederaufbau. Das zumindest möchten in Halle, Merseburg, Zeitz und Köthen alle glauben.

Der Alltag ein halbes Jahr nach dem Wachwechsel der Besatzungsmächte aber sieht ganz anders aus, als es die Beteuerungen der sowjetischen Militärkommandanten und der deutschen Kommunisten versprochen hatten. Der Krieg ist vorüber, aber vorbei ist er noch immer nicht: Statt Frieden ist eine Zeit angebrochen, in der Rechtlosigkeit und Anarchie herrschen.

Einerseits jagt der sowjetische Geheimdienst NKWD immer noch sogenannte Hitlerverbrecher, ohne dabei immer ganz genau hinzuschauen. Andererseits marodieren Sowjetsoldaten durchs Land, die sich nehmen, was sie wollen, ohne zu fragen, wem es gehört.

Raubzüge mit brutaler Waffengewalt

Und die Menschen spüren, dass die deutschen Verwaltungen nichts tun können, die sowjetischen aber nichts tun wollen. Polizeistationen notieren Raubzüge, häufig genug mit brutaler Waffengewalt durchgeführt. Vergewaltigungen, Diebstähle, Überfälle und Morde werden akribisch notiert. So meldet 1946 der Polizeipräsident von Halle von Januar bis Mai 34 Morde, 328 Straßenüberfälle, 212 Misshandlungen und 162 Vergewaltigungen unter anderen an Walter Ulbricht und den späteren Stasi-Chef Erich Mielke. Doch Konsequenzen hat das nicht, denn viele Sowjetoffiziere sind der Ansicht, dass ihre Soldaten es sich nach Jahren harter Kämpfe verdient haben, etwas Beute zu machen.

Kommt es dazu, dass ein Täter beim Versuch gefasst wird, sich Lebensmittel, Tabak, Alkohol oder Wertgegenstände zum Nachhauseschicken zu stehlen, bleibt die Justiz zahnlos. Als ein Sowjetsoldat in Schrampe am Ahrendsee nördlich von Magdeburg den Bauern Werner Schrader und seinen 15-jährigen Sohn zum zweiten Mal überfällt, wehren sich die Opfer mit einer Axt und melden den Fall an die sowjetische Kommandantur. Mit dem Ergebnis, dass der Täter zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wird. Vater Schrader jedoch zum Tode und sein Sohn zu einer zehnjährigen Haftstrafe.

Deutsche Genossen wie Untergebene behandelt

In den Städten und Dörfern herrscht böses Blut, sobald sich solche Nachrichten herumsprechen. In Dessau etwa berichtet eine Frau, dass Sowjetsoldaten ihren Mann kommentarlos abgeholt und danach auch noch ihre Wohnung ausgeräumt hätten. Doch der Bezirksvizepräsident kann sie nur vertrösten. Hilfe sei „nur von einer unmittelbaren Einwirkung der KPD auf den sowjetischen Geheimdienst“ zu erhoffen. Ausgang allerdings ungewiss, denn die Militärverwaltung behandelt die deutschen Genossen in der Regel nicht wie Partner, sondern wie Untergebene, denen man prinzipiell keine Erklärung schuldig ist. Stattdessen wird schon mal angewiesen, dass Ermittlungen einzustellen sind.

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