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Yoko Ono: Die nach den Beatles kam

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Im Bett für den Frieden: John Lennon und seine Frau Yoko Ono im Hilton-Hotel in Amsterdam am 25. März 1969.  (BILD: DPA)
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Zu ihrem 80. Geburtstag liegt der Witwe John Lennons und einst verhassten Konzept-Artistin die Kunstwelt zu Füßen. Yoko Ono hat nie versucht, populäre Kunst herzustellen und verkäufliche Werke zu schaffen. Stattdessen gebärdete sie sich kratzbürstig, immer gewillt, zu brüskieren und zu verstören.
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halle/MZ. 

Sie hatte die größte Band der Welt auf dem Gewissen. Und lachte noch. Sie brachte John Lennon dazu, sich als „Working Class Hero“ zu porträtieren und nach seiner Mutter zu schreien. Und wenn Yoko Ono selbst sang, dann klang das - etwa auf Lennons letztem Album „Double Fantasy“ - wie Gurgeln mit Glassplittern.

Fans spulten eilig weiter, Kritiker machten sich lustig, auch über die bildende Kunst, die die kleingewachsene Tochter eines Pianisten produzierte. Einmal stellte sie sich selbst aus und forderte die Galeriebesucher auf, ihr die Kleider vom Leib zu schneiden. Ein andermal filmte sie Dutzende nackte Hintern für eine „ziellose Petition“ (Ono). Oder sie legte sich gemeinsam mit Lennon in ein Hotelzimmer, empfing Reporter und nannte das ganze Unternehmen ein „Bed in“ für den Weltfrieden.

Es fehlt ein Zusammenhang, und genau darin liegt er wohl. Yoko Ono hat nie versucht, populäre Kunst herzustellen und verkäufliche Werke zu schaffen. Stattdessen gebärdete sie sich kratzbürstig, immer gewillt, zu brüskieren und zu verstören. Und vielleicht gerade deshalb ist die gebürtige Japanerin, die eigentlich Ono Yoko heißt, inzwischen nicht nur rehabilitiert, sondern an ihrem 80. Geburtstag, den sie heute begeht, auf dem besten Weg zur Klassikerin.

Ein Status, um den die studierte Komponistin nie gebeten hat. Ono, 1933 in Tokio in eine reiche Bankiersfamilie hineingeboren, verbrachte ihre ersten Lebensmonate in den USA, wo ihr Vater bei einer Bank arbeitete, kehrte nach Kriegsausbruch nach Japan zurück, ging aber schon mit 19 wieder in die Vereinigten Staaten, um dort zu studieren. Im New York der 50er machte sie die Bekanntschaft von Künstlern wie John Cage, der ihr sein Stück „0.00“ widmete, das laut Anweisung des Komponisten „von jederman auf jede Weise“ gespielt werden darf.

Eine Vorgabe, die sich liest wie Onos Lebensprogramm. Schon an der Seite von Lennon emanzipierte sich die den Rockfans völlig unbekannte Künstlerin von der schrägen Gespielin zur gleichwertigen Partnerin. John Lennon, den Ono im März 1969 auf Gibraltar geheiratet hatte, erkannte das als erster: Die Band, mit der er nach dem Ende der Beatles einen Neuanfang versuchte, hieß deshalb auch nicht „The Lennons“, sondern Plastic Ono Band.

Yoko Ono

Yoko Ono feiert ihren 80. Geburtstag.  (BILD: DPA.)

Vor dem ersten Live-Auftritt der Gruppe, zu der auch Eric Clapton und der deutsche Bassist Klaus Voormann gehörten, wurde ganz im guten alten Fluxus-Geist nicht geprobt. Direkt aus dem Flugzeug ging es auf die Bühne. Hier kauerte Yoko Ono zuerst in einen Sack gehüllt am Boden. Später begleitete sie den marxbärtigen und in einen weißen Anzug gekleideten Lennon am zweiten Mikrofon mit Schreien ihrer nadelspitzen Stimme.

Die hat die in klassischem deutschen Liedgesang ausgebildete Teilzeitsängerin bis heute drauf, wie ihr letztes Album „Between My Head and the Sky“ vor vier Jahren bewies. Noch einmal hatte Yoko Ono die Reste der 1975 aufgelösten Gruppe zusammengesetzt. Aus durchweg neuen Teilen. Statt ihres 1980 ermordeten Ehemanns spielte der gemeinsame Sohn Sean Gitarre und anstelle von Voormann und Clapton bedienten zwei Japaner die übrigen Instrumente.

Aber wichtig war ohnehin nur Ono, die bereits ihr ganzes Leben lang auf der Flucht vor Harmonie und Wohlklang ist. Kein Fußbreit der Verbindlichkeit!, schreien Tonwerke wie „Moving Mountains“, zusammengesetzt aus Onos Atemübungen, Elektronik, Maschinengeräuschen und fernöstlichen Tröten. Avantgarde aus der Gefühlskonserve, nur echt mit Kindchenstimme und dem bezaubernden japanischen Akzent, den Ono auch nach fast sechs Jahrzehnten in Amerika noch immer pflegt.

Eine Exotin, zu deren 80. Geburtstag in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main gerade eine große Ausstellung eröffnet worden ist. Fast 200 Objekte, Filme, Installationen, Zeichnungen, Fotos, Texte und Tonträger zeigen Yoko Ono als multimediales Phänomen, das Ideen getreu dem Ausstellungsnamen „Half-A-Wind“ einfängt, loslässt und sie später wieder greift.

„Moving Mountains“ hieß ein Lied auf ihrem letzten Album. Denselben Namen trägt jetzt ein Kunststück aus Stoffsäcken, in die Besucher schlüpfen können, um aus sich selbst bewegte Skulpturen zu machen.

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