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Weltstars aus Bronze stehen im Rampenlicht

Uhr | Aktualisiert 30.03.2005 13:57 Uhr
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Sonnenwagen trifft Sternenscheibe

Die Glanzpunkte der halleschen Ausstellung: Sonnenwagen trifft Sternenscheibe. (MZ-Foto: Bettina Wiederhold)

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Für Schlagzeilen war die Himmelsscheibe von Nebra seit jeher gut; jetzt aber hat sie ihren ersten wirklich großen Auftritt. In der lange schon angekündigten Landesausstellung "Der geschmiedete Himmel", die im halleschen Landesmuseum für Vorgeschichte am Donnerstagabend offiziell eröffnet wird, weitet sich der Blick auf die menschheitsgeschichtliche Epoche, die der Fund vom Mittelberg im Ziegelrodaer Forst in ein ganz anderes, neues Licht gerückt hat.
Halle/MZ. 

Bei ihrer ersten öffentlichen Präsentation im Frühjahr 2002 bald nach ihrer dramatischen Rettung aus Unterweltkreisen stand die 3 600 Jahre alte Himmelsscheibe zunächst wie eine Primadonna einsam im Rampenlicht. Jetzt liefern ihre nach und nach entschlüsselten Geheimnisse die Grundlage für die Inszenierung eines Weltbildes aus ferner Vergangenheit.

Unter den Gewissheit gewordenen Hypothesen rangiert das Schiffsmotiv an oberster Stelle. Die vermutliche "Himmelsbarke", die das komplexe astronomische Navigationssystem der Scheibe und seine kalendarische Funktion um ein mythisches Element erweitert, ist riesenhaft vergrößert als Blickfang ins Atrium eingezogen. Auf ihrem schimmernd schwarz lackierten Rumpf trägt das Schiff eine Vitrine mit der Himmelsscheibe und dem anderen großen Publikumsmagneten dieser Ausstellung, dem Sonnenwagen von Trundholm. Hoch über den Köpfen nimmt das Himmelsschiff spiegelbildlich und in Gold seinen Lauf auf der imaginären Himmelskuppel, wie die Darstellung der Nebraer Scheibe inzwischen gedeutet wird.

An effektvoll bildhaft umgesetzten Erträgen der Forschung ist denn auch kein Mangel. Unter keinen Umständen soll der Besucher ohne dieses Wissen das Haus verlassen. Realistische Fotomontagen zeigen die in Schritten verdichtete Kosmologie der Scheibe, mehrere fesselnd ins Bild gesetzte Filme rekonstruieren ihre astronomische Systematik. Eigens angefertigte Modelle lassen ursprüngliche Fundsituationen wieder erstehen, sowohl vom Hort auf dem Mittelberg als auch von den bedeutenden Grabhügeln der Zeit und der Region. Modelle zeigen auch die vorzeitlichen Observatorien von Goseck und Stonehenge, in deren Vorstellungswelt die Scheibe einzuordnen ist.

Beinahe könnte man dabei übersehen, dass dieser Aufwand mit der Wiederbelebung des historischen Museumsgebäudes einhergeht. Nach dem schon vor Jahren restaurierten Atrium kommt nun auch das Treppenhaus samt Paul Thierschs 1918 gemalten Frühlingsriten neu zur Geltung.

Zeigt dieses Fresko einer Art Geisterbeschwörung eine eigentümliche Frische in der kultischen Unterströmung des Ausstellungsthemas, so wollen die Kuratoren Wilhelm Kreis' Architektur nicht durchweg zu neuer Geltung verhelfen. Es gibt viele wiedergewonnene Details und einen originalgetreu restaurierten Raum, doch offenbar verlangte das Panorama von den Fernverbindungen der bronzezeitlichen Welt, das im zweiten Obergeschoss ausgebreitet ist, ein Crescendo an Gänsehaut-Appeal.

Lichtspots heben die Kostbarkeiten in einem schwarz verdunkelten Saal hervor. In der Tiefe schaut man am Ende einer schachtartigen Perspektive noch einmal auf den Hort vom Mittelberg, geisterhaft schwebend und zweifach vergrößert: Das "Ende" andeutend, den Ausklang einer Epoche. Doch so theatralisch solche Lichtspektakel anmuten, sie haben auch eine gewinnbringende Seite. Der Fotograf Juraj Liptak, der so manchen Schatz des Hauses, und nun auch die Ausstellung sowie den Katalog mit seiner Lichtführung so effektvoll in Szene gesetzt hat, ist ein Meister des Sichtbarmachens unscheinbarer Details.

Das ist es auch, das in der Ausstellung Aufmerksamkeit für den bisher vernachlässigten Schwerterfund vom Mittelberg weckt. Diesen erblickt man im Zusammenhang von lokaler Aneignung, die vom Import zur Nachbildung bis zur Neu- und Umschöpfung führte. Dafür ist der Blick auf die mikroskopisch feine künstlerische Ausgestaltung der Schwerter unerlässlich. Am Ende sind es solche geschärften Einsichten, die Himmelsscheibe und Sonnenwagen aus dem Glanz großartiger, geheimnisvoller Einzelstücke in das geistige Lebensumfeld von Menschen einer vorzeitlichen Hochkultur rücken.