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Weihnachtsbilder von 1910 bis 1980: Früher war mehr Lametta

Uhr | Aktualisiert 14.12.2012 22:00 Uhr

Weihnachtsfeier im Kindergarten der Landespolizei, Dresden, 1950. (FOTO: HÖHNE & POHL, CHRISTIAN BORCHERT/ LEHMSTEDT VERLAG)

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Gefeiert wird immer: Der Lehmstedt Verlag veröffentlicht Fest-Fotografien der Jahre 1910 bis 1980 aus den Sammlungen der Deutschen Fotothek in Dresden.
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Halle (Saale)/MZ. 

Von wegen: Besinnlichkeit. "Denkt an Weihnachten!" So befiehlt es die Leuchtreklame auf der Fassade eines Berliner Kaufhauses, fotografiert im Dezember 1934. Unter der Lichtzeile drei Kerzen, die sich über zwei Etagen strecken. Links und rechts gemalte Kirchenglocken, an deren Stricken jeweils ein Junge wie an einer Liane klettert. "Denkt an Weihnachten!"

Ja, wie denn anders? Wie sollte man im Advent nicht an Weihnachten denken? An das Fest, dessen geistig-geistliche Dimension den Alltagsverstand überfordert? An das Kind, das jeder für einen Moment wieder sein soll, wozu ein überdurchschnittlich hohes Aufkommen an Märchen-Aufführungen geboten wird. Schließlich: das Fest als Konsum-Anlass. Alles das ist gemeint, wo von Weihnachten die Rede ist. Und das wird im Wandel von sieben mitteldeutschen Jahrzehnten sichtbar, blättert man in dem Bild für Bild überraschenden Fotoband, der den Blick auf das Berliner Kaufhaus enthält.



"Weihnachtsbilder. Fotografien 1910-1980" heißt das Buch, das 56 Duotone-Aufnahmen bietet, herausgegeben aus den Beständen der Deutschen Fotothek in Dresden von Katrin Nitzschke, Alexandra Schellenberg und Anne Spitzer. Veröffentlicht vom Lehmstedt Verlag und beworben mit dem roten Aufkleber: "Vom Nikolaus geprüft, vom Weihnachtsmann empfohlen!" Lehmstedt hat nicht nur Humor. Er hat auch die schönsten Bilder.



Bereits 1996 hatte der Nicolai Verlag einen kulturhistorisch verblüffenden Band unter dem Titel "Deutsche Weihnacht" herausgegeben, der ein und dieselbe Berliner Familie von 1900 bis 1945 jeweils am Weihnachtsabend zeigte. Das Lehmstedt-Buch präsentiert nun eine ganze Region, dem Sammelschwerpunkt der Fotothek geschuldet: Dresden, Leipzig, Berlin, auch ein Foto aus Lupembe in Tansania ist dabei, vormals Deutsch-Ostafrika. Es zeigt zum Krippenspiel verkleidete deutsche Kinder, 1936 angetreten vor baumhohen Stauden. Nicht das einzige Bild, von dem man meint, dass man die Geschichte nur einfach abschreiben müsste, die es fast freiwillig präsentiert.

Bild für Bild, von der Familie des Dresdner Restaurators Max Helas an im Jahr 1912 bis hin zu "Weihnachten bei Familie L", Berlin 1974, muss man feststellen: Weihnachten ist hierzulande eine ernste Sache. Es ist, zumindest vor der Kamera, eine Leistungsschau der Bürgerlichkeit, ein unter Lametta inszenierter Aufstiegstraum. Bescherungen sind da zu sehen, die nichts anderes sind als Waren-Annahmen. Vom Kaiserreich an werden die Kinder wie Puppen in die Szenen hineingestellt, die ihnen eines Tages als ein Märchen erscheinen. Kurzum, es ist bestes kulturhistorisches Material, das hier geboten wird. Familien, Pärchen, Weihnachtsmärkte: ein deutscher Adventskalender in Schwarzweiß. Was an Wandel deutlich wird: Bis in die 1930er Jahre werden die Geschenke in den Vordergrund gestellt, man zeigt, was man hat. Mit den Nazis rücken die politischen Symbole ins Bild, etwa die zum Hakenkreuz arrangierte Weihnachtstafel in der Exerzierhalle des SS-Pionier-Sturmbanns Hellerhofstraße, Dresden 1941. Es folgt die Weihnachtstafel für französische Kriegsgefangene: Roßwein, 1941. Gab es eine Weihnachtstafel für kriegsgefangene Rotarmisten? Das nächste Bild: ein weihnachtlicher Umzug durch die Ruinen der Dresdner Neustadt - ein Kinderzug unterm Herrnhuther Papierstern.

Weihnachtsfeiern im Nachkrieg: die menschenleere Tafel im Flüchtlingsheim Langhennersdorf, Kreis Pirna. Waisenkinder, die in einem Kinderdorf der Volkssolidarität bewirtet werden. Noch bleibt die Politik im Bild: ein Stalin-Bild über der Weihnachtsfeier in einem Polizei-Kindergarten, ein Adventskranz vor einem Ho Chi Minh-Porträt 1955, eine Feier bei der Volkspolizei 1952: Der Weihnachtsmann überreicht Nikolai Ostrowskis Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde". Dann zieht sich die Politik zurück. Etwa zeitgleich zur Verwandlung der traditionellen Weihnachtsmärkte in Weihnachts-Jahrmärkte, die sich Ende der 1950er Jahre vollzieht. Durchweg eindrücklich, ja anrührend, wirken die Festfotos aus DDR-Wohnzimmern. Eine Nahvergangenheit wird hier gezeigt, die viel weniger öffentlich dokumentiert ist als die Weihnachtskultur der Kaiserzeit.

Und: War früher mehr Lametta, wie Loriots Opa Hoppenstedt behauptet? Ja, es war. Um 1930 hing so viel Stanniol am Baum, dass man zum Abschmücken den Klempner hätte rufen müssen. Der Krieg beendet die Glitzermode. Für Jahre sind nur Kerzen zu sehen, dann das Lametta-Comeback, das nicht mehr in Knäueln, sondern wie mit dem Herren-Kamm geglättet von den Zweigen hängt.

Weihnachtsbilder: Fotografien 1910-1980. Lehmstedt Verlag, 96 Seiten, 56 Duotone-Abbildungen, 14,90 Euro