Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Unzufriedene DDR-Bürger: Die Wut-Briefe, die nie ankamen

B_Wutbriefe DDR_170216

Ein Mann liest in Berlin das Buch «Volkes Stimmen».

Foto:

dpa

Berlin -

Der anonyme Brief an das Zentralkomitee der SED hat es in sich. „Schluß mit den scheinheiligen Lügen, die das Volk der DDR über sich ergehen lassen muss. Für wie dumm haltet Ihr uns eigentlich?“, schreibt das „gesamte Kollektiv in einem der größten Werke Mitteldeutschlands“ im Juni 1987 an die Parteiführung in Ost-Berlin. Unterzeichnet ist das Schreiben ohne Absender mit „Einige für fast Alle“.

Sorgen haben auch „Maxi, Fritzi und Trixi“ aus „Irgendwo“. In ihrem Schreiben vom Sommer 1983 an die DDR-Regierung heißt es: „Unsere Leute sollen nur immer mehr arbeiten, aber zu kaufen ist nichts mehr da. Ein Staat, der nichtmal ein Taschentuch im Handel anzubieten hat, ist kein Staat!“

Briefe kamen nie an

Doch bei den Funktionären der Staats- und Parteispitze kamen die privaten Briefe nie an. Sie seien schon vorher von der Stasi herausgefiltert worden, heißt es in dem Buch „Volkes Stimmen“, das am 19. Februar erscheint. Der Politikwissenschaftler Siegfried Suckut hat die Dokumentation zusammengestellt. Dafür hat er nach eigenen Angaben 45 000 Blätter aus Stasi-Akten gesichtet.

Von 500 gefundenen, relevanten Zuschriften wählte der Politologe knapp 250 Schreiben für das Buch aus. Auch Briefe an DDR-Oppositionelle, die nie zugestellt wurden, sowie Post an westliche Politiker und Medien wurden entdeckt. Suckut leitete bis 2005 die Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagen-Behörde und ist heute im Ruhestand.

Der Band mit den authentischen Schriftstücken biete eine teilweise absurd anmutende Lektüre und zugleich einen faszinierenden Einblick in den DDR-Alltag und die deutsch-deutsche Geschichte, lobt die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Fast alle Briefeschreiber seien unzufrieden mit der Lage in der DDR gewesen. Viele hätten gedacht, dass die Führung über die Missstände im Arbeiter-und-Bauern-Staat einfach nicht informiert war und wollten dies ändern, hat Suckut zusammengefasst. Vom Neonazi bis zum Altkommunisten habe die Palette der Schreiber gereicht.

Stasi kontrollierte täglich 100.000 Postsendungen

Doch eine Antwort bekamen sie alle nicht. Rund 100 000 Postsendungen kontrollierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) jeden Tag, heißt es im Buch. Umschläge ohne Absender oder ungewöhnliche Formate waren immer verdächtig. Was bei Postkontrollen in Verteilzentren oder Büros der Adressaten auffiel, ging an die Stasi-Hauptabteilung XX. Die dortige Abteilung 2 hatte den Auftrag: Verhinderung, Aufklärung und Bearbeitung staatsfeindlicher Erscheinungen.

Ein Großteil der kritischen Briefe sei von der Stasi in diese Kategorie eingestuft worden. Darunter sei auch die Post einer Dresdener Familie an Staats- und Parteichef Erich Honecker gewesen, die ihn einfach zu einem „netten Samstag-Nachmittag“ einlud. Und unter den Protestschreiben gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann war auch eines, in dem ein DDR-Bürger ironisch um die gleiche Behandlung bat. Im Gegensatz dazu stand die positive Lageeinschätzung der SED-Führung, die ihr Volk Seite an Seite wähnte. Die Stasi habe aber nichts dementiert, heißt es im Buch.

Die MfS-Mitarbeiter wollten herauszufinden, wer die aufmüpfigen, besorgten, deprimierten oder hasserfüllten Schreiber waren. Auch Schriftenfahnder machten sich auf die Suche. Sie hätten alle gängigen Schreibmaschinen-Typen gekannt. Manchmal seien Spezialisten des „Operativ-Technischen Sektors“ eingeschaltet worden. Sie konnten mit Speichelresten Geschlecht und Blutgruppe eines Menschen bestimmen, ist zu erfahren.

Die anonymen Briefe an die Führung wurden laut Suckut in die DDR-Bezirke verteilt, in der Stasi-Zentrale blieben nur Ablichtungen. Doch nur hin und wieder seien kritische Absender ermittelt worden. Sie mussten mit massiver Benachteiligung oder Haftstrafen rechnen.

Bei den Recherchen hat nach Angaben Suckuts auch ein Ex-Stasi-Mitarbeiter geholfen und die Arbeit der Schriftenfahndung erklärt. Er wollte aber lieber anonym bleiben und nicht mit seinem Namen erwähnt werden. (dpa)