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Unesco-Welterbe: «Das ist wie bei Olympia»

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 21:03 Uhr

Preußisch protestantisch: das Waisenhaus der Stiftungen in Halle (FOTO: DPA)

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In Sachen Welterbetitel-Bewerbung der Franckeschen Stiftungen in Halle übt sich Kultusminister Stephan Dorgerloh nicht in Optimismus - er strahlt ihn ganzkörperlich aus. Die hallesche Schulstadt der Aufklärungsepoche will 2016 den Welterbetitel erringen. Ein Nominations-Team hat sie schon.
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Halle (Saale)/MZ. 

Ein Scheitern? "Darüber denken wir nicht nach." Stephan Dorgerloh ist bester Dinge. In Sachen Welterbetitel-Bewerbung der Franckeschen Stiftungen in Halle übt sich der Kultusminister nicht in Optimismus - er strahlt ihn ganzkörperlich aus. Ein Optimismus, der nicht aufdringlich ist am gestrigen Mittag im Englischen Saal der Franckeschen Stiftungen, hoch oben über Halle - unter den Dachschrägen eines Seitenflügels des wie endlosen Fachwerkbaus, der um 1700 errichtet wurde.

Schon nach wenigen Minuten weiß es der Kultusminister genauer. "Diese Bewerbung wird erfolgreich sein!" Auch Detlef Gürth kennt sich aus. Der Landtagspräsident nimmt das alles sportlich. Selbstverständlich müsse so ein Unesco-Antrag inhaltlich gut begründet sein. Vor allem aber müssten die Einbringer diesen Antrag am Tag X überzeugend vortragen. "Das ist wie bei Olympia."

Wenn das so ist, dann hat gestern in Halle die Francke-Olympiade begonnen: Der Zeitraum zwischen dem Vorstellen der Welterbe-Mannschaft und dem Wettbewerb, der im Juni oder Juli 2016 in Paris ausgetragen wird. Dann wird die Unesco-Kommission darüber entscheiden, ob die Schulstadt des vor 350 Jahren geborenen Theologen August Hermann Francke in der Kategorie Kulturerbe (neben: Naturerbe und Kulturraum) den Titel erhält mit Waisenhaus und Lindenhof als Erbe-Kernzone. Ein Areal, das samt Bibliothek und Archiv einzigartig ist als Kulturdenkmal der Aufklärungsepoche. Von dem aus die Zöglinge nicht nur preußische Geschichte, sondern die Priester auch Weltgeschichte schrieben, in dem sie als Missionare ausströmten. Ein Umstand, mit dem man punkten will. Nicht nur ein Denkmal, sondern ein bis heute lebendiges Netzwerk steht zur Wahl. Das Land lässt sich die Bewerbung eine Viertelmillion Euro kosten.

Gestern wurde das Nominations-Team für die Bewerbung vorgestellt. So schreibt es das internationale Verfahren vor, weshalb Stephan Dorgerloh das Wort als "Nomination-Team" auch immer englisch ausspricht. Der hallesche Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Universitätsrektor Udo Sträter gehören dem Gremium an, auch wenn sie sofort nach dem Gruppenfoto entwischten: zur Grundsteinlegung für das Geisteswissenschaftliche Zentrum in Halle.

Zum Nominations-Team gehören neben den drei Genannten: Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Harald Meller, Chef des Landesdenkmalamtes, Helmut Obst, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftungen, Thomas Müller-Bahlke, Stiftungsdirektor und die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann. Aus den Stiftungen heraus koordiniert die Bewerbung der Historiker Holger Zaunstöck als Unesco-Beauftragter. Der hat bis April 2014 alle Hände voll zu tun.

Dann muss der Antrag beim Kultusministerium eingereicht werden, um zur Vorprüfung ins Welterbezentrum in Paris zu gelangen. Es waren in den vergangenen Jahren zwischen 24 und 30 Bewerber, die bis zur Endrunde durchgekommen sind, sagt Birgitta Ringbeck, Unesco-Beauftragte der Kultusministerkonferenz. Von diesen erhalte etwa die Hälfte den Titel. Die Stiftungen werden 2016 der einzige deutsche Vorschlag in der Kategorie Kulturerbe sein. Nicht zuletzt, um der Europa-Lastigkeit bei den Erbe-Entscheidungen zu begegnen, hat Deutschland 2012 dem Vertrag über immaterielles Kulturwelterbe (Sprachen, darstellende Kunst, Literatur) zugestimmt, unterzeichnet von Cornelia Pieper. Die darauf verweist, wie erfolgreich die Deutschen seien: Der Zahl der Erbestätten nach liegt es auf Platz zwei nach Frankreich.

Und Sachsen-Anhalt? Das würde dann von 2016 an mit den Stiftungen über die fünfte Welterbestätte verfügen: nach dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich, den Lutherstädten, dem Bauhaus und der Welterbe-Stadt Quedlinburg. "Wichtig ist, dass wir die Protestantismus-Karte spielen", sagt Stephan Dorgerloh. "Es gibt sehr wenig originäre Stätten des Protestantismus auf der Erbeliste. Da passt der steingewordene Pietismus gut hinein." Sollte der titelwürdig sein, erwartet Stiftungs-Chef Thomas Müller-Bahlke eine "zusätzliche Aufmerksamkeit" für das Gelände und seine Angebote. Sind tatsächlich Touristenströme zu erwarten? "Die zuvor eher unbekannten Stätten profitieren überproportional von dem Titel", sagt Birgitta Ringbeck.

Und die vor Ort heiß umstrittene Hochstraße, die seit 1971 hart am Nordflügel der Stiftungen entlang führt? Ist das die schon abonnierte Waldschlösschenbrücke für Halle - nämlich der Fehler im System, der den Erbetitel kosten kann? "Für uns ist erst einmal wichtig, dass diese Straße nicht von vornherein ein Ausschlusskriterium ist", sagt Thomas Müller-Bahlke. Über alles andere kann man verhandeln. Auch über eine Klausel, die bei der Verleihung des Welterbetitels der Lösung der Straßenfrage eine Frist setzt. Jedenfalls kann Stephan Dorgerloh mit Blick auf die Hochstraße schon herzhaft spotten: "Diese Brücke ist immerhin schon da und muss nicht erst gebaut werden wie die in Dresden."

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