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TV-Dokumentation: Ex-Stasi-Offizier Werner Stiller: Agent, Banker, Lebemann

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 11:53 Uhr
Werner Stiller alias Frank Fischer, übergelaufener MfS-Agend der HVA während der Diskussion nach der Vorführung des Filmes «Der rote Schakal» in der Aula der Nikolaischule in Leipzig. (ARCHIVFOTO: LUTZ WINKLER) 
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Geheimtinte, Schmuggel, tote Briefkästen, Spionage - in dem Metier kennt sich Stasi-Offizier Stiller aus. Als er 1979 mit unschätzbarem Wissen in den Westen flüchtet, ist das eine herbe Niederlage für die DDR-Staatssicherheit. Nun berichtet der frühere Agent.
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Berlin/dpa. 

Mit durchgeladener Pistole in der Tasche verlässt im Januar 1979 Stasi-Offizier Werner Stiller über den Grenzbahnhof Berlin-Friedrichstraße den Osten für immer. Den Passierschein hatte er sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Ministerium für Staatssicherheit selbst besorgt. Es seien heiße Minuten gewesen, sagt der heute 65-Jährige lässig in der Dokumentation „Der Verrat“, die am Dienstag (5. Februar) um 21.55 Uhr im Kulturkanal Arte zu sehen ist.

Stiller sei nach Jahren der erste wichtige Überläufer gewesen, schätzt Historiker Helmut Müller-Enbergs in dem Film ein. Zum ersten Mal bekamen demnach die Geheimdienste BND und CIA tiefen Einblick in die Hauptverwaltung A (Auslandsgeheimdienst) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). „Ein Triumph für den Westen“, sagt der Wissenschaftler.

Stillers Aufgabe, der schon als Student beim MfS anheuerte, war die Ausforschung westlicher Kernforschungsanlagen mit Hilfe westlicher Zuträger. Doch der ehrgeizige junge Mann spielte ein gefährliches Doppelspiel: er wurde Informant des Bundesnachrichtendienstes.

Für die Stasi war der Fall Stiller ein Desaster: Mit seinen massenhaft geschmuggelten, verfilmten Unterlagen aus der Stasi-Zentrale flogen West-Spione auf. Der einstige Doppelagent wurde von der DDR in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Heute lebt der Pensionär in Budapest.

Im 52-Minuten-Streifen von Rudolph Herzog werden etliche Originalschauplätze gezeigt, Zeitzeugen kommen zu Wort. Was Stiller, der später in den USA eine neue Identität bekam und Peter Fischer wurde, antrieb? Er nuschelt: „Es ging nicht um das bessere Leben... um Freiheit ja ... Ich kann es nicht akzeptieren, wenn mir jemand vorschreibt, was ich zu tun und zu denken haben - geht einfach nicht.“

Es präsentiert sich ein Mann mit bewegter Geschichte, der auch das Abenteuer und immer neue Frauen suchte, der seine Familie samt Kindern in der DDR zurückließ und als Banker in London Karriere machte. Doch es ist mehr Beschreibung als Reflexion deutsch-deutscher Geschichte.

Tiefgründiger und ehrlich äußert sich Helga, damalige Geliebte, Kellnerin aus Thüringen und Helferin von Stiller. Nach der geglückten Flucht in den Westen verließ er die junge Frau bald. Sie habe ihr Leben riskiert und dann mit niemandem mehr reden können, sagt sie rückblickend. Später glückte ihr neues Leben.

Eine Ungenauigkeit gibt es in der Dokumentation. Es ist von einem Treff in Ost-Berlin im Sommer 1979 die Rede. Zu dem Zeitpunkt war Stasi-Offizier Stiller aber längst weg.

Eine andere Folge von Stillers Flucht verdeutlicht Thomas Raufeisen. Sein Vater gehörte zu jenen DDR-Spionen im Westen, die nach Stillers Überlaufen noch von der Stasi gewarnt wurden. Der Ingenieur aus Hannover siedelte mit seiner Familie und dem 16-jährigen Thomas in die DDR über. „Alle waren unglücklich - Vater merkte, dass sein neues Leben nichts mit seinen Idealen zu tun hatte.“ Mehrere Fluchten der Familie zurück in den Westen missglückten. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Vater stirbt im Gefängnis. Thomas sitzt drei Jahre, seine Mutter sieben Jahre Haft ab. Für ihn sei alles weggebrochen, sagt Raufeisen heute. Rund zwei Jahre nach Stillers Flucht vollstreckt die DDR das letzte Todesurteil. Dem Stasi-Hauptmann wurde Spionage und vorbereitete Fahnenflucht vorgeworfen. Tatsächlich wollte das SED-Regime laut Stasi-Unterlagen-Behörde nun ein Exempel statuieren.

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