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Tuvia Tenenbom: Finger immer am Abzug

Uhr | Aktualisiert 17.12.2012 11:30 Uhr

Der Schriftsteller Tuvia Tenenbom. (FOTO: DPA)

Tuvia Tenenbom hat die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen. Man sieht gerade noch Augen, Brille, Nase und Zigarette, und man sieht, dass er lächelt. Es ist eisig kalt, es schneit, aber er ist in Berlin, weil gerade sein Buch "Allein unter Deutschen" auf Deutsch erschienen ist. Endlich.
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Halle (Saale)/MZ. 

Es war ein langer Weg bis hierher, eine Weile sah es so aus, als würde seine amüsante und bitterböse Deutschland-Reportage nur auf Englisch zu lesen sein.

Mehrere Monate lang war Tenenbom, Sohn von jüdischen Holocaustüberlebenden, im Jahr 2010 durch Deutschland gereist, traf Helmut Schmidt und Helge Schneider, Neonazis und linke Anarchisten, einen Imam und einen Oberrabiner, Frankfurter Börsianer und Kölner Friedensaktivisten, Christen in Oberammergau und Arbeitslose in Leipzig.

Scheinbar naiv und ahnungslos plauderte er mit ihnen, erkundigte sich, was es heißt, deutsch zu sein, wunderte sich, dass immer wieder das Thema auf Israel und Palästina kam und am Ende stellte er fest: "Deutschland, immer noch antisemitisch."

Der Rowohlt-Verlag, der das Buch in Auftrag gegeben hatte, druckte es nicht. Tenenbom veröffentlichte es dennoch, zunächst in den USA, und nun auf deutsch bei Suhrkamp.

Mit Tuvia Tenenbom

sprach Anja Reich.

Ich muss zugeben, ich hatte ein bisschen Angst vor dem Interview. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Juden jede Frage mit einer Gegenfrage beantworten.

Tenenbom: Stimmt, das mit den Fragen liegt in der jüdischen Kultur. Wenn Sie fragen: Warum?, ist die Antwort: Warum nicht? Aber keine Angst. Das tun nicht alle.

Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, eine Witzfigur in Ihrem nächsten Buch oder Theaterstück zu werden?

Tenenbom: Da müssen Sie mich schon sehr zum Lachen bringen.

Wird der Rowohlt-Verleger Alexander Fest, der Ihr Buch nicht gedruckt hat, so eine Figur werden?

Tenenbom: Warum nicht? Er ist eine gute Figur.

Was ist gut an ihm?

Tenenbom: Er ist ein Beispiel für das, was man den Gralshüter der Kultur nennt. Fest wollte, dass bestimmte Dinge nicht in dem Buch stehen. Er wollte es zensieren.

Sie hatte Alexander Fest vorgeschlagen, sich zu treffen. Er geht darauf gar nicht ein, sondern argumentiert sehr rational, sagt, Sie würden ihre Aussage besser auf den Punkt bringen, wenn Sie hier und da streichen.

Tenenbom: Ich habe diesen Mailaustausch öffentlich gemacht, weil ich an die Freiheit von Informationen glaube. Aber das ist eben nur der Mailaustausch. Das sind nicht die Telefonate, die wir geführt haben. Sie haben mich angeschrien.

Wer hat Sie angeschrien, Alexander Fest?

Tenenbom: Nein, die Leute von Rowohlt. Ich meine, ich liefere mein Buch, das ich im Auftrag des Rowohlt-Verlages geschrieben habe, und sage, ich bin bereit, zu kürzen, Dinge zu ändern. Sagt mir, was ich machen soll! Meine Lektorin liest das Buch und sagt: "Tuvia, flieg nach Hause. Du musst überhaupt nichts ändern. Das Buch ist viel besser, als ich dachte." Aber dann, aus heiterem Himmel, heißt es, sie wollen nur noch 256 Seiten. Ich hatte aber fast doppelt so viel. Ich habe also gestrichen. Und sie haben es immer noch abgelehnt. Der ganze Ärger ging erst los, nachdem Alexander Fest das Buch gelesen hat.

Wie sind Sie dann bei Suhrkamp gelandet?

Tenenbom: Nachdem ich bei Rowohlt raus war, ist das Buch in den USA erschienen. Aber eigentlich hatte ich es ja für die deutschen Leser geschrieben. Also gab ich es einem Buchagenten. Der sagte: "Sie müssen den scharfen Ton rausnehmen." Ich antwortete: "Nein, danke, dann hätte ich es auch bei Rowohlt lassen können."

Das war es erst mal, bis jemand, der von dem ganzen Streit wusste, es im letzten Jahr auf einer Party an einen Suhrkamp-Lektor gab. Dann haben insgesamt sieben Lektoren das Buch gelesen. Einer war nicht sicher, ob Suhrkamp es drucken sollte. Aber die anderen sechs sagten, das ist ein großartiges Buch, das sollten wir machen.

Sind in der Fassung, die nun diese Woche erschienen ist, alle Stellen, die Ihnen wichtig sind, enthalten?

Tenenbom: Etwa 95 Prozent. Das Problem war, dass manche meiner Interviewpartner ihre Aussagen nicht autorisieren wollten. Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen, erzählte mir von seinen Theorien über Israel und sagte dann, das alles habe er nie gesagt. Ich hatte das Gespräch aber mitgeschnitten. Nun wiederum hieß es, wenn er gewusst hätte, dass ich meine Gedanken dazustelle, hätte er nicht mit mir geredet. Er drohte, vor Gericht zu ziehen, und wenn er das wirklich gemacht hätte, wäre das Buch noch später erschienen, deshalb haben wir die Zitate letztlich rausgenommen, und ich habe nur eine kurze Passage über ihn geschrieben. Das war alles sehr seltsam. Noch schlimmer aber war Buchenwald.

Buchenwald?

Tenenbom: Der Leiter der Gedenkstätte hat mir im Interview den Eindruck vermittelt, er finde den Club Uganda gut, und als ich das schreiben wollte, weigerte er sich, es zu autorisieren.

Club Uganda? Was ist das?

Tenenbom: Das ist eine extrem linke Gruppe mit Sitz in Jerusalem. Ihr Standpunkt ist, dass die Juden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht im Mittleren Osten, sondern stattdessen in Uganda hätten ansiedeln sollen. Sie sind gegen den Staat Israel. Und ich habe dem Gedenkstättenleiter zu verstehen gegeben, dass ich damit kein Problem habe, allerdings nicht verstehe, warum einer wie er die Gedenkstätte Buchenwald leitet.

Wer ist eigentlich auf die Idee für Ihr Buch gekommen?

Und was war Ihr Auftrag?

Tenenbom: Eine Lektorin von Rowohlt. Es sollte ein unterhaltsames Buch über Deutschland werden.Sie wollten, dass ich das mache, was ich für "Die Zeit" mache. Durch Deutschland fahren und darüber im selben Stil schreiben. Und das habe ich gemacht, mit meiner Frau zusammen.

Sie waren hier, als gerade Fußball-WM war, war das auch Zufall?

Wie war das, als überall deutsche Fahnen hingen ?

Tenenbom: Es ist ganz normal, auf die eigene Kultur stolz zu sein. Überall ist das so, in Frankreich, in Belgien, in Israel, in Ägypten. Auch Deutschland sollte nicht solche Angst davor haben, Fahnen zu hissen. Die Leute hier haben allen Grund, stolz auf ihr Land zu sein. Auch ich bewundere hier viele Dinge.

Was denn zum Beispiel?

Tenenbom: Deutschland ist ein Land, das vor 60 Jahren noch in Trümmern lag, alles wieder aufgebaut hat und heute Weltspitze ist. Wie macht ihr das? Ich denke immer, ich traue meinen Ohren nicht, wenn ich wieder jemanden darüber klagen höre, dass die Deutsche Bahn nicht pünktlich ist. Das ist absurd.

Und was mögen Sie nicht?

Tenenbom: Die Deutschen sind vom Judenthema geradezu besessen. Es war ja nicht mein Plan, über Juden zu schreiben. Die ersten antisemitischen Bemerkungen habe ich nicht einmal notiert, sondern ignoriert. Aber es hörte nicht auf.

Und was sagen die Deutschen?

Tenenbom: Sie sagen, die Juden kontrollieren Obama, die Juden sind die Reichsten auf dieser Erde, die Juden besitzen 70 Prozent des Geldes, all dieses dumme Zeug. Als es um die Finanzkrise ging, fragte ich einen, wie es weitergeht. Die Antwort war: "Wissen wir nicht, es hängt von denen ab." Denen? Wen meinen Sie? "Die Juden! Sie sind überall. Sie kennen sich alle."

Sie schreiben in Ihrem Buch, fast jeder, den Sie auf Ihrer Reise getroffen haben, war antisemitisch.

Tenenbom: Vor zwei Monaten war ich mit einem Zeit-Redakteur hier in Berlin essen. Auch er sagte, er glaube das nicht. Als die Rechnung kam, habe ich zu dem Besitzer gesagt: Ihr Tee war so gut, könnte ich noch einen für den Nachhauseweg bekommen? Er bringt mir den Tee und sagt: Den Tee müssen Sie nicht bezahlen, aber die Tasse. Kostet drei Euro. Und ich erwidere, wir haben so viel Geld hier gelassen, und jetzt wollen Sie sich diese Tasse bezahlen lassen. Und wissen Sie, was er mich fragt: Sind Sie ein Jude? Der Redakteur war baff.

Es scheint Sie auch nicht zu beruhigen, dass es in Deutschland so viele Mahnmale für die Opfer des Holocaust gibt.

Tenenbom: Ich habe nichts gegen Gedenkstätten. Ich finde das sehr gut. Aber ich denke: Das reicht nicht. Ihr müsst Fragen stellen. Warum hat Oma oder Uroma im Nationalsozialismus keinen Lippenstift und kein Deo benutzt? Weil sie damals gelernt haben, dass deutsche Frauen von Natur aus schön sind und nicht stinken, im Gegensatz zu den Juden. Das ist es, was die Kinder wissen wollen. Was Antisemitismus ist und wie er entsteht. An tote Juden zu erinnern, ist das eine. Aber ganz normales jüdisches Leben wäre viel besser.

Ist es kein Zeichen von normalem jüdischen Leben, dass sich viele junge Israelis in Berlin niederlassen?

Tenenbom: Israelis wollen weg aus ihrem Land, das immer wieder von neuen Konflikten geschüttelt wird, und Deutschland ist ein sehr soziales Land, großzügig ihnen gegenüber. Jüdisches Leben sehe ich hier aber deshalb noch lange nicht. Insgesamt gibt es 160 000 Juden, in einem Land von 80 Millionen. Das ist wie ein einziger Wassertropfen in einem riesigen Ozean. Ich habe auf meiner Reise einen deutschen Juden getroffen, er hatte Angst, offen mit mir zu reden, er wollte nicht, dass Leute wissen, dass er jüdisch ist.

Diese Angst haben Sie offenbar nicht.

Tenenbom: Nein. Und ich verstehe diese Angst nicht. Sehen Sie, meine Großeltern sind so nach Auschwitz gegangen (er hebt beide Arme in die Luft, als würde er sich ergeben). Ich habe mir geschworen, nie so zu werden, sondern immer den Finger am Abzug zu haben. Und dieser Finger ist meine Zunge.

Ich respektiere Deutsche. Und ich sage ihnen, was ich sehe und was ich denke. Ich habe keine Angst vor ihnen, ich denke nicht, dass sie mich deswegen umbringen. Dieses Buch ist kein Buch voller Hass. Ich sage nur, was ich denke. Und ich denke, dass diese Besessenheit der Deutschen mit den Juden etwas zu viel des Guten ist.

Woher kommt diese Besessenheit?

Tenenbom: Antisemitismus gibt es seit rund 2 000 Jahren und auf der ganzen Welt. In Deutschland aber handelt es sich um eine besondere Form von Antisemitismus, denn die Deutschen waren diejenigen, die damit begonnen haben, Juden zu töten, vor 70 Jahren, unter Adolf Hitler. Und das spürt man immer noch.

Es gibt eine Wunde in der deutschen Seele. Und diese Wunde lässt sich nicht so leicht heilen. In der Psychologie redet man von dem Begriff der Übertragung. Man sucht das Böse woanders. Man will nicht immer nur alleine der Täter sein. Daher kommt diese Besessenheit mit Israel und Palästina. Die Deutschen sind froh, wenn auch mal die Juden die Bösen sind.

Könnte das nicht damit zu tun haben, dass Deutsche sich gern für schwache Völker einsetzen, und Palästina im Gegenteil zu Israel eher schwach zu sein scheint?

Tenenbom: Sie haben recht. Aber die Frage ist, bis zu welchem Punkt das geht. Wie viel hat der Israel-Palästina-Konflikt mit den Menschen hier in Deutschland zu tun? Wenn der Dalai Lama kommt, gibt es Pro-Tibet-Demos. Aber was erregt mehr Aufmerksamkeit? Über was regen sich alle am meisten auf? Israel! Wieder und Wieder. Israel steht immer ganz oben auf der Liste.

Sehen Sie sich die Kommentare unter den Artikeln im Internet zu dem Thema an. Es sind immer die meisten, und oft müssen Redakteure sie aus dem Netz nehmen, so bösartig sind sie.

Das sind Fakten. Und das ist mein Problem. Ich verteidige nicht Netanjahu oder die israelische Regierung. Es ist eine schreckliche Regierung, eine Schande. Mir sind auch die Leute suspekt, die sich völlig unkritisch immer nur für die Israelis und alle Juden einsetzen. Das ist genau so rassistisch.

Da haben Sie bestimmt auch mit Interesse die Beschneidungsdebatte in Deutschland verfolgt?

Tenenbom: Natürlich. Das war ein Witz. Rechthaberei. Und rechthaberische Menschen machen mir Angst. Menschen, mit denen man nicht diskutieren kann, die alles schon von vornherein besser wissen.

Sie haben auf Ihrer Reise hier die Menschen gefragt, was es heißt, deutsch zu sein. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Tenenbom: Schuld. So ein diffuses Schuldgefühl, von dem man oft gar nicht richtig weiß, woher es eigentlich kommt.

Wo haben Sie sich auf dieser Reise am wohlsten gefühlt?

Tenenbiom: Sie werden es nicht glauben, aber das war in Marxloh, einem Stadtteil von Duisburg, bei den Türken, wo ich die größten Antisemiten getroffen habe. Aber sie haben wenigstens gesagt, was sie denken.

Das war wie eine frische Brise nach all diesen Leuten hinter ihren psychologischen Masken. Ihr Juden, ihr Juden, ihr Juden! Damit kann ich leben. Du nennst mich einen Scheißjuden, ich nenne dich einen Scheißmoslem. Aber wir streiten.

Zur MZ-Gesprächsreihe: wew.mz-web.de / gespraech

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