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Toni Krahl: City-Frontmann Toni Krahl über 40 Jahre Bandgeschichte

Uhr | Aktualisiert 22.12.2012 09:36 Uhr

Frontmann Toni Krahl (zweiter von rechts) mit seinen Bandkollegen von City: Manfred Henning (Keyboards, links), Georgi Gogow (Geige, Bass. zweiter von links), Klaus Selmke (Drums, Mitte) und Fritz Puppel (Gitarre) (FOTO: SANNY WILDEMANN)

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So unkompliziert kann ein Rockstar sein: Toni Krahl, die Stimme von City, bittet zum Gespräch an den Küchentisch, einen guten Kaffee zaubert er aus dem Automaten und los geht es.
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glienicke/MZ. 

Im Garten des kleinen Hauses liegen noch Schneereste, verwunschen und still ist es in Glienicke, nördlich von Berlin. Toni Krahl aber, ohne die martialische Sonnenbrille, mit der er sich gern zeigt, strahlt Ruhe wie Energie aus, der drahtige Mann ist 63 Jahre alt auf dem Papier, was er nicht leugnet - warum auch, es ficht ihn nicht an.

"Es gibt Menschen, die haben mit 30 schon ein Alter von 55 Jahren erreicht, so bleiben die dann ihr Leben lang", sagt er. Bei Krahl ist es eher umgekehrt, er denkt und spricht wie ein Junger, ohne dass er seine Lebenserfahrung dabei außen vor ließe, sie ist ja ein Schatz. Und hilft nicht nur dabei, seiner jüngsten, gerade elfjährigen Tochter ein liebevoller, freundlicher Vater zu sein, sondern auch, wenn es in der Band mal knirscht. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man 40 Jahre zusammen ist. Getrennt haben die City-Helden sich nie, gestritten schon.

Heute gehen sie gelassener mit Differenzen um, Krahl findet es normal, wenn einer mal etwas Abstand braucht, mal nicht den Wagen zieht. Und dann, sagt er, komme irgendwann der Punkt, "an dem der merkt, auf dem Hänger liegt ein Sack voll Kohlen, die werden gebraucht. Du musst sie bloß nach vorne schaufeln". Auf diese Weise dampft die City-Lok noch immer putzmunter durch die Lande, Anfang des Jahres ist das programmatisch betitelte Album "Für immer jung" erschienen, was natürlich auch eine unmissverständliche Verbeugung vor Bob Dylan ist, einem der Helden der Band.

"Forever Young" gilt im Übrigen auch für Dylan selber, der immerhin schon 71 Jahre zählt und noch gut unterwegs ist in Sachen Rock'n'Roll. City steht dem Dichtersänger darin nicht nach, am 27. Dezember startet die Band in Magdeburg eine Unplugged-Tour, die über Schwedt und Berlin quer durchs Land führen wird. 28 Shows sind insgesamt geplant. Es werden andere Konzerte, aber keine "Schlafwagenauftritte" sein, sagt der Sänger und Gitarrist. Aber es wird ein anderes Publikum geben: Menschen, die schon ein bisschen reifer sind, die lieber sitzen und zuhören wollen, als stundenlang in einer zugigen Halle zu stehen. Und trotzdem noch Spaß an handgemachter Musik haben, wie City sie ihnen verspricht. City hat das Modell in vergangenen Jahren schon bei einzelnen weihnachtlichen Konzerten getestet, nun wird eine richtige Tournee daraus.

Dass City der eingeschlagenen Richtung treu gefolgt ist, egal, welche Mode gerade angesagt war, hat sich am Ende ausgezahlt. "Message-Musik" nennt Toni Krahl das, wofür die Fans City lieben. Klare Botschaften also, gern auch politisch, wenn nötig.

So, wie es Mitte der 80er Jahre gewesen ist, als die Band begann, an dem Album "Casablanca" zu arbeiten, das neben dem Dauerheuler "Am Fenster" zu ihrem größten Erfolg werden sollte. Und ein Song wie "Berlin" beschert einem heute noch Gänsehaut. Damals durfte das Lied, eine Hymne auf die geteilte, unteilbare Stadt, mit Rücksicht auf Erich Honecker, für den alles zum Thema Berlin Chefsache war um das 1987 anstehende 750. Stadtjubiläum, nicht so heißen und erhielt den unverfänglichen Titel "z.B. Susann".

Dass die Platte, mit deutlichen Bezügen zum Mauerbau, zum Prager Frühling und zur schlechten Stimmung im Lande DDR, überhaupt erscheinen konnte, grenzt an ein Wunder. Toni Krahl bleibt trotzdem auf dem Teppich: "Wir heften uns nicht an die Backe, dass unseretwegen die Mauer gefallen ist", sagt er, "aber wir haben den Soundtrack zur Zeit geliefert".

Und dann zitiert er seinen Bandkollegen Fritz Puppel: "Damals tröpfelte die Politik förmlich durch die Tapeten." Was bedeutet, dass die Unzufriedenheit angesichts der Erstarrung in der DDR, zumal in ihrer politischen Führung, die breite Masse erreicht hatte. Diese Stimmung zwischen Resignation und Wut hat City mit "Casablanca" dauerhaft festgehalten.

Die ersten Texte landeten 1985 bei City, allmählich wuchs ein Album daraus. Das wurde bei Amiga, der staatlichen Plattenfirma, wie ein Staatsgeheimnis behandelt, nichts von der Produktion durfte nach außen dringen. Die Musiker hielten sich daran. "Es war klar: Wenn das durchsickert, bedeutet das das Ende der Platte vor ihrem Erscheinen", erinnert sich Krahl.

Und dann, kaum dass "Casablanca" 1987 herausgekommen war, fing der Ärger auch schon an. Nach einer ersten, positiven Besprechung in der FDJ-Zeitung "Junge Welt" entschloss sich die Chefredaktion, "Linie" in die Angelegenheit zu bringen, es folgte ein Verriss im gleichen Blatt: City habe den Boden des Sozialismus verlassen. Margot Honecker, die First Lady der DDR und Bildungsministerin, legte 1988 bei einer Konferenz in Dresden nach und hieb in die gleiche Kerbe: "Das war der Ritterschlag für uns", sagt Toni Krahl.

Allerdings wurde die Platte nach der Honecker-Kritik erst einmal stillschweigend aus den Läden genommen, war also faktisch verboten. City gastierte zu dieser Zeit gerade im Westen, Toni Krahl rief von dort aus im Ostberliner Kulturministerium an und sagte, angesichts der Lage könnte sich die Tournee der Band auf unbestimmte Zeit ausdehnen, was gewiss auch die "Tagesschau"-Verantwortlichen interessieren würde.

Das war ziemlich keck, aber es hat funktioniert: Einen solchen Eklat um eine der profiliertesten Rockbands des Landes wollten die Kulturnatschalniks denn doch nicht riskieren. Toni Krahl ist schon als junger Mann furchtlos gewesen, wenn es um Gerechtigkeit ging. Als die Truppen des Warschauer Pakts 1968 den Prager Frühling mit Panzergewalt beendeten, protestierte der 19-Jährige in Ostberlin, zu drei Jahren Gefängnis ist er dafür verurteilt worden, drei Monate hat er absitzen müssen.

Mit einer seiner damaligen Protest-Genossinnen, der Liedermacherin Bettina Wegner, steht Krahl heute noch in freundschaftlichem Kontakt. Sie wurden damals von der gleichen Richterin verurteilt, die sich nach der Wende ihrerseits wegen Rechtsbeugung verantworten musste. Krahl und Wegner sind beim Prozess gewesen, es war aber schwer erträglich. "Die Dame hatte keinerlei Unrechtsbewusstsein", erinnert sich der Musiker. Und sie hat eine geringere Strafe bekommen, als er seinerzeit. Doch sie ist verurteilt worden, auf Bewährung zwar, aber immerhin.

Von der Freundschaft zu Bettina Wegner zeugt das jüngste Album von City. Hier findet sich auch das Wegner-Lied "Sind so kleine Hände", das sich, gesungen von Krahl und rockig arrangiert, plötzlich ganz neu anhört. Und wie die meisten Stücke sehr persönlich, was einer der Vorzüge von City ist.

Die Band hat das "Loch" nach der Wende gut überbrückt, sie hätten ein, zwei Jahre lang eben kleinere Brötchen backen müssen, einen Musikverlag gegründet und andere Musiker produziert, dann ging es aus den kleinen Klubs allmählich wieder in größere, schließlich in die ganz großen Hallen. Fritz Puppel hat also Recht behalten, der damals zur Ruhe gemahnt hatte. "Das dauert nicht lange, dann benehmen sich die Leute wie der Rest der Menschheit. Sie gehen zu ihrem Plattenschrank, holen die alten Scheiben raus und erinnern sich: Das war doch unser Lied...".

Schlimmer als der Nachwende-Knick sei Mitte der 80er die plötzliche, massenhafte Begeisterung für die Neue Deutsche Welle gewesen, sagt Krahl. Darauf mitzuschwimmen war nicht nach Citys Geschmack, also mussten sie durchhalten. Dann kam "Casablanca" und über Nacht war die Band wieder im Geschäft.

Politisch ist Krahl heute wie früher, er hat ein Auge auf das Zeitgeschehen, das komplizierter geworden ist, als es in der DDR war. "Da gab es eine Einheitsmeinung, du konntest dafür oder dagegen sein." Nun zeigt sich angesichts krachender Volkswirtschaften in Europa: "Der Kapitalismus hat offenbar die Klugheit auch nicht gepachtet", sagt Krahl und lacht. "Alles, was sie uns damals über den Kapitalismus erzählt haben, hat gestimmt. Nur über den Sozialismus haben sie geschwindelt."

Toni Krahl sagt, was er meint. Das macht ihn unabhängig. Und setzt Energie frei für seine Arbeit, ohne die er sich sein Leben nicht vorstellen kann. Die Musik gehört dazu wie das Weihnachtsessen mit der Familie und Freunden am ersten Feiertag. Musik wird dann allerdings nicht gehört, überhaupt hört Krahl zu Hause kaum Musik, jedenfalls nicht nebenbei, "Musik ist für mich keine Tapete", sagt er.

Kochen gehört übrigens nicht zu seinen Leidenschaften, "aber ich bin ein guter Handlanger in der Küche". Für einen ordentlichen Kaffee sorgt er freilich schon. Nach dem Essen werden sie am Kamin sitzen und miteinander reden, wie viele andere auch. Und am Donnerstag, dem "dritten Feiertag", startet die Unplugged-Tour in Magdeburg. Die Show muss weitergehen, Toni Krahl freut sich darauf.

27. Dez. Magdeburg, Johanniskirche, 20 Uhr (ausverk.); 28. Dez. Berlin, Konzertsaal UdK - jeweils 20 Uhr, 6. Januar Staßfurt, Salzlandtheater, 18 Uhr; 16. Febr. Leipzig, Theaterfabrik, 20 Uhr

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