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Thriller: Reise in den Untergang

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 23:30 Uhr

Nach dem Ende der Welt geht das Leben weiter - nur wie, ist die Frage. (FOTO: VLADIMIR MANYUHIN)

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Mit dem zweiten Teil seiner "Übergang"-Trilogie bedient Justin Cronin die Sehnsuchtnach einem hollywoodreifen Ende der Welt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Zu einer guten Geschichte gehört immer auch eine gute Geschichte. Bei Joanne K. Rowling waren es Armut und Zukunftsangst, aus denen "Harry Potter" entstand, bei Stephenie Meyer, der Mutter der "Twilight"-Saga, stand ein Traum am Anfang eines Welterfolges. Und Justin Cronin dagegen war mit seiner damals achtjährigen Tochter Iris joggen, als die ihn bat, doch mal eine Geschichte zu schreiben, in der ein kleines Mädchen die Welt rettet.

Nicht gerade der Stoff, mit dem sich der als Literaturprofessor an der Rice University in Houston, Texas, dienende Teilzeitschriftsteller normalerweise abgab. Cronin hatte bis dahin eher hochempfindsame Kunststücke geschrieben: Alte Männer sinnieren über das Leben, junge Männer rivalisieren, Drogen spielen eine Rolle, Erfüllung und der Sinn des Lebens.

Mit "Der Übergang" aber, dem ersten Band der "Passage"-Trilogie um das Mädchen Amy, das wunschgemäß die Welt retten muss, legte der 48-Jährige vor zwei Jahren den Schalter um. Statt behäbiger Denkstücke entwarf Cronin in einem brikettdicken Band eine opulente Welt im Moment ihres Untergangs. Es geht um geheime Versuche von hohen Regierungsstellen, die außer Kontrolle geraten, um eine verheerende Epidemie, die sich rasend schnell ausbreitet, und letztlich um das abrupt hereinbrechende Ende des Lebens, wie wir es kennen.

Stephen King hat mit "Das letzte Gefecht" bereits 1978 ein solches Buch geschrieben, David Brin schickte den "Postman" aus, den Kevin Costner zum Kinoknüller machte, und Cormac McCarthy erhielt 2007 den Pulitzer-Preis für seine Apokalypse "Die Straße". Justin Cronin belieh im Serienauftakt "Der Übergang" alle drei. Im zweiten Teil "Die Zwölf" verfeinert er nun die Personenzeichnung, er verschränkt die Beziehungen der Handelnden untereinander und zeigt in Vor- und Rückblenden, wo bestimmte Ereignisse ihren Ursprung haben und welche Konsequenzen aus ihnen erwachsen.

Ein Buch, das mit seinen wandelnden Toten, hier "Virals" genannt, seinen übersinnlichen Zutaten, mit Actionelementen und Verschwörungstheorien, aber auch mit seinen subkutanen Fragen nach Moral und bleibenden Werten unübersehbar nach dem Zeitgeist hascht. Während im richtigen Leben alle Gewissheiten in einer Finanzkrise zusammenbrechen, die nicht einmal Experten so recht erklären können, führt Cronin seine Leser in eine Parallelwelt, in der Bedrohungen leicht zu erkennen sind. Die meisten Menschen sind infiziert und eigentlich gar keine Menschen mehr. Und sie trachten den wenigen, die noch Menschen sind, nach dem bisschen Leben, das denen geblieben ist.

Das sind klare Frontlinien, das ist überschaubar. Und weil Justin Cronin sich hervorragend darauf versteht, nicht nur eine Handlung energisch voranzutreiben, sondern auch alle Hauptfiguren mit schönem Strich zu malen, fällt das Mitfiebern leicht, obwohl die verschiedenen Zeitebenen nicht immer einfach zu identifizieren sind. Schöner Grusel macht sich breit, ein Gefühl der Verlorenheit beim Besuch in einer Welt aus kalter Asche, in der das Glück für die Mehrzahl der Menschen darin liegt, einfach nur weiter zu überleben.

Hier liegt vielleicht das Erfolgsgeheimnis der bislang fast 2 000 Seiten dicken Dystopie in Zeiten, in denen Gewissheiten im Tagesrhythmus untergehen. Wenigstens ist das Ende hier bedeutsam, kein tristes Wegdämmern, sondern ein spannendes Ringen zwischen Gut und Böse und allerlei Mächten irgendwo dazwischen.

Die Buchidee zum Augenblick, denn ähnliche Bücher haben derzeit eine erstaunliche Konjunktur. Wie Cronins "Übergang" beschwören auch "Tagebuch der Apokalypse" von J.L. Bourne, "Silo" von Hugh Howey und Will McIntoshs "Wie die Welt endet" den Zivilisationszusammenbruch. Um von dort aus zu sehen, was übrig bleibt.

Gedankenspiele, die förmlich um Verfilmung betteln. Schon nach dem Erscheinen des ersten Teils hat 20th Century Fox die Filmrechte am "Übergang" für 1,75 Millionen US-Dollar erworben. Regie führen soll Ridley Scott ("Gladiator", "Hannibal"). Eine Apocalypse mit Happy End: Justin Cronin macht im Augenblick Uni-Pause. Dank der Idee von Tochter Iris kann er sich in Vollzeit darauf konzentrieren, Teil 3 zu schreiben.

Mehr zum Buch: www.enterthepassage.com

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