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Stiftung Moritzburg: Ausstellung feiert 25. Geburtstag der «Sammlung Photografie»

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 20:13 Uhr

Helmut Newton: Nastassja Kinski mit Marlene-Dietrich-Puppe, 1983 (FOTO: BAUER)

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Über die hallesche Moritzburg ist zuletzt viel gesprochen worden. Unter den vielen Ärgernissen mag der Umstand, dass die "Sammlung Photografie" des Hauses seltener zum Zuge kam, als sie es verdiente, vergleichsweise gering erscheinen.
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Halle (Saale)/MZ. 

Über die hallesche Moritzburg ist zuletzt viel gesprochen worden: Bau- und Leitungsmängel, Pfusch, fehlende Verantwortlichkeit. Unter den vielen Ärgernissen mag der Umstand, dass die "Sammlung Photografie" des Hauses seltener zum Zuge kam, als sie es verdiente, vergleichsweise gering erscheinen. Umso schöner ist es aber, dass nun der 25. Geburtstag der von T.O. Immisch betreuten Schatzkammer zum Anlass dient, eine Schau aus den Beständen herzuzeigen. Heute um 15 Uhr wird sie eröffnet. Die Bilder dürfen leuchten.

Ganz dem feierlichen Anlass verpflichtet, bietet die Ausstellung "Begegnung der Bilder" einen übergreifenden Blick in alle Bereiche der Sammlung: Seht, was wir zu bieten haben, heißt die Botschaft, und dieses Selbstbewusstsein ist mehr als gerechtfertigt.

Am Anfang stand ein Nachlass

Begonnen mit der Übernahme des Nachlasses des Schweizer Fotografen Hans Finsler (1891-1972) im Jahr 1987, bewahrt die Moritzburg Fotografien der Avantgarde aus der ersten Jahrhunderthälfte, ostdeutsche und osteuropäische Fotografien, die nach 1945 entstanden sowie Zeugnisse der internationalen zeitgenössischen Fotokunst.

Zur letztgenannten Kategorie zählt ein Bild des Weltstars Helmut Newton, der 1920 als Helmut Neustädter in einer deutsch-jüdischen Familie in Berlin geboren wurde und 2004 in Los Angeles starb. In Halle wird seine Inszenierung von Nastassja Kinsi gezeigt, zweifellos der Blickfang dieser Schau.

Die Kinski hält eine Marlene-Dietrich-Puppe in den Armen, nahe ihrer entblößten rechten Brust. Wie ein Baby wirkt die Dietrich in diesem Spiel, das scheinbar leichthändig-erotisch ist. Wenn da nicht die Zigarette zwischen Marlenes Fingern wäre. Und die Nägel der Puppenfinger sind lackiert.

Das irritiert und soll auch irritieren. Damit man noch einmal hinschaut. Denn es ist auch ein politisches Bild, wenn man weiß, wie schutzbedürftig die unvergleichliche Dietrich tatsächlich war. Die Deutschen wollten ihr lange über den Krieg hinaus nicht verzeihen, dass die Schauspielerin als Nazigegnerin emigriert war, 1939 amerikanische Staatsbürgerin wurde und sich bei der Betreuung der US-Truppen engagierte. Jetzt haben beide, die 1992 gestorbene Dietrich und Newton, nicht weit voneinander auf einem Friedhof in Berlin-Friedenau Ruhe gefunden.

Geschichten wie diese, die hinter den Bildern stecken, erzählt diese Ausstellung viele. Leider gibt es keinen Katalog, in dem sie aufgeschrieben worden sein und nachgelesen werden könnten.

Da werden zum Beispiel zwei von Immisch wunderbar in Beziehung gesetzte Fotografien von Lewis Hine und Arkadi Schaichet gezeigt. Amerikaner der eine, Russe der andere. Und beide feiern in ihren Bildern anscheinend systemübergreifend das Gleiche: das Pathos der Arbeit, den arbeitenden Menschen. Doch bei aller frappierenden Ähnlichkeit der Sujets ist die 1920 entstandene Fotografie von Hine, der als Chronist des Wolkenkratzerbaus in New York, aber auch der Armut in den USA bekannt geworden ist, gedanklich ein gutes Stück von Schaichets 1931 inszeniertem Bestarbeiter entfernt.

Dieser steht perspektivisch wie propagandistisch überhöht, er dreht als Symbol der siegreichen Arbeiterklasse das ganz große Rad. Hines Arbeitsmann, auch er ein faszinierender Athlet, hantiert zwar mit einem gigantischen Schraubenschlüssel, aber diese Inszenierung feiert allenfalls die Kraft des Mannes, nicht eine Ideologie. Huldigungen seiner Besonderheit hat der Kapitalismus, so kritikwürdig er auch ist, nie verlangt. Und sei es aus Arroganz.

Ordnung folgt den Gegenständen

Lewis Hine kann man im zweiten Geschoss des Neubaus der Moritzburg noch einmal begegnen: Neben einer Reihe von Zirkusbildern August Sanders sind Fotografien aus den Slums amerikanischer Großstädte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu sehen. Ein paar Schritte weiter gibt es, in hölzernen Schubladen vor ständig einfallendem Licht geschützt, Lyonel Feiningers Fotostudien zu bewundern, die dem Maler als Vorarbeit für seine Halle-Bilder dienten.

Fotografie, wohin man sieht in diesem Haus - jedenfalls im Augenblick. Zurück in der Überblicksschau, die der Kurator Immisch in eine Ordnung gebracht hat, die den Gegenständen folgt, wird man sich einmal richtig satt sehen können: Menschenbilder aller Art gibt es, Selbstinszenierungen, Form- und Materialstudien, grenzgängerische Experimente und klassische Strenge. Man Ray, den jedermann kennt, darf nicht fehlen. Und Wolfgang G. Schröter, der nur wenigen bekannt ist, ist auch vertreten. Der aus Wolfen stammende, später in Leipzig lehrende und in Halle lebende Fotograf hat in den 60er Jahren der DDR farbige Körper-Fotogramme geschaffen, bei deren Anblick man sofort an Warhol und Pop-Art denkt. Dabei lagen dem orthodoxen Staat Einflüsse dieses westlichen "Teufelswerks" eigentlich so fern wie Amerika selber.

Jeder wird seinen Favoriten finden. Oder zwei. Oder mehr. Vielleicht den zauberhaften Rückenakt von Horst P. Horst. Oder die staunenden sowjetischen Bauern, denen das Sowjetsystem die Glühbirne geschenkt hat. Diese Szene hat abermals Arkadi Schaichet festgehalten. Welch ein Dokument!

Moritzburg Halle, Friedemann-Bach-Platz 5, bis zum 7. April, Di 10-19, Mi-So und an Feiertagen 10-18 Uhr.