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Stadtmuseum Jena: Jena versammelt große Namen der modernen Klassik

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 20:56 Uhr
Le Corbusier: «Unité», Aquatintazeichnung (FOTO: STADTMUSEUM JENA) 
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"Kaum ein Klassiker der Moderne fehlt", heißt es mit untertreibender Bescheidenheit im Katalog zu der Ausstellung mit dem etwas sperrigen Titel "Linie und Skulptur im Dialog", die noch bis Mitte Februar im Jenaer Stadtmuseum zu sehen ist.
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jena/MZ. 

Dort bildet diese Übernahme von der Rüsselsheimer Stiftung Opelvillen gleichzeitig ein zwar zufällig zustande gekommenes, aber doch beredtes Pendant zur Ausstellung des künstlerischen Einzelgängers und einstigen "Burg"-Dozenten Lothar Zitzmann.

Das Erhellende liegt im Zeitvergleich seines Schaffens mit dem Schwerpunkt der Sammlung Kasser / Mochary Family, aus der sich die Parallel-Ausstellung rekrutiert.

Tatsächlich geht man durch die Räume, die auch durch ihren Mix von Grafik und Skulptur einen eher ungewohnten Zugang zur klassischen Moderne ermöglichen, und kommt aus dem Staunen über die versammelten großen Namen nicht heraus.

Dabei ist der Ausgangspunkt eher ein Meister des 19. Jahrhunderts, denn es war Rodins Plastik, namentlich die Liebespaargruppe "Das ewige Idol", über die, laut Kuratorin Beate Kemfert, der Budapester Papierfabrikant Alexander Kasser in den 1920er Jahren seine Liebe zur Kunst entdeckte.

Die aber hat er dann, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth, zielstrebig ausgebaut. Sie gehörten in Budapest zu den Unterstützern von Raoul Wallenbergs Rettungsaktion ungarischer Juden. Nach dem Krieg emigrierten sie, zuerst nach Mexiko, dann nach New Jersey (USA), wo die Kinder nunmehr die Sammlung verwalten.

Die Ausstellung interpretiert die Sammlung nach der These, sie habe ihren Schwerpunkt in Werken, die zur Form überwiegend durch die Linie kommen, auch in der Plastik - etwa durch Schwünge, Kurven, Wellen und tänzerische Elemente. Letztlich ist das aber doch im Wesentlichen in den Zeichnungen und anderen grafischen Arbeiten vorherrschend, und da sind viele, gerade durch ihre Feinheit und Leichtigkeit berückende Werke dabei - eine ganz mit gleichförmigem Strich gezeichnete Seiltänzerin des jungen Alexander Calder etwa oder ein duftig feines Blatt von Modigliani mit einer Porträtstudie.

Von besonderem Interesse ist aber auch die Nachkriegsspannweite der Sammlung mit Werken etwa von Marino Marini, Joan Miró, Henry Moore, Hans Arp, Alberto Giacometti, Giacomo Manzú, Max Ernst, René Magritte, Jean Cocteau und einer ganzen Serie von Aquatintas von Le Corbusier aus der Serie "Unité", in denen sich der radikale Modernist der Architektur in Picasso-Manier zeigt.

Dieses außerordentlich stimmungsvolle Zusammenklingen verschiedener Genres ist für sich betrachtet ein Genuss, aber im Zusammenhang mit Zitzmann ein Einblick in die zweigeteilte Nachkriegs-Welt.

Zitzmanns Werk ist auch für DDR-Verhältnisse extrem eigenständig, aber gerade auch, weil er in seiner ganz eigenen Formensprache den sehr genauen Blick auf Protagonisten der zweiten Moderne wie Henry Moore erkennen lässt. Die Parallelität zeigt aber in ihrer grundsätzlichen Verschiedenheit, wie schwer es ist, überhaupt zu sinnvollen Vergleichen von Ost- und Westkunst zu kommen.

Kunstsammlungen Jena im Stadtmuseum, Markt 7, bis zum 17. Februar, Di, Mi, Fr 10-17, Do 15-22, Sa, So 11-18 Uhr; Katalog 24,90 Euro.