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Schriftsteller Dieter Mucke wird 80: „Ich fliege denen davon“

Dieter Mucke

Dieter Mucke in seiner Wohnung in Halle-Silberhöhe

Foto:

Andreas Stedtler

Halle (Saale) -

Als Dichter entdeckt wurde Dieter Mucke 1964 von Sarah und Rainer Kirsch, die ihm in der Jury eines Radio-Lyrikwettbewerbes den ersten Preis zuerkannten. Eine Wahl mit Folgen: Gegen den Widerstand der SED wurde aus Dieter Mucke, der seit 1961 in Halle lebt, einer der namhaften deutschen Autoren. Heute gehört er zu den letzten Aktiven der bedeutenden Dichtergeneration von Reiner Kunze, Sarah Kirsch und Wulf Kirsten. Mit dem Schriftsteller, der heute 80 Jahre alt wird, sprach unser Redakteur Christian Eger.

Herr Mucke, in der DDR haben Sie Psychologie, Kamera und Literatur studiert, jedes Mal wurden Sie aus politischen Gründen exmatrikuliert. Was hatte die DDR gegen Sie?

Mucke: Nicht nur gegen mich, sondern auch gegen die, die damals gemeinsam mit mir exmatrikuliert worden sind. Vor allem aber: Wir hatten etwas gegen die. Wir hatten etwas gegen die dogmatische Kulturpolitik. Wir hatten erlebt, wie schon in den 50er Jahren einer unserer bedeutendsten Wissenschaftler, nämlich der Philosoph Ernst Bloch, weggeekelt wurde. Nicht nur er, sondern auch die Philosophen, die sich zu ihm bekannten, wurden gefeuert. Damit fing es an. Jedesmal, wenn wir jemanden gut fanden, wurde der entfernt. So haben wir uns mit denen angelegt, in der Hoffnung, dass das jeweils nur eine dogmatische Phase sei. Aber die waren Dogmatiker. Und so wurde die DDR entleert.

Hatten Sie jemals an die DDR geglaubt?

Mucke: Geglaubt? Wir hatten, als Ernst Bloch in Leipzig tolle Vorlesungen hielt, gedacht, das würde ja vielleicht mal eine Weltanschauung werden, zu der man sich bekennen könnte. Bloch hat den Begriff der konkreten Utopie geprägt. Eine Utopie, die nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern sich realisieren lässt. In dieser Richtung glaubten wir. Oder später an den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Das war das, was unserer Generation aus dem Herzen sprach, wovon wir meinten, uns dafür engagieren zu müssen, um überhaupt weiterzukommen. Aber alles das wurde unheimlich schnell geblockt.

Haben Sie das Verschwinden der DDR bedauert?

Mucke: Insofern nicht, als dort richtig kriminelle Verhältnisse herrschten, gegen die man machtlos war. Gegen mich und meine Familie hatte die Stasi „Maßnahmekomplexe“ durchgezogen. 20 Bände Akten sind überliefert. Diese Herrschaften können wirklich dem lieben Gott und der Friedlichen Revolution danken, dass ihnen niemand eine Saufeder in den Wanst rammte. Das war ja eine richtige mafiöse Verbrecherbande, die sind hier sogar eingebrochen und haben Medikamente vertauscht.

Was stört Sie, wenn heute von der DDR die Rede ist?

Mucke: Ich finde die Trennung in West- und DDR-Literatur unerträglich. Literatur ist Literatur, die hat ganz bestimmte ästhetische und auch ethische Grundsätze.

Sie bezeichnen sich nicht als ostdeutschen Schriftsteller?

Mucke: Nein, als einen deutschen. Auch deshalb, weil man dann viel zu schnell den falschen Leuten zugeordnet wird.

Wie kam es bei Ihnen überhaupt zu der starken Hinwendung zur Kinderliteratur und zur satirischen Literatur? War das die Lücke, die Sie als ein Außenseiter des offiziösen Literaturbetriebs füllen durften?

Mucke: Es gab in der klassischen Literatur ein Vorbild, das ich kannte: Der Russe Saltikow-Schtschedrin, der satirische Märchen für Erwachsene schrieb. Mit denen hatte er die zaristische Zensur unterwandert. Diese Methode habe ich als gut und praktizierbar gesehen. Ich hatte begriffen: Anspruchsvolle Literatur ist ja nicht nur doppelbödig, sondern vielschichtig. Auch bei der Literatur für Kinder kann man eine naive, aber auch eine intellektuelle Ebene haben. Autoren wie Reiner Kunze, Sarah Kirsch oder Peter Hacks haben das gezeigt. Die Stasi hat das nie begriffen. Das waren richtig dumme Spießer. Für die war Kinderliteratur drittrangige Literatur. Deshalb versuchten sie, mich in der Öffentlichkeit ausschließlich als Kinderbuchautor erscheinen zu lassen.

Tatsächlich sind Sie ja als Lyriker und satirischer Erzähler auch ein Erwachsenen-Autor gewesen. Gibt es unter diesen Genres einen gemeinsamen Nenner?

Mucke: Satire ist immer eindeutig, die spießt etwas auf, muss scharf sein. Da will man etwas bewegen, nicht belehren. Andererseits kann ich nicht dauernd satirisch sein. Die Satire ist eigentlich eine Verteidigung dessen, was ich wirklich liebe. Die Natur, die Landschaft und deren Bilder.

Worum geht es Ihnen, wenn Sie über Natur schreiben?

Mucke: Es geht um die Schönheit. Und um das, was sie in Frage stellt.

Was lesen Sie zur Zeit?

Mucke: Das letzte Buch von Helga M. Novak, die Erinnerungen „Im Schwanenhals“. Helga M. Novak war meine Kommilitonin am Literaturinstitut in Leipzig.

Vor Jahren wünschten Sie sich, als Autor etwas „besser integriert“ zu sein. Haben Sie es geschafft?

Mucke: Nein. Die Freundschaften nehmen ab, der Rivalitätsdruck wird größer.

Ist es schwierig mit Freundschaften unter Schriftstellern?

Mucke: Autoren verhalten sich zueinander oft wie rivalisierende Rhinozerosse und neurotische Neidhammel. Jeder hat seine eigene poetische Konzeption und hängt darin fest. Das ist auch nachvollziehbar. Heute kommt eine gewisse Entsolidarisierung hinzu, die in unserer Gesellschaft stattfindet. Viele sehen nur noch das Eigene, versuchen mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Ich bin mehr mit bildenden Künstlern befreundet, da kommt man sich nicht so sehr ins Gehege. Das sind gute Kommunikationen. Auf diese Weise sind vier „Schönste Bücher des Jahres“ entstanden unter anderen mit Egbert Herfurth und Regine Grube-Heinecke.

Die Vereinzelung ist auch eine Folge des Alters?

Mucke: Ja, es sterben die Freunde ringsum. Kollegen, mit denen ich befreundet war: Sarah Kirsch, Helga M. Novak, Rainer Kirsch. Auch zu Christa Wolf hatte ich ein gutes Verhältnis. Menschen, mit denen man sich verstand, ohne erst groß diskutieren zu müssen.

Was macht das mit einem?

Mucke: Man reflektiert über bestimmte Dinge. Zum Beispiel darüber, dass es zwischen uns einen Generationszusammenhalt gegeben hat. Etwas anderes kommt hinzu, nämlich, dass sich eine Diskriminierung des Alters breit macht. Ich muss nur mit einer Armstütze und einem Spazierstock herumlaufen und schon stoße ich ständig auf blöde Bemerkungen. Der Alte verbaut hier den Weg! Kann der nicht ein bisschen schneller gehen?

Verändert sich mit dem Alter Ihre künstlerische Wahrnehmung?

Mucke: Ich glaube, dass ich intensiver als zuvor das Sinnliche als etwas Ästhetisches erlebe.

Weil Sie das wollen?

Mucke: Nein, das geschieht. Vielleicht, weil man mit der Endlichkeit konfrontiert wird.

Erschreckt Sie das?

Mucke: Nein, aber man wird plötzlich mit der Nase drauf gedrückt. Es beschäftigt mich zur Zeit sehr, was mit meinem literarischen Archiv geschieht, zu dem mit meinen Büchern meine Korrespondenz und über 2 000 Seiten Stasi-Akten gehören. Ich will das nicht einfach so den Leichenfledderern der Literatur in den Rachen schmeißen. Ich möchte, dass etwas bleibt von dem, was ich gemacht habe.

Was wollen Sie noch erleben?

Mucke: Eine Reise nach Norwegen. Einmal das Nordlicht sehen.

Warum?

Mucke: Nicht, um irgendetwas darüber zu schreiben. Einfach, um die Natur wahrzunehmen.

Was würde das auslösen?

Mucke: Eine Ruhe, vielleicht. Eine Übereinstimmung mit einer schönen Landschaft. Das schon.

Schreiben Sie?

Mucke: Aphorismen, hin und wieder.

Warum keine Autobiografie?

Mucke: Mein 1975 veröffentlichtes Buch „Laterna Magica“ erzählt von meiner Kindheit bis 1945.

Ich meine Ihre Erlebnisse danach. Die Jahrzehnte der DDR.

Mucke: Es waren zu viele ekelhafte Erlebnisse darunter, mit denen ich mich neu auseinandersetzen müsste. Etwa die Erlebnisse in der Untersuchungshaft mit diesen saudummen Verhörern. Das ist dermaßen ekelhaft, dass es mich so ankotzen würde. Ich träume jetzt noch, mit 80 Jahren, davon, wie eine Meute auf mich gehetzt wird, der ich zu entkommen versuche.

Was für eine Meute?

Mucke: Leute, die gegen mich eingenommen sind. Die mir an den Kragen wollen. Weil ich etwas anderes als sie behauptet habe.

War das ein reales Erlebnis?

Mucke: Jede Zwangsexmatrikulation war eine Meute, die auf mich gehetzt wurde. Die kommen im Traum immer näher und näher und im letzten Moment fliege ich denen davon. Und die gucken blöd hinterher. Und ich fliege da über ein Tal. Aber dann sind die schon wieder ganz nahe und ich werde munter. (mz)