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Mitteldeutsche Zeitung | Schauspiel Leipzig: Auf die Spitze getriebene Künstlichkeit
07. February 2016
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Schauspiel Leipzig: Auf die Spitze getriebene Künstlichkeit

Julia Preuß und Markus Lerch in einer Live-Videoprojektion

Julia Preuß und Markus Lerch in einer Live-Videoprojektion

Foto:

Rolf Arnold

Leipzig -

Metropolis auf einer kleinen Bühne kann man sich nicht vorstellen. Denn zumindest einige Bilder des expressionistischen Filmklassikers, mit dem Fritz Lang 1927 am Ende der Stummfilm-Ära dem Sience-Fiction seinen Gründungsmythos verpasste, sind zu sehr im kollektiven Gedächtnis verankert. Auch wenn Regisseurin Claudia Bauer sich mehr auf die Romanvorlage von Thea von Harbou und Fritz Lang bezieht.

Also: große Bühne für große Bilder dieser exemplarischen Geschichte einer Zweiklassengesellschaft. Kopf-Elite und Handarbeiter - fein säuberlich getrennt und durch Technik zusammengehalten. Auf dem Weg zu einer Story macht sich das, wenn Herrschersohn Freder (Florian Steffens) aus Liebesgründen die Seiten wechselt und ihn der Herr Papa mit einer Androidin (als Maria und Futura: Julia Preuß) hinters Licht führt, samt inszeniertem Aufstand.

Doch beim Wettstreit von Inhalt und Form gewinnt an diesem Abend die Form. Andreas Auerbach hat einen gigantischen Würfel auf die leere Bühne gestellt. „Babel“ steht im Metropolis-Stil drüber. Also die metaphorische, scheiternde Dauerbaustelle Welt und der Menschen verschlingende Moloch schlechthin.

Der Würfel kann bis an die Rampe fahren und ist eine präzise bespielte Projektionsfläche für live gefilmte Nahaufnahmen. Oder für Naturschauspiele wie einen Gletscherabbruch. Auch für ein loderndes Feuer, in dem die Frau, die gerade selbst die Vorzüge ihrer Maschinen-Existenz gepriesen hat, verschwindet. Das Arbeitsvolk in seinen goldfarbenen Ganzkörperkondom-Kostümen und Kindskopfmasken dringt dort ein (Kostüme: Patricia Talacko).

Bühne, Video, Sound und Bewegungschor bleiben zunächst ziemlich nah am Stummfilm, jedenfalls fern von jeglichem Text. Den haben Claudia Bauer und Jan Friedrich zu einem knappen Sprech- und Brüll-Libretto zusammengestrichen. Gemischt mit dem bis in Wagner-Sphären dräuenden Musiksound, bringen sie den ins comichaften szenischen Bilderbogen auf Trab.

Wer sich ein wenig mit der Vorlage auskennt ist klar im Vorteil. Aber es geht ohnehin mehr um das Revoltieren der Form als um Inhalt. Die ausgestellten Künstlichkeiten, die Kameras und Maskierungen sind ästhetische Leitmotive. Dass es in dieser auf die szenische Spitze getriebenen Künstlichkeit um Verfremdung und die gefühlte Machtlosigkeit des Einzelnen geht, wird freilich klar. Das ist immerhin so erhellend wie ein Blaulicht in der Dunkelheit. Und führt dann doch zu einem Paradis-Neuanfang, vielleicht. Gedreht im Leipziger Zoo. Als Finale eines Theaterabends, der den Zuschauer oft auf sich selbst verweist. Oder in die Videothek, Abteilung Filmklassiker. (mz)

Nächste Vorstellungen: 10. und 20. Februar, 2. März, jeweils 19.30 Uhr


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