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Roman «Kanada»: Nimm das Leben, wie es kommt

Uhr | Aktualisiert 26.10.2012 19:05 Uhr
Richard Ford: Kanada Dt. von Frank Heibert, Hanser Verlag, 464 Seiten, 24,90 Euro (FOTO: MZ) 
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Der Verlag ist sich sicher: In dem Roman "Kanada" findet das Werk des US-Autoren Richard Ford seinen glanzvollen Höhepunkt. Die Handlung spielt im Jahr 1960. Als John F. Kennedy um die Präsidentschaft kämpft, und die USA sich noch der Illusion hingeben können, die Guten auf der Welt zu sein.
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Halle (Saale)/MZ. 

Der Verlag ist sich sicher: In dem Roman "Kanada" findet das Werk des US-Autoren Richard Ford seinen glanzvollen Höhepunkt. Doch das wäre schade, weil der Leser dann nicht mehr auf weitere gute Bücher Fords hoffen dürfte. Mit 68 Jahren ist Ford zwar nicht mehr der jüngste, aber hat vermutlich auch in Zukunft noch etwas zu sagen.

Denn erzählen kann der Amerikaner. Die Handlung spielt im Jahr 1960. Als John F. Kennedy um die Präsidentschaft kämpft, und die USA sich noch der Illusion hingeben können, die Guten auf der Welt zu sein. Ford macht den 15-jährigen Dell Parsons zu seinem Helden, der sich mehr als 50 Jahre später an den Sommer dieses Jahres erinnert. Dell steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und muss erleben, wie sich für ihn von einem Tag zum anderen alles ändert. Seine Eltern, der ehemalige Bomberschütze Bev und seine jüdische Frau Neeva, beschließen eines Tages, eine Bank auszurauben. Wie zu erwarten geht das nicht gut. Beide landen im Gefängnis. Dell und seine Zwillingsschwester Berner müssen sehen, wie sie allein zurechtkommen. Doch während die längst desillusionierte Berner nach Kalifornien abhaut, gelangt Dell in einer Nacht- und Nebelaktion nach Kanada, in die Provinz Saskatchewan. Dort findet er bei einem zwielichtigen Hotelbesitzer Unterschlupf, haust in einem Schuppen und putzt die Zimmer. Der Junge, der eigentlich nichts lieber als in der Schule lernen und Schach spielen möchte, muss sich mit einer ganz anderen Lektion anfreunden: Nimm das Leben, wie es kommt. Und wer nicht zum Zyniker wird, hat bessere Chancen zu überleben.

Nur wenige Wochen ist Dell in Fort Royal. Ein Ort, an dem nicht nur er hofft, seiner von einem Verbrechen befleckten Vergangenheit zu entgehen. Doch der eigentlich unschuldige Sohn zweier Bankräuber wird kurz danach Zeuge, wenn auch nicht Mittäter, eines ganz anderen Verbrechens. Während der Wind schon die ersten Schneeflocken über die Prärie treibt, werden zwei Männer erschossen und verscharrt. Eigentlich ist die Geschichte damit schon beendet. Aber Dell hat Glück, kann Fort Royal verlassen und an einem anderen Ort in Kanada doch noch lernen, studieren und ein vermutlich eher ereignisloses bürgerliches Leben als Lehrer führen. Doch das ist eine andere Geschichte, die Ford nicht mehr detailliert erzählt.

Das Buch ist kein Kammerspiel. Die Weite des Landes, Wind und Wetter geben den Grundton vor. Der Leser fühlt sich, als ob er in einen dieser schon etwas angejahrten amerikanischen Straßenkreuzer einsteigen und einfach losrollen würde. Bedächtig, ohne Eile. Ford nimmt den Leser mit auf eine Reise, die nur auf den ersten Blick ein Ende hat. In Wahrheit beeinflusst und berührt sie ein ganzes Leben.