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Reformationsjubiläum 2017 in Wittenberg: Mehr als ein evangelisches Kaffeekränzchen

Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle

Begeisterung soll ja ansteckend wirken: Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle für das Reformationsjubiläum bei der La-Ola-Welle.

Foto:

Thomas Klitzsch

Wittenberg -

Posaunen sollen in biblischen Zeiten die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht haben. Insofern hätte man auch Bedenken haben können, ausgerechnet den Evangelischen Posaunenchor von Wittenberg zum Einsatz zu bringen, um den Einzug der Geschäftsstelle zu feiern, die das Organisatorische der großen Reformationsfeier 2017 zu schultern hat.

Aber man kann die Überlieferung aus fernen Tagen ja auch als Sinnbild für Entschlossenheit nehmen, und so tönte der Wittenberger Posaunenklang jetzt auch ganz tapfer und fröhlich durch die Aula des wilhelminischen Melanchthon-Gymnasiums in der Neustraße. Das hat mit den Damen und Herren der Geschäftsstelle, die bislang in Berlin behaust waren, nun Zwischenmieter gefunden, nach deren Auszug die alte Schule saniert werden und wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen soll. Eine Win-Win-Situation nennt man dergleichen im neudeutschen Managerjargon.

Luther, den großen Sprachmeister, hätte es freilich geschüttelt bei solchen Worten. Er war dafür, dem Volk auf’s Maul zu schauen, erinnerte die oberste Lutherbotschafterin der Republik, Margot Käßmann, in Wittenberg. Da würde er in diesen Tagen der Unruhe von Pegida-Kämpfern und AfD-Hetzern freilich auch viel Verwirrendes zu hören bekommen. Noch ein Grund mehr, Luthers Nachlass auf rasche Wiedervorlage zu nehmen.

Daran, die Reformation 500 Jahre nachdem er sie mit seinen Freunden angezettelt hat an der Schlosskirche zu Wittenberg, noch einmal richtig in Schwung zu bringen, würde Luther jedenfalls Freude gehabt haben. Und genau darum geht es, wenn das viele Geld, das man für das Festjahr ausgeben wird, nicht in den Sand gesetzt sein soll. Das Reformationsjubiläum muss deutlich mehr sein als ein evangelisches Kaffeekränzchen mit weltweiter Beteiligung, bei dem man sich auf Papphockern sitzend gegenseitig bescheinigt, zu den Guten zu gehören, weil man glaubt. Vielmehr bietet die Erinnerung an 1517 und die folgenden, an Aufbrüchen wie leider auch an Kriegen reichen Jahre die große Chance, die Botschaft der Reformation für alle deutlich zu machen. Von Sprache ist hier schon die Rede gewesen, aber man kann es nicht oft genug sagen: Der Bibelübersetzer Luther hat die Menschen am Ausgang des Mittelalters zum Verstehen und Denken und Mitreden gebracht. Auch Mut lässt sich bei ihm abholen, für seine Überzeugung einzustehen. Und der Trost, das auch große Denker nicht frei von schlimmen Fehlern sind - denkt man nur an Luthers üble, freilich zeittypische Tiraden gegen die Juden.

Die Menschen mit Luther und der Reformation zusammenzubringen, ohne die man weder Aufklärung noch Moderne hätte, das ist die allerdings anspruchsvolle Aufgabe der Wittenberger Geschäftsstelle. Mit Käßmann im Rücken, dem zugeneigten Oberbürgermeister Torsten Zugehör sowie Landrat Jürgen Dannenberg an der Seite und den Geschäftsführern Hartwig Bodmann und Ulrich Schneider an der Spitze soll es gelingen. „Dass alles komplett schief geht, kann ich mir jetzt auch nicht vorstellen“, hat der erfahrene Kirchentagsorganisator Bodmann gesagt. Sieh an: Ein Protestant mit Humor.

Genau so viel Schwung, wie man den Gästen zur Einweihung demonstriert hat, wird es dann auch brauchen. Ob man dafür die Mitarbeiterschaft wie am Mittwoch fortan täglich zur La-Ola-Welle antreten lässt, steht dahin. Bei allem Verständnis aber für ein bisschen Event, ohne das heute auch bei Christen nichts mehr zu gehen scheint: Der Werbefilm für 2017 hat mit seiner computergenerierten Billig-Popmusik im Hintergrund und dem schmeichelnden Moderatorenton den Charme eines Bausparkassenwerbespots. Aber vielleicht war es ja so gemeint: Auf diesen Luther können Sie bauen. (mz)


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