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Ost-Schlagerstar Ute Freudenberg: Die Jugendliebe wird am Dienstag 60 Jahre alt

Ute Freudenberg

Feiert heute ihren 60. Geburtstag und ist erfolgreich wie nie: Ute Freudenberg.

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Katja Kuhl

Halle (Saale) -

Am Ende der „Jugendliebe“ lässt sie ihre Band immer ein wenig leiser spielen. Ute Freudenberg kennt den Gänsehaut-Moment, der nun auch beim Konzert in Dessau kommt: Erst zaghaft, dann immer lauter singen die Fans vor der Bühne mit. „Jugendliebe bringt / den Tag / wo man beginnt / alles um sich her ganz anders anzusehen“, klingt es von unten herauf. Und nach dem „Haha“, das fast schon wie ein Schrei wirkt, singen sie „Lachen trägt die Zeit / die unvergessen bleibt / denn sie ist traumhaft schön“.
Der Eisleber Burkhard Lasch hat den Text von Ute Freudenbergs größtem Hit geschrieben, vor 35 Jahren. 70er Jahre, Ostseestrand und FDJ-Hemdenblau. Erste Küsse, letzte Ferienlagergrüße. Doch das Lied funktioniert noch immer. Viele von denen, die in Dessau, Burg oder Halle aus vollem Hals singen, sind noch nicht einmal geboren, als Ute Freudenberg mit ihrer Gruppe Elefant durchstartet.

Erfolg ohne Plan

Erfolg, der anfangs keinem Plan folgt. Beim Studium in Weimar gründen ein paar Absolventen der Musikhochschule Elefant als Nebenbei-Projekt mit drei Sängerinnen. Doch Ute Freudenberg, Tochter eines Buchenwald-Überlebenden, erkennt schnell ihre wahre Berufung. Erst mit 15 in einem Kinderferienlager entdeckt, als sie gerade Michael Holms „Mendocino“ singt, spielt sie schon mit 20 ihre erste LP ein. Mit 22 singt sie „Wie weit ist es bis ans Ende der Welt“ und hat mit der doppeldeutigen Ballade ihren ersten großen Hit. Und mit 25 folgt dann schon „Jugendliebe“, vordergründig eine Schnulze über eine Teenager-Romanze, tief drinnen aber ein Lied über gebrochene Schwüre, enttäuschte Hoffnungen, Schmerz, Leid und das ganze Leben.
Das hat Ute Freudenberg, die mit ihrem neuen Album der erfolgreichste Schlagerstar aus dem Osten beim Onlinehändler Amazon ist, bis zu ihrem heutigen 60. Geburtstag wenig erspart.

Denn den frühen Triumphen folgten die ersten Zusammenstöße mit dem DDR-Regime, das Familie Freudenberg eigentlich als das bessere Deutschland gilt. Es ist die Enge, die Ute Freudenberg aufstößt. Viermal in Folge ist sie zur beliebtesten Sängerin der DDR gewählt worden, doch behandelt fühlt sie sich wie ein Kind. Als sie aufmuckt, beginnen die DDR-Medien, sie trotz ihrer Hits zu schneiden. Auf einmal darf sie auch nicht mehr in den Westen reisen. Auf einmal darf sie doch wieder, zur „Schaubude“ nach Hamburg. „Für mich war das die absolute Rausschmiss-Provokation, denn ich hatte ja gerade geheiratet“, hat sie später beschrieben, „so nach dem Motto: „Du kannst ja gehen, aber du musst Deinen Geliebten hier lassen.“

Ute Freudenberg hat in diesem Moment, der der letzte ihres ersten Lebens sein wird, alles riskiert. Sie bleibt im Westen, setzt ihre Ehe aufs Spiel, zerstört ihre Karriere. Die SED schickt ihren Vater nach, um die Tochter zur Rückkehr zu bewegen. Doch Ute Freudenberg überzeugt ihn, nicht er sie. Sie bleibt und gewinnt, zumindest die Freiheit: Ihr Mann, der Stuntman Peter Pieper, der unter anderem im Defa-Film „Tecumseh“ mitspielte, darf nachkommen.
Nur eine Karriere hat die Frau mit der Schmeichelstimme nicht mehr. Niemand kennt sie in der neuen Heimat Düsseldorf. In den Tagen der Neuen Deutschen Welle ist Schlager ohnehin nur noch etwas für Seniorenbälle. Ute Freudenberg erfindet sich neu, sie nennt sich jetzt Heather Jones, sie singt auf Englisch, trägt eine toupierte Mähne und klingt wie Tina Turner. Doch diese Stimme kann auch das: Ihr Song „This was the last time“ schafft es in einen „Tatort“ und in die Hitparade.

Unwohl in der neuen Rolle

Nur die Künstlerin fühlt sich nicht wohl in der neuen Rolle. Ute Freudenberg liebt deutschen Schlager der klassischen Art, diese bittersüßen Lieder mit den schönen Melodien, die ihre Sänger tragen und von deren Stimmen getragen werden. Daheim in Weimar-Schöndorf, scherzt sie später, hätten sie alle für verrückt gehalten. „Hamse gehört, die Freidenbergsche nennt sich jetzt Hertha Jones“, hätten die Leute mit dem Kopf geschüttelt. Dabei war das nicht einmal ihre Entscheidung, sondern die der Produzenten, die fanden, der Name Ute Freudenberg passe einfach nicht zum Lied.

Entscheidungsprozesse, die nicht zu Ute Freudenbergs Selbstbild passen. Sie hat immer und will weiter selbst bestimmen, was sie wann wo tut. Es ist Mitte der 90er, als sie von einem Tag auf den anderen beschließt, zurückzugehen nach Thüringen, ins heimatliche Weimar, dorthin, wo sie herkommt. Das erste Album, das sie dort macht, nennt sie „Land in Sicht“.

Eine Rückkehr , die Ute Freudenberg nie bereut hat. Ihr Publikum hat sie vom ersten Auftritt auf dem legendären Zwiebelmarkt wieder in die Arme geschlossen. Eine Jugendliebe, die nie vergangen ist. Fast aus dem Stand ist auch der Erfolg wieder da. Es sprudeln die Lieder, es rufen die Bühnen, die Fernsehsender, die Radiostationen. Sogar im Westen, wo Ute Freudenberg sich in ihrem zweiten Leben als gesamtdeutscher Star eine große Anhängerschar aufgebaut hat. Daheim in der alten Heimat dagegen ist die Frau, die in ihren Anfangstagen nicht nur von einigen Musikern ihrer Band, sondern auch von den Fans der richtigen Rockgruppen als Schlagertante belächelt wurde, aufgenommen worden in die große Ostrock-Familie. Bei den Ostrock-in-Klassik-Tourneen steht Ute Freudenberg mit auf der Bühne, neben Dieter Birr, Toni Krahl oder Santiano-Sänger Hans-Timm Hinrichsen. Zu ihrem Jubiläumskonzert bat die Gruppe Karat sie um einen Gastauftritt und ihre neue Single „Alles okay“ kombiniert

Freudenbergs Samt-Gesang mit E-Gitarren. Freudenbergs „Jugendliebe“ ist unterdessen nicht nur zum beliebtesten Ost-Hit aller Zeiten gewählt worden. Sondern Teil des Repertoires von jungen Rockbands wie Unbekannt verzogen oder White Helium und Standardprogramm an ostdeutschen Lagerfeuern. Lachen trägt die Zeit, die unvergessen bleibt. Denn zumindest im Nachhinein ist sie tatsächlich immer traumhaft schön. (mz)