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Nikolaus Brade: "Deichkind"-Buch ganz ohne Worte

Uhr | Aktualisiert 19.03.2013 22:38 Uhr

Das Publikum feiert Party mit Deichkind.

(BILD: Nikolaus Brade)
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Der aus Halle stammende Nikolaus Brade hat ein ungewöhnliches Buch gestaltet: „Eine Prise Mythos“ über die Band Deichkind verzichtet auf Text.
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halle/MZ

Bilderbücher gehören ins Kinderzimmer. Oder? Der 1974 in Halle geborene und inzwischen in Berlin lebende Fotograf Nikolaus Brade erinnert daran, dass man auch für Heranwachsende und Volljährige ein Bilderbuch gestalten kann. Der Beweis ist zwar gelegentlich schon angetreten worden, etwa mit Bänden über die Rolling Stones, aber Gemeingut ist ein Buch, das ohne Text auskommt, deshalb noch lange nicht.

Was wohl unverzichtbar für eine solch rein visuelle Ansprache des potenziellen Publikums ist: Der Gegenstand muss bekannt sein, am besten eine Marke. Das trifft auf die Hamburger Hip-Hop- und Elektropunk-Band Deichkind zweifellos zu, ihre Fankurve ist enorm groß. Und wenigstens dort dürfte Brades Buch „Eine Prise Mythos“ bestens ankommen - aber die faszinierende Wirkung seiner Fotografien der Musiker und ihres Publikums reichen über eine Handreichung für die Kapelle und ihre Anhänger weit hinaus.

Die Bilder erzählen tatsächlich etwas über den Mythos der populären Musik, sprechen ohne Worte vom Zauber, den sie auf ihre Hörer ausübt, von Befreiung wie Enthemmung. Und von der Travestie der Künstler natürlich, die sich in Maskenrollen für ihre provozierenden Shows begeben, bei denen die jungen Leute vor der Bühne ausrasten und einträchtig den Inhalt von Getränkedosen über sich und ihre Mitbürger ergießen.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren hat Brade die Band, deren Fan er selber war, begleitet - nicht am Stück, aber immer wieder. Vielleicht 20 Konzerte hat er miterlebt, vor und hinter der Bühne. Ein geradezu luxuriöser Aufwand, aber billiger wäre die Erfahrung nicht zu haben gewesen: Welche der Bilder sind die gültigen? , heißt die Gretchenfrage. Welche Eindrücke gehen über das Flüchtige oder gar Affirmative hinaus?

Man sieht den Bildern die Mühe nicht an, aber auch nicht vordergründig die Freude, die der Fotograf in seiner exklusiven Position hatte. Es sind Zeugnisse der Arbeit: Der des Künstlers an seinem Gegenstand. Und jener Arbeit, die die Musiker zur Begeisterung ihrer Adressaten verrichten. Die Zusammenarbeit, als die beide Seiten ihren jeweiligen Part ausdrücklich verstanden, war zufällig zustande gekommen. Eine alte Freundin aus Halle, mit einem der Musiker liiert, hatte den Kontakt vermittelt. Eine frühere Arbeit Brades, ebenfalls über eine längere Zeit und mehrere Stationen reichend, gab zusätzliche Legitimation, denn Popartisten sind auch eigen und scheu.

2005 hatte der Fotograf die in Hamburg entstandene Produktion der Mozart-Oper „La Clemenza di Tito“ von Peter Konwitschny und Helmut Brade auf ihrer Reise nach Tokio und Oslo zu den koproduzierenden Häusern begleitet. „Wie funktioniert ein solcher Kulturexport?“, hatte den Fotografen interessiert, der Halles Kunsthochschule Burg Giebichenstein absolviert hat, wo er inzwischen selber Studenten ausbildet. Auf die Arbeit mit Deichkind hat er sich aus dem gleichen Grund eingelassen, der ihn zur Oper geführt hatte: „Ich will wissen, wie die Dinge funktionieren“, sagt Brade. Auch, wenn das anstrengend ist. Ein Leitmotiv, das die Lust am Blick hinter die Kulissen bezeichnet. Die Neugier also, ohne die Kunst nicht entsteht.

Im Falle dieser Langzeitstudie, aus der nun ein textfreies Buch mit sprechenden Bildern entstanden ist, hat das auch bedeutet, den Schmerz, die Tragik, den Zweifel mitzusehen. Ein Musiker hat die Band verlassen. Und der Produzent, der als Mitglied zur Truppe zählte, wurde 2009 eines Morgens tot in seinem Haus gefunden, gestorben am kaputten Herzen, mit 32 Jahren. Da waren sich die Deichkinder nicht sicher, ob sie nicht nach der Tour einfach Feierabend machen sollten. Sie entschieden sich dann anders.

Auch die Diskussionen um das Konzept der Band haben eine Rolle gespielt und den Fotografen verwickelt. Während die einen ihre künstlerische Ausrichtung auch kritisch hinterfragen wollten, erzählt Brade, waren andere Musiker eher der Meinung: Lasst uns eine gute Zeit haben und Schluss. Das alles hätte gut auch in einem Essay besprochen werden können. Die Band wollte lieber nur Bilder. Und Brade nahm es als Herausforderung. Mit Erfolg, wie man sieht.

Nikolaus Brade: „Eine Prise Mythos“, Gestalten-Verlag Hamburg, 144 Seiten, 19,90 Euro