Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Neues Theater Halle: Leipziger Studenten zeigen "Frühlings Erwachen!"

Der Frühling erwacht mit der Heftigkeit eines Orkans: Schauspielstudierende spielen in der Wedekind-Adaption Schauspielstudierende.

Der Frühling erwacht mit der Heftigkeit eines Orkans: Schauspielstudierende spielen in der Wedekind-Adaption Schauspielstudierende.

Foto:

julia fenske

halle (Saale) -

Sie nennen sich selbst „Generation Facebook“ und „Generation Ego“. Sie sind die Kinder ihrer Eltern und des wiedervereinigten Deutschlands. Ihre Sozialisation ist eindeutig westdeutsch, sie könnten aus Bielefeld, Düsseldorf oder Stuttgart kommen. Sie studieren Schauspiel und haben ein Ziel: den tosenden Beifall des Publikums zu erleben, wenn sie erst einmal die großen Rollen auf den großen Bühnen dieser Welt geben dürfen. Ihre kollektive Biografie deklamieren die acht Figuren im Chor.

Auf der Suche nach sich selbst

Das ist der Beginn von „Frühlings Erwachen!“, einer sehr freien Fassung von Frank Wedekinds gleichnamigem Drama, das um 1900 ein Skandalstück war, weil in dieser „Kindertragödie“, so Wedekinds Untertitel, Schüler nicht nur auf der Suche nach ihrem Platz in der wilhelminischen Gesellschaft, sondern auch auf der Suche nach sich selbst sind, was die Entdeckung des Sexuellen einschließt - und folglich die Sittenwächter auf den Plan rief, so dass das 1891 als Buch erschienene Stück erst 1906 auf die Bühne kommen konnte.

Nuran David Calis – ein 1976 als Sohn armenisch-jüdischer Einwanderer aus der Türkei in Bielefeld geborener Autor – hat diesen Klassiker der deutschen Literatur, der heute Schullesestoff ist, aktualisierend bearbeitet und ihm den Zusatz „Live fast – die young“ (Lebe schnell – sterbe jung) beigefügt.

Calis’ auch personell stark reduzierte Version hat nun Regisseur Nick Hartnagel im Neuen Theater Halle inszeniert, und zwar mit acht bemerkenswert aufspielenden Studierenden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.

Was bedeutet: Schauspielstudierende spielen Schauspielstudierende. Das Stück weist also auf sich und seine Akteure zurück. Als da sind: Wendla (Marie Scharf), Martha (Sophia Platz), Ilse (Babro Viefhaus), Thea (Mira Helene Benser) sowie Moritz (Benito Bause), Melchior (Paul M. Oldenburg), Hans (Paul Simon), Ernst (Paul Max Pira). Möglich, dass manches, was im Laufe des Abends über die Lust und das Last des Schauspielstudiums gesagt wird, auch aus der Erfahrung der Darsteller resultiert.

Zweifel und Versagensängste

Denn es geht in Nuran David Calis’ „Frühlings Erwachen!“ um künstlerische Selbstverwirklichung und, damit verbunden, um Selbstzweifel und Versagensängste. Die Gefahr, den eigenen Erwartungen und den der anderen scheinbar nicht zu entsprechen, ist in allen Künsten groß: Die einen treibt es zu exzessiven Handlungen jeder Art, eine Figur wie Moritz zuletzt in den Tod. Spätestens hier zeigt sich, dass das Leben kein Spiel ist, auch wenn sie dem Spiel ihr Leben widmen.

Alle acht Darsteller agieren mit einer Intensität, als gäbe es kein morgen mehr. Das zieht die Zuschauer spürbar in den Bann. Auch deshalb braucht es in der Kammer des Neuen Theaters keine große Ausstattung (Mareike Hantschel). Auf der Bühne gibt es nur vier Vorhänge aus weißen Papierbahnen, die als Projektionsfläche für Live-Videos dienen und während des Spiels von den Akteuren nacheinander herunter gerissen werden. Die Gruppe trägt wahlweise Pollunder und Pullover mit Rautenmotiv, altväterliche Hosen oder unförmige Röcke. Eine Bekleidung, die man altbacken nennen würde, wenn die „Generation Ego“ dafür nicht schon den Begriff „Vintage-Kram“ geprägt hätte.

Mag in Calis’ „Frühlings Erwachen!“ an Wedekinds Text nicht mehr viel erinnern (nur in jenen Passagen, in denen herrlich altertümliche Wörter wie etwa „Kehricht“ zu hören sind), so ist die Aktualisierung doch von einer Art, in der sich junge Menschen heute auch dann wiedererkennen können, wenn sie nicht Schauspielstudierende, sondern Schüler wie die Figuren Wedekinds sind.

Eine gelungene Inszenierung ist das beste Zeugnis für angehende Schauspieler. Die hier Beteiligten sind mit reichlich Beifall bedacht worden. Soll heißen: Bestnoten für alle Mitwirkenden! (mz)

Nächste Aufführungen: 23. Februar, 4. und 5. März, jeweils 20 Uhr