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Neuerscheinung: Deutschrock-Band Tocotronic veröffentlicht zehntes Album

Uhr | Aktualisiert 31.01.2013 22:49 Uhr
Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank und Jan Müller (FOTO: UNIVERSAL) 
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Die Deutschrock-Band Tocotronic predigt auf ihrem zehnten Album "Wie wir leben wollen" Seichtigkeit als die neue Tiefe.
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Halle (Saale)/MZ. 

Im 20. Jahr ist das Ende schon am Anfang nah. "Hey, ich bin jetzt alt, hey, bald bin ich kalt", singt Dirk von Lowtzow "Im Keller", dem Auftaktstück zum zehnten Album seiner Band Tocotronic. "Wie wir leben wollen", heißt das und die Stimme des 42-Jährigen künstelt darauf beinahe durchweg spitz. Lowtzow singt wie mit abgespreiztem kleinen Finger und seine Kollegen Jan Müller am Bass, Arne Zank am Schlagzeug und Rick McPhail an der zweiten Gitarre erzeugen dazu eine Art Schlagerpop: Höflicher Rock mit Ahaha-Chören, maßgeschneidert aus harmonischen Akkordwechseln.

Es geht ums Älterwerden, um Verblühen und Verblassen in diesem 17 neuen Stücken der Gruppe, die in ihren Anfangstagen das Aushängeschild einer neuen Art von deutschsprachiger Musik war. In Trainingsjacken und mit Seitenscheitel spielten die drei Gründer Lowtzow, Zank und Müller linkischen Gitarrenrock, zu dem plakative Slogans wie "Ich will Teil einer Jugendbewegung sein" gesungen wurden. Von der Musikwirtschaft zu jungen, deutschen Hoffnungsträgern ernannt, lehnte die Band aus der Hamburger Schule, zu der auch Gruppen wie Blumfeld und Die Sterne gehörten, die Annahme einer entsprechenden Auszeichnung ab. Man sei weder stolz darauf, jung, noch darauf, deutsch zu sein, hieß es zur Begründung.

Doch die Flucht vor der eigenen Relevanz ist so einfach nicht in Zeiten, da deutschsprachige Musik Schlager ist, lustig oder stadionkompatibel. Mit der Erweiterung des Spektrums auf Streicher und klassische Balladen ist der Tocotronic-Rock hitparadenfähig geworden. Die kantigen, um Intellektualität bemühten Texte blieben, hier reimten sich die "tiefsten Tiefen" auf "Hieroglyphen" und ein Schlachtruf war "pure Vernunft darf niemals siegen / wir brauchen dringend neue Lügen".

Dieser Blick auf die Welt war gestern, "Wie wir leben wollen" richtet das Augenmerk nach innen. "In die Leere will ich kriechen, um mich solls nach Erdbeer riechen", reimt Lowtzow im Song "Auf dem Pfad der Dämmerung", während die Musik nach Coldplay klingt. Große Geste, kleine Wirkung. Stücke wie "Vulgäre Verse" oder "Warm und grau" wirken in ihrer ausgestellten hüftsteifen Künstlichkeit, als singe Klaus Hoffmann mit der Münchner Freiheit auf einer Schultheaterbühne Verse von Bertolt Brecht.

Eine leichte Brise weht hier nur noch, wo früher Schrammelgitarren zum Sturm bliesen. Geht es nach Tocotronic, ist Seichtheit die neue Tiefe und die Vergangenheit das neue Morgen. "Die Revolution wird am Ende den Tod abschaffen", heißt es im Fünf-Minuten-Manifest "Abschaffen", das den sogenannten biokosmistischen Denkern der frühen Sowjetunion ein Denkmal setzt, die davon träumten, Menschen eines "höheren biologischen Typus zu erschaffen", um das Sterben hinter sich lassen zu können.

Der Traum ist aus, die Realität riecht nach Verfall und Depression. "Verkrieche mich in mein Versteck", heißt es in "Höllenfahrt am Nachmittag", "vor dem Fenster steht 'ne Uhr, zählt die dunklen Stunden nur". Dazu läuft eine Eilzugversion von "Personal Jesus". Hillbilly auf hanseatisch, nachfolgend im Titelstück verlangsamt und am Ende in "Unter dem Sand" vollkommen aufgelöst: "Unter dem Sand", schließt sich der dunkle Kreis, "bin ich am Ziel angelangt".

Tocotronic live am 12. April im Haus Auensee Leipzig