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Neil Young: Ausritt auf E-Gitarren

Uhr | Aktualisiert 23.11.2012 17:42 Uhr

Eine Minute nur benutzt Neil Young auf seinem neuen Doppel-Album die akustische Gitarre - danach wird es sehr elektrisch und laut. (FOTO: ARCHIV)

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Mit einem Doppelalbum und einer Autobiografie kämpft der große alte Mann des Rock für ein neues Speicherformat für Musik.
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Halle (Saale)/MZ. 

Mit 67 Jahren könnte es ihm inzwischen egal sein, wer seine Musik noch hören will. Dennoch, Neil Young gibt sich Mühe: Für "Driftin' Back", den Opener seines neuen Albums "Psychedelic Pill", hat der Kanadier ein Video herstellen lassen.

Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Denn "Driftin' Back" beginnt zwar mit einer akustischen Gitarre, wie sie der Lagerfeuer-Neil-Young der"Harvest"-Jahre gespielt hat. Auch die Gesangshamonien entsprechen denen von Klassikern wie "Heart of Gold".

Doch lange währt die Idylle nicht. Nach einer Minute schon schieben sich E-Gitarre, Bass und Schlagzeug von hinten herein, ein malerisch halbfertiges Solo grundiert Youngs Näselgesang und aus dem folkloristischen Rückbesinnungsliedchen wird ein wummerndes, ausuferndes Stück Gitarrenrock vom Format des Young-Oldies "Cortez the Killer".

Der Auftakt dauert stolze 26 Minuten. So ist das, wenn der Querkopf aus Ontario mit seiner Lieblingsband Crazy Horse musiziert. Gerade noch jammert er in seiner - pünktlich zum Plattenstart veröffentlichten - Autobiografie darüber, dass er Angst habe, keine Lieder mehr schreiben zu können. Und schon zeigt er, dass es auch ohne Lieder geht: Einfach spielen, einfach mit Ausdauer machen, irgendetwas wird schon draus. Das ist das große Plus des in alle Richtungen ausufernden neuen Werkes des genialischen Autoren von Großwerken wie "After the Goldrush". Young brät die wenigen Akkorde 16 oder eben sogar 26 Minuten lang. Er schert sich nicht um Konventionen, um Formate und Radiotauglichkeit. Zugleich aber liegt hier auch das Problem des acht Stücke umfassenden Doppelalbums: Wo sich der Künstler keine Grenzen setzt, malt er schnell mal über den Rand der Leinwand.

Neil Young erklärt das auf seinem 34. Album kurzerhand zum Konzept. Zusammen mit Poncho Sampedro (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Schlagzeuger Ralph Molina reitet er einfach drauflos. Nie bestrebt, irgendwo anzukommen. Immer bereit, die Lust allein im Unterwegssein zu finden.

So schwer er es seinen Hörern dabei macht, so wenig leicht haben es auch die Leser seiner Lebensbeichte "Ein Hippie-Traum". Das Buch, im amerikanischen Original sehr viel doppeldeutiger "Waging Heavy Peace" genannt, wirkt wie aneinandergereihte Gelegenheitsnotizen ohne roten Faden. Young erzählt nicht sein Leben nach, schon gar nicht chronologisch, sondern er berichtet aus seinem Alltag, von seinen aktuellen Vorhaben etwa mit dem verlustfreien Musikspeicherformat Pono oder der Reparatur eines alten Autos. Anschließend schweift er ab, landet weit weg in der Vergangenheit und rekapituliert skizzenhaft Szenen oder Personen. Um sich eine Seite wieder über seine Hoffnungen auszulassen, mit Pono etwas gefunden zu haben, das das fürchterliche MP3-Format verdrängen kann.

Ein Zufall wird das nicht sein, dass sich Musik und Schreiben stilistisch so ähneln. Neil Young war stets ein Sklave seiner Eingebungen, er wechselte die musikalischen Gewänder von Jahr zu Jahr, war Folk-König und Gottvater des Grunge, ohne auf den einen Titel mehr als auf den anderen zu geben. Was zählt ist der Song, nicht das Werbevideo dazu. Das deutsche Zuschauer sowieso nicht sehen können, weil die Rechteinhaber es gesperrt haben.