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MZ-Serie: Ist Klassik tot?

Uhr | Aktualisiert 28.12.2012 19:23 Uhr

David Garrett ist der Rockstar unter den Klassikern. (FOTO: AGENTUR)

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Vergessen? Pah! Verstaubt? Von wegen! Klassische Musik ist in aller Munde und Ohren. Die Deutschen gehen eher in Konzert, Oper und Operette als zu Pop- und Rockshows. Doch ohne Kommerz gibt es heute keine Kunst.
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Halle (Saale)/MZ. 

Wahrscheinlich hätte Johannes Brahms gestaunt über so einen Nackedei. Einen virtuosen Geiger, der sich mit bloßem Oberkörper und Stradivari ablichten lässt. Der keinen Unterschied macht zwischen sogenannter Hoch- und Populärkultur: Im April will er den Solopart von Brahms berühmtem Violinkonzert op. 77 in D-Dur übernehmen und im Mai "Cry Me A River" von Justin Timberlake in einer Pop-Klassik-Version auf die Bühne bringen.

David Garrett ist der Rockstar unter den Klassikern. Und wahnsinnig populär. Wie Joseph Joachim zu seiner Zeit. Dem Stargeiger des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts widmete Brahms sein einziges Violinkonzert (entstanden 1874 und 1878). Der österreich-ungarische Violinist war ein Wunderkind, wie der 1980 in Aachen geborene Garrett. Nur hätte Joachim wohl kaum mit blanker Brust für seine Musik geworben. Eben so, wie die Industrie im 21. Jahrhundert klassische Musik beziehungsweise Musiker wie Garrett vermarktet - mit schönen Körpern. Und: mit Erfolg. Im November hat der in Berlin und New York lebende Künstler Gold für 100 000 verkaufte Platten seines aktuellen Crossover-Albums "Music" bekommen.

Klassische Musik erlebt derzeit einen regelrechten Boom. Vor allen Dingen als Live-Erlebnis. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die vom Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft und dem Branchenmagazin "Musikmarkt" in Auftrag gegeben wurde.

Unglaublich, aber wahr: Die Deutschen gehen lieber in Konzerte mit klassischer Musik, Oper und Operette als zu Rock- und Popveranstaltungen oder Musicals. Im vergangenen Jahr wurden Eintrittskarten für Klassik-Konzerte, Operette und Oper im Wert von 823 Millionen Euro verkauft. Das entspricht einer Steigerung gegenüber dem Vergleichsjahr 2009 von 201 Millionen Euro oder 32 Prozent. Der Anteil des Klassik-Segments am gesamten Live-Markt nahm von 27 Prozent im Jahr 2009 auf 30 Prozent im Jahr 2011 zu. Die klassische Musik, resümiert die Studie, war "noch nie auf so einem hohen Niveau wie in 2011".

Und das, obwohl die Tickets im Preis zugelegt haben: Die GfK-Studie zeigt, dass der durchschnittliche Eintrittspreis bei Klassik-Konzerten im Vergleich zu 2009 von 23,61 Euro auf 31,73 Euro gestiegen ist. Trotzdem bleibt der Eintritt immer noch preisgünstiger als eine Karte für ein fremdsprachiges Rockkonzert, das im Schnitt mit 36,50 Euro zu Buche schlägt, oder für ein Musical, das sogar 60,93 Euro kostet.

Eines der Geheimnisse des Live-Markt-Erfolgs: Klassische Musik wird als Event verkauft. Dabei steht nicht mehr die Kunst im Zentrum, sondern das unmittelbare, einzigartige Erleben der Besucher. Die steigenden Zuschauerzahlen belegen, dass sich Klassik vom Abgrenzungsmoment einer elitären Gruppe zunehmend zu einem massenkompatiblen Erlebnis entwickelt. Viele Werbespots kommen heute nicht ohne Schubert, Schumann oder Satie aus. Auch in Warenhäusern setzt man auf die verkaufsfördernde Wirkung von Klassik. Und gerade zur besinnlichen Weihnachtszeit klang es vor ein paar Tagen wieder aus vielen deutschen Haushalten: "Leg doch mal den Bach auf!"

Vor allem findigen Plattenbossen ist der Klassik-Hype zu verdanken. Seit Jahren arbeiten Musikmanager daran, ganz "normale" und vor allem junge Menschen für dieses Musikgenre zu begeistern. Dabei versuchen Werbestrategen in erster Linie, Hemmschwellen abzubauen. Mit Musikern wie Garrett, die Genregrenzen überwinden. Oder Künstlern wie der Sopranistin Anna Netrebko oder dem Pianisten Lang Lang, die nicht nur Klassikfans ein Begriff sind. Klassische Musik soll zudem konsumierbarer werden: Die Musikedition "Erlebnis Klassik", die derzeit von der Frauenzeitschrift "Brigitte" präsentiert wird, wartet mit CD-Titeln wie "Kochvergnügen" und "Muntermacher" auf, die Grund und Anlässe zum Hören mit der Musik gleich mitliefern. Preise wie der "Echo Klassik" werden zum Medien-Großereignis stilisiert und in einer Hochglanz-Gala im TV gezeigt. Dort werden klassische Stücke in kleinen Auszügen, quasi Häppchenweise präsentiert. Und vor den Fernsehkameras auftreten, dürfen nicht unbedingt die begabtesten, sondern die attraktivsten Musiker. Modelmaße statt Virtuosität? Der Versuch den Zugang zur Klassik zu vereinfachen, hat ihren Preis. Ohne Kommerz scheint es heute keine Kunst zu geben.

Von der "seriösen" Musikwelt wird der "Echo Klassik" aus diesen Gründen verachtet. Ein Großteil der Preisträger hat seine Trophäe nie abgeholt. Doch haben beispielsweise solche Events wirklich negativen Einfluss auf die Kunst? Ist damit eine Verdrängung beziehungsweise Bedrohung der Klassikkultur verbunden?

Diese häufig von Klassik-Liebhabern formulierten Fragen offenbaren, dass noch immer unterschieden wird - zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur. Die Klassik, die sogenannte "Ernste Musik", wird als eine Kunst von bleibendem Wert angesehen, während das spektakuläre Event von flüchtiger Natur ist. Statt Kunstgenuss steht hier der Spaß im Vordergrund. Vergessen wird dabei aber häufig, das einige Stücke des klassischen Repertoires in den Zeiten ihrer Entstehung nichts anderes waren als reine Unterhaltungsmusik.

Zudem sorgen Hit-Alben wie die von David Garrett dafür, dass andere weniger populäre Produktionen überhaupt entstehen können. "Ein meistverkauftes Album ist nicht unbedingt ein bestes. Aber die Bestseller sorgen dafür, dass Plattenfirmen auch immer noch Luft haben, andere Platten zu machen: solche, mit denen sie sich sicher nicht die Bilanz vergolden", sagte Michael Kaufmann, Intendant des Kurt-Weill-Festes Dessau und Echo-Juror, einmal im Interview.

Außerdem gibt es auch andere, vielleicht angemessenere mediale Wege, Klassik unters Volk zu bringen. Arte machte es in diesem Sommer vor: Der Kultursender startete die erste Opern-Castingshow im deutschen Fernsehen. In "Open Opera" suchte eine Experten-Jury eine patente "Carmen" für eine Inszenierung von Volker Schlöndorff. Respektvoll. Mit viel Sachverstand. Und ohne einen einzigen Nackedei.

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