Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Musical: Comeback für Karl Marx im alten Westberlin

Mathias Güthoff als arbeitsloser Musiker Marc S., der mit dem auferstandenen Karl Marx verwechselt wird, trifft Larissa Heimbach in der Rolle der Banker-Tochter Jenny Acreman.

Mathias Güthoff als arbeitsloser Musiker Marc S., der mit dem auferstandenen Karl Marx verwechselt wird, trifft Larissa Heimbach in der Rolle der Banker-Tochter Jenny Acreman.

Foto:

Jens Kalaene/dpa

berlin -

Das Europa-Center hat gewiss auch schon strahlendere Tage gesehen, aber die Lage ist immerhin edel: Tief im alten Westberlin, im Windschatten der Gedächtniskirche ist der Tempel des Kapitalismus zu finden. Ausgerechnet dort, im Brettl-Keller des Kabaretts „Die Stachelschweine“, wird nun ein Comeback der besonderen Art herbeigesungen - „Das Karl-Marx-Musical“, das Ende 2013 in Plauen schon Bühnenerfolge feierte.

Nun werden sich Ältere noch an den Hundertmarkschein aus DDR-Tagen erinnern, gern auch kurz „ein Blauer“ oder „Hunni“ genannt: Darauf war der Begründer des Wissenschaftlichen Kommunismus abgebildet. Aber schon damals hat Karl Marx keine sonderlich nennenswerte Rolle im Alltagsleben gespielt, obwohl die Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe allgegenwärtig waren und die werktätigen Massen am 1. Mai zuverlässig die eigentlich religiöse Parole „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“ um die Ohren gehauen bekamen.

Interessant und aufschlussreich ist sie allerdings, die Theorie von Marx. Das fand jedenfalls auch der Prinzen-Musiker Tobias Künzel, der gemeinsam mit Maximilian Reeg und Steffen Lukas eben jenes Marx-Musical zu verantworten hat, das demnächst sogar in London gezeigt werden soll - wo Künzel seit einiger Zeit lebt und Karl Marx seit 1883 begraben liegt.

Ist von Musical die Rede, fällt dem gestandenen Freund des Genres wahrscheinlich „My Fair Lady“ oder „Evita“ ein, die Generation Beat und Glamour mag an „Tommy“ oder „We Will Rock You“ denken, Jüngeren sitzt der „König der Löwen“ im Nacken. Ein Marx-Musical aber macht jedenfalls neugierig, auch wenn der Altgläubige vielleicht so etwas wie Heiligenschändung argwöhnen wird, während Konservative womöglich revolutionäre Umtriebe wittern.

Ganz so schlimm ist es nicht, weil „Comeback“, koproduziert von der in Halle ansässigen Konzertagentur Känguruh Production, eben doch bei seinem Musical-Leisten bleibt - mit einer übersichtlichen Handlung und hübschen Liedern. Das ist schön, nur an der Ausstattung hapert es, vermutlich aus Kostengründen, leider denn doch. Das ist schade, denn das minimalistische Bühnenbild, das konsequent auf Papp-Attrappen setzt, verlangt dem Zuschauer zum Eintrittspreis noch die Fantasie ab, sich den schillernden, glitzernden Rest, der dem Abend zu Glanz verhelfen würde, selbst auszumalen.

So beschränkt sich das Bühnengeschehen inmitten protestantischer Bescheidenheit eben auf die Story an sich, die freilich nicht des Witzes entbehrt. Den gedanklichen Hintergrund gibt die Finanzkrise ab, das Schreckgespenst der westlichen Welt. Manfred Acreman (Ulrich Allroggen), ein ebenso erfolgreicher wie skrupelloser Londoner Investmentbanker, wird den Crash zu spüren bekommen, auch im Privaten. Seine hübsche Tochter Jenny (die Frau von Karl Marx hieß ebenfalls so) ist sauer auf ihren ewig mit Geld jonglierenden und um sich werfenden Herrn Papa, der sich einen Dreck um die zuwendungsbedürftige 18-Jährige schert.

Jenny, gespielt von Larissa Heimbach, will kein Flugzeug zum Geburtstag. Sie hat es dicke, im goldenen Käfig zu sitzen. Also wandert sie in düsterster Absicht, bewaffnet mit einem Strick, zum Friedhof. Dort, ausgerechnet am Grab von Karl Marx, trifft sie auf Marc S. (Mathias Güthoff), einen deprimierten, arbeits- und obdachlosen Musiker, der hier sein Lager aufgeschlagen hat. Natürlich kommt es, wie es kommen muss im Musical: Die beiden verlieben sich ineinander, Jenny lässt die Selbstmordpläne fahren und Marc kann plötzlich wieder Songs schreiben.

Parallel zu diesem Ereignis will der Banker-Vater eine wilde Sause zum Firmenjubiläum steigen lassen. Doch statt der leichtgeschürzten Mädchen, die zusammen mit Kokain und Austern vernascht werden sollen, steigt der Gerichtsvollzieher aus der überdimensionalen Torte. Die Finanzblase ist geplatzt.

Der dubiose Anlagejongleur Rasputin Mammonson (Yannik Gräf) wird als Retter aus der Not bestellt und hat auch schon einen Plan: Mit Hilfe einer stilvollen Geisterbeschwörung soll alles gut werden, wenn Karl Marx sich nur zum Widerruf seiner These von der zyklisch wiederkehrenden Krise des Kapitalismus bereitfände. Statt des bärtigen Kapital-Kritikers trifft die marodierende Kapitalistenbande aber eben den ahnungslosen Marc. Der wird kurzerhand mitgenommen, von der energischen Putzfrau Mrs. Abroomowitsch (Dominique Aref) salonfein geschrubbt (auch untenrum!) und soll danach den Bankenstall nicht ausmisten, sondern für sauber erklären.

Zwar ist der Junge kurzzeitig geblendet vom schönen Schein, die Szene erinnert an jene mit dem feschen Ostberliner Jungkommunisten, der in Billy Wilders grandiosem Film „Eins, Zwei, Drei“ in das Haus des Westberliner Coca-Cola-Paten gerät. Aber dann siegt doch Marcs Liebe zur zauberhaften Jenny. Die Guten kriegen einander, die Bösen werden bestraft - wie es im echten Leben auch vorkommt. Aber nicht allzu oft. Und Mrs. Abroomowitsch bleibt leider tot zurück. Ein netter Abend zwischen Marx und Moritz. An Ideen fehlt es nicht. Nur ein bisschen mehr Musicalzauber dürfte sein.

Nächste Vorstellungen: Bis Fr. jeweils 20 Uhr, Sa. u. So. 18 und 21 Uhr, Kabarettbühne „Die Stachelschweine“, Berlin, Tauentzienstraße 9-12. (mz)