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Medien: «Ost» heißt oft «schlecht»

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Ampelmännchen Ost

Ampelmännchen Ost (FOTO: DPA)

Auch im 20. Jahr nach dem Mauerfall behauptet sich die Zeitschrift «Super Illu» als Zentralorgan des Ostens. Titel wie «Ehepaar Stolpe: Drama! Beide haben Krebs» oder «Uta Bresan - Star ohne Skandale» sind Pflichtlektüre zwischen Rügen und Erzgebirge.
Berlin/dpa. 

Mit einer Auflage zwischen 410 000 und 620 000 Exemplaren ist die «Super Illu» die beliebteste Zeitschrift in den neuen Ländern. Dort leben etwa 85 Prozent der 3,5 Millionen Leser, während das Blatt an vielen Kiosken in der alten Bundesrepublik gar nicht zu haben ist.

Seit 1991 ist Jochen Wolff Chefredakteur des Blattes; er wird am 21. Juni 60 Jahre alt. Für ihn geht immer noch ein Riss durch Deutschland. «Übertrieben gesagt kommt man als Ostdeutscher nur dann in westdeutsche Zeitschriften, wenn man vergewaltigt, veruntreut oder jemanden umbringt», meint er. «Die Vorsilbe "ost" wird häufig angewendet, um zu diskriminieren. Wenn man sagt, der ostdeutsche Sänger, dann meint man, der singt schlechter. Wenn man von einer ostdeutschen Stadt spricht, heißt das, die ticken nicht richtig, die haben mehr Probleme.» Die «Super Illu» sieht er als Anwältin des Ostens in einem vom Westen bestimmten Land.

Der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Prof. Hans-Jörg Stiehler kommt zu dem Ergebnis: «In den Medien dominiert nach wie vor ein westdeutscher Blick auf Alltag und Geschichte.» Deshalb seien im Osten Beiträge gefragt, die sich mit der eigenen Identität befassen, die in Gesamtdeutschland keine Rolle spielt oder pauschal als «belastet» angesehen wird. So waren die erfolgreichsten Ausgaben der «Super Illu» Titel über das ehemalige Schlagersänger-Traumpaar Frank Schöbel und Chris Doerk, die im Westen so gut wie niemand kennt. «Einen West-Superstar wie Michael Schumacher können wir dagegen nicht vermitteln, er ist zu abgehoben», betont Wolff.

Auch die MDR-Talkshow «Riverboat» funktioniert nach diesem Muster: «Wenn wir keinen oder nur einen Vertreter aus den neuen Bundesländern einladen, ist die Resonanz deutlich geringer», sagt Fernsehdirektor Wolfgang Vietze. Beim MDR wird als Paradebeispiel für eine Ignoranz die in Leipzig gedrehte Krankenhaus-Serie «In aller Freundschaft» gesehen, die seit mehr als zehn Jahren im Ersten läuft und oft über sechs Millionen Zuschauer hat. «Trotz des enormen Erfolges hat die Serie mit Ausnahme der "Goldenen Henne" der "Super Illu" noch nie einen Preis bekommen», ärgert sich Vietze.

Doch gehen nicht langsam die Themen und Personen aus? Junge Stars, wie die Musikgruppe Tokio Hotel, die aus der Magdeburger Region stammt, oder die in Brandenburg geborene Schauspielerin Anna Loos sind kaum noch regional zu verorten und inzwischen gesamtdeutsche Persönlichkeiten geworden. Prof. Stiehler meint: «Die Sonderidentität Ost wird es vermutlich auch noch in 10 oder 20 Jahren geben.» Darauf müssten die Medien eingehen. Als kleinen Durchbruch auf dem Weg zur Gleichwertigkeit sieht er, dass der Tod von Fred Delmare - einem der beliebtesten Schauspieler der DDR - in der «Tagesschau» gemeldet wurde.

Wolff ist einer der am längsten amtierenden Chefredakteure. 1997 rief er den Medienpreis «Goldene Henne» ins Leben, der trotz Krise auch in diesem Jahr verliehen wird (30. September). Mit dem Ost-West-Konflikt hat er schon seit seiner Kindheit zu tun. Wolff wurde in der bayerischen Kleinstadt Furth im Wald nahe der tschechischen Grenze geboren. «Drei Kilometer von uns entfernt war der Stacheldraht.» Seine Karriere begann er 1972 bei der Illustrierten «Quick» und wurde 1988 Chefredakteur des Frauen-Blattes «Neue Welt». Im Februar 1991 rückte er an die Spitze der Wochenzeitschrift «Super Illu». Dort ist kein Problem, was bei der «Berliner Zeitung» für einen Aufstand sorgte: Wolff ist in einer Person Chefredakteur und Geschäftsführer der Hubert Burda Media Verlagsgruppe in Berlin.

1999 heiratete er seine Freundin - die in den 80er Jahren aus Ostberlin legal ausgereist war - unter dem Brandenburger Tor. Damals feierte das Ost-West-Paar mit einer Fahrt im Hochzeitsbus quer durch Berlin. Daran will er bei seinem 60. Geburtstag anknüpfen und Freunde zu einer nächtlichen Schifffahrt einladen. Zu seiner beruflichen Zukunft sagt er: «Jetzt geht es darum, sicher durch die Krise zu steuern. Aber ich sehe mich nicht ewig an dieser Stelle.»