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Maria-Theresia von Seidlein: „Die Wahrheit war wichtig“

Maria-Theresia von Seidlein

Maria-Theresia von Seidlein

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Alexandra Schellnegger

Der ganze Flur zum Konferenzraum, in dem Maria-Theresia von Seidlein ihre Gäste empfängt, hängt voller Filmplakate. Die Medienunternehmerin, bis 2008 Mitgesellschafterin des „Süddeutschen Verlags“ und heute Chefin der 1992 von ihr mitbegründeten „S&L Mediengruppe“, würde selbst gut in die Szene eines Hollywood-Films passen. Spitz zulaufende Wildleder-Stiefel, Bluejeans und Tweed-Sakko, die Haare straff zurückgebunden – den Auftritt von Seidleins umgibt etwas Jugendlich-Burschikoses.

„Die Mücki“ – ihr Spitzname – „die Mücki macht das schon“, sagt sie und zitiert ihre beiden jüngeren Brüder. So sei es halt immer schon gewesen. Nur geht es diesmal um etwas besonders Heikles: den Umgang der Geschwister mit unbekannten Informationen über die Kriegsjahre ihres Großvaters Franz Josef Schöningh, des Mitbegründers der „Süddeutschen Zeitung“.

Das Gespräch führten Hans Werner Kilz und Joachim Frank.

Frau von Seidlein, Franz Josef Schöningh, Ihr Großvater mütterlicherseits, ist 1960 gestorben. Haben Sie überhaupt noch eine persönliche Erinnerung an ihn?

von Seidlein: Ich war beim Tod meines Großvaters drei Jahre alt. Aus eigenem Erleben sind mir von Großvater nur Bilder im Zusammenhang mit der Jagd im Gedächtnis geblieben, seiner großen Leidenschaft. Ich weiß noch, wie er einmal ein totes Reh aus dem Kofferraum seines VW-Käfers geholt und vor mich hingestellt hat. Das fand ich total spannend. Alles andere kenne ich aus Erzählungen meiner Mutter.

Wie hat sie über ihn gesprochen?

von Seidlein: Sie hat ihn abgöttisch geliebt. Wir haben von ihr nie ein schlechtes Wort über ihn gehört. Er war immer das Familien-Idol. Ein großes Porträt von ihm hängt bis heute in meinem Büro.

Und es bleibt auch da hängen, obwohl Sie inzwischen von der unrühmlichen Vergangenheit Ihres Großvaters wissen?

von Seidlein: Auf jeden Fall. Er war kein Schlächter, kein zweiter Himmler. Schöningh war ein Mann, der durch die Umstände in eine moralische Zwickmühle geriet.

Davon haben Sie aber erst 2003 erfahren?

von Seidlein: Ja. Bis dahin kannten wir nur die Version unserer Mutter, Großvater sei Forstverwalter in Galizien gewesen. Als Kind glaubt man seinen Eltern. So hatten meine Brüder und ich das abgespeichert.

Bis Knud von Harbou bei Ihnen auftauchte, der Sohn des Kreishauptmanns von Sambor/Tarnopol in Galizien, Mogens von Harbou, der sich 1946 vor der drohenden Auslieferung an Polen in Dachau erhängt hat.

von Seidlein: Mogens von Harbou und mein Großvater waren Freunde. Nach Harbous Freitod war seine Witwe Lili einige Jahre mit meinem Großvater liiert. Es gab also eine lang zurückreichende Verbindung zwischen den Familien.

Ich weiß noch ganz genau, wie Knud von Harbou zu uns kam. Es war an Weihnachten 2003. Meine Brüder und ich saßen unterm Christbaum. Da überbrachte Knud uns eine schockierende Neuigkeit: „Euer Großvater war der Stellvertreter meines Vaters als Kreishauptmann.“ Nirgends hatte es eine solche jüdische Bevölkerungsdichte gegeben wie in Galizien.

Inzwischen weiß ich, dass dort die ganze jiddische Stedl-Kultur Osteuropas zu Hause war. In manchen Orten lebten bis zu 70 Prozent Juden. Die sind komplett eliminiert worden. Die Deutschen haben in Galizien unvorstellbar grausam gewütet.

Ihr Großvater auch?

von Seidlein: Was er wann genau getan hat, ist durch die Quellen nicht eindeutig zu belegen. Unwahrscheinlich, dass er persönlich an Erschießungen beteiligt war. Aber von dem Moment an, in dem wir von seiner Stellung hörten, war uns klar, dass Großvater zumindest ein sehr detailliertes Wissen gehabt haben musste.

Das war auch Harbous Arbeitshypothese?

von Seidlein: Ja. Die Einzelheiten konnte er dann erst Jahre später im Zug seiner Recherchen offenlegen. Nachdem wir ihn dazu ermutigt hatten, eine Biografie unseres Großvaters zu schreiben, kam er alle paar Monate zu uns und erzählte uns die jeweils neuesten Horrorgeschichten. Er hat sich in diese Abgründe eingegraben. Für ihn war das umso bedrängender, als es dabei ja auch um seinen Vater ging.

Was waren das für Dinge, die Harbou für so „unvorstellbar“ hielt?

von Seidlein: Was meinen Großvater betrifft, so gehörte es zu seinen originären Aufgaben als stellvertretender Kreishauptmann, Ghettos für die Juden einzurichten.

Sie „umzusiedeln“.

von Seidlein: Später war das ein Tarnwort für Deportation und Vernichtung. An der Vorbereitung dazu hat mein Großvater mitgewirkt. Er schreibt auch, wie schwierig es gewesen sei, eigene Stadtviertel für die Juden abzugrenzen, und er hat sich Gedanken gemacht, wie das Problem zu lösen sei.

„Ohne Lärm, ohne falsche Hast, ohne Grausamkeit, wenn auch mit Härte wird das Ziel erreicht“, schreibt er. Scheinbar ganz technisch, ganz emotionslos. Kurze Zeit später wussten sein Vater und mein Großvater dann Bescheid über die Massendeportation und Vernichtung der Juden, die als „Endlösung“ auf der Wannsee-Konferenz beschlossen worden war.

Wie sind Sie mit diesem – wie Sie sagen – „schockierenden“ Wissen über Ihren Großvater umgegangen?

von Seidlein: Ich habe immer versucht, auf Distanz zu bleiben. Aber mein jüngerer Bruder Lorenz hat es sich unglaublich zu Herzen genommen. Er hat sich völlig in das Thema reingefressen, so dass seine Frau am Ende gedroht hat, ihn zu verlassen, wenn nicht sofort die ganze Bibliothek mit Literatur über den Holocaust, die sich mein Bruder zugelegt hatte, aus dem Haus verschwände. Meine Schwägerin sagte, sie wolle keines dieser Bücher mehr sehen.

Was hat Ihr Bruder getan?

von Seidlein: Er hat sich für seine Frau entschieden. Als wir uns danach einmal trafen, sagte er: „Denk nicht, ich sei ein besserer Mensch geworden, weil ich mich mit diesem Grauen beschäftigt habe.“

Und Sie?

von Seidlein: Für mich und meine Brüder war die Wahrheit wichtig. Wir wollten wissen, was war.

Geht es Ihnen mit diesem Wissen besser?

von Seidlein: Nein. Mir wäre es am liebsten gewesen, ich hätte das alles nie erfahren. Aber wenn du es nun mal erfahren hast – was machst du dann? Du hast eigentlich nur zwei Möglichkeiten: das Ganze ignorieren. Oder heraus damit! Damit jeder sich selbst ein Urteil bilden kann.

Die Wahrheit wird euch frei machen, heißt es. Fühlen Ihre Brüder und Sie sich freier?

von Seidlein: Nicht freier, nicht besser, nicht schlechter. Wir wollten die Wahrheit über diese dreieinhalb Jahre nicht verschweigen. Andererseits ist die polnische Eskapade nicht das ganze Leben meines Großvaters. Sein Ziel war es, der Einberufung zu entgehen. Ohne soldatische Erfahrung war ihm klar, dass seine Überlebenschance gen Null gegangen wäre. Darum hat er alles dafür getan, nicht Soldat zu werden. In dieser Situation tat sich für ihn durch eine familiäre Connection die Chance auf diesen Posten auf.

Waren Sie sich in der Familie einig darin, an die Öffentlichkeit zu gehen?

von Seidlein: Meine Brüder und ich ja. Meinem Vater war der Gedanke eher unangenehm. Er hat sich nicht total gesperrt, aber wäre es nach ihm gegangen, hätte es sicher kein Buch gegeben.

Was hätte wohl Ihre Mutter gesagt?

von Seidlein: Hätte sie noch gelebt, wäre die Veröffentlichung undenkbar gewesen. „Ja, ja, das war alles so“, hätte sie gesagt. „Aber bitte, hört jetzt auf damit!“ Es hätte ihr das Herz gebrochen.

Warum erscheint eine Schöningh-Biografie eigentlich nicht im Schöningh-Verlag?

von Seidlein: Wir haben das überlegt, wollten aber jeden Anschein familiärer Befangenheit vermeiden.

Fühlen Sie sich heute von Ihren Eltern getäuscht oder hintergangen?

von Seidlein: Irgendwie schon. Trotzdem hat es uns Kinder getroffen, dass uns das alles verschwiegen worden war! Und das in einer Familie, von der wir dachten, sie handhabe die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit bewusst und perfekt.

Wie kamen Sie zu dieser Ansicht?

von Seidlein: Ich erinnere mich, dass wir Geschwister gelegentlich darüber diskutiert haben, warum wir so betont, ich würde fast sagen, obsessiv antifaschistisch erzogen wurden.

Und warum?

von Seidlein: Heute glaube ich, dahinter stand bei meiner Mutter eine Form von Schuldbewusstsein,. Ein typisches Beispiel: Sie hat uns Kinder mit acht, zehn Jahren ins KZ nach Dachau geschleppt. Natürlich konnten wir danach tagelang nicht schlafen. Und die ersten Bücher, die ich zum Lesen von ihr bekam, waren immer so Anne-Frank-Geschichten. Eine andere Szene werde ich auch nie vergessen: Mein Bruder Rupert ging in der Grundschule in eine Klasse mit Iris Knobloch, der Tochter der späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Als Klassenbeste hatten beide ständig Gerangel, und einmal hat mein Bruder sie auf dem Schulhof so richtig vermöbelt. Wie Kinder das so machen. Aber da stand dann der Vorwurf des Antisemitismus im Raum. Meine Mutter regte sich wahnsinnig auf und trat mit meinem Bruder den Gang zu den Knoblochs an, um sich in aller Form zu entschuldigen.

Sie sprechen vom „Schuldbewusstsein“ . Sie glauben also, dass sie über ihren Vater und seine Vergangenheit Bescheid wusste?

von Seidlein: Ich bin überzeugt: Meine Mutter wusste zumindest, dass ihr Vater in Polen Dinge getan hatte, die nicht an die große Glocke gehören. Und darüber wird sie auch meinen Vater informiert haben.

Haben Sie ihn zur Rede gestellt?

von Seidlein: Natürlich. Er räumte ein, er habe schon gewusst, dass sein Schwiegervater in Tarnopol nicht bloß der Förster gewesen war. Aber er habe das Ausmaß nicht gekannt, in dem die Zivilverwaltung im Generalgouvernement an der Judenvernichtung beteiligt war. Das glaube ich ihm.

Bei allem kindlichen Vertrauen in die Lesarten der eigenen Eltern – es gab doch zum Beispiel diesen Dokumenten-Koffer, den Sie Harbou übergeben haben.

von Seidlein: Das stimmt. Der war schon immer da gewesen, stand bei uns auf dem Speicher herum und wurde bei jedem Umzug mitgeschleppt. Schon als Kind hatte ich in dem Koffer herumgekruschtelt, weil er allerhand Alben mit alten Fotos und solche spannenden Sachen enthielt. Aber meine Mutter wollte das nicht. Als Harbou zu uns kam, habe ich ihm gesagt, „da oben muss irgendwo noch dieses Ding sein“. Mein Vater hat Harbou dann die Auswertung des Inhalts genehmigt. Wesentliche Dokumente stammen aus diesem Koffer. Aber es gibt einen weißen Fleck: Alles aus der Zeit, als Großvater in Galizien war, fehlt. Das muss jemand aussortiert haben.

Somit fehlt Ihnen auch jede Auskunft darüber, was Ihr Großvater empfunden haben mag, ob er sich schuldig fühlte. Haben Sie versucht, sich in ihn hineinzuversetzen?

von Seidlein: Wissen wir, wie wir uns verhalten hätten? Sie? Ich? Das ist die Frage, die ich mir immer wieder stelle. Ich bin mir ganz sicher, dass ich den Verwaltungsposten auch angenommen hätte. Aber danach: Wenn ich gesehen hätte, was mit den Juden passiert – wie hätte ich gehandelt? Hätte ich den Mut eines Oskar Schindler gehabt? Aus anderen Quellen ist bekannt, dass Schöningh und Harbou sich Heimaturlaub genommen haben, wenn eine „Unternehmung“ gegen die Juden anstand. Sie wollten so weit weg sein wie möglich.

In Schöninghs Aufzeichnungen heißt es: „Man kann nur beiseite treten oder mitlaufen.“ Er hat sich fürs Mitlaufen entschieden.

von Seidlein: Na ja, er hat schon zur Seite treten wollen. Die Stelle im Generalgouvernement war für ihn ja der Versuch dazu. Was dort mit den Juden geschah, wusste er vor seinem Amtsantritt sicher nicht.

Wie erklären Sie es sich, dass das alles nach dem Krieg unter dem Teppich geblieben ist, obwohl es selbst in der „Süddeutschen“ schon Ende der 40er Hinweise auf eine Verstrickung Schöninghs gab?

von Seidlein: Zum einen glaube ich, dass tatsächlich die Legende von der „sauberen Zivilverwaltung“ gegriffen hat. Zum anderen hatte in den Nachkriegsjahren keiner ein wirkliches Interesse an schonungsloser Aufarbeitung der Geschehnisse.

Aber erschüttert es nicht den Gründungsmythos der Süddeutschen?

von Seidlein: Sie haben zumindest insofern Recht, als Franz Josef Schöningh von den Alliierten schwerlich die Lizenz bekommen hätte, wenn seine Funktion während des Kriegs in vollem Umfang bekannt gewesen wäre. Andererseits hat das Gründerteam einen guten Job gemacht, und der Aufstieg der Süddeutschen zur heutigen Bedeutung fand ohnehin erst nach 1960 statt, dem Todesjahr Schöninghs.