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Literatur: Tischgespräche in Schulzenhof

Uhr | Aktualisiert 17.11.2008 18:57 Uhr
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Eva Strittmatter (links) und Irmtraud Gutschke

Eva Strittmatter (links) und Irmtraud Gutschke (FOTO: LANGE, NEUES BERLIN)

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Mit diesem Geburtsnamen brauchte sie für Spott nicht zu sorgen: Eva Braun. So hieß ja jene junge Frau, die sich gemeinsam mit Hitler das Leben nahm. "Ach, Sie leben noch?!", den Satz hörte die andere, 1930 geborene Eva immer wieder.
HALLE/MZ. 

Mit diesem Geburtsnamen brauchte sie für Spott nicht zu sorgen: Eva Braun. So hieß ja jene junge Frau, die sich gemeinsam mit Hitler das Leben nahm. "Ach, Sie leben noch?!", den Satz hörte die andere, 1930 geborene Eva immer wieder. Insofern war es eine Erleichterung, dass die geschiedene Mutter eines Sohnes 1952 den 18 Jahre älteren Schriftsteller Erwin Strittmatter (1912-1994) kennenlernte, den sie 1956 heiratete.

Aus der studierten Germanistin Eva Braun aus Neuruppin war die Schriftstellergattin Eva Strittmatter auf dem märkischen Flecken Schulzenhof bei Dollgow geworden: Ein anderes Leben begann, das kein leichteres war. Denn den DDR-Großschriftsteller ("Der Laden") trennte doch einiges von der geliebten Funktionärin im Schriftstellerverband, die eine DDR-Erfolgsdichterin ("Ich mach ein Lied aus Stille", 1973) werden sollte. Er glaubte an das Schicksal, sie an den Zufall. Er pflegte seit den 20er Jahren eine starke Neigung zur Esoterik, sie sagte von sich selbst: "Ich bin nüchtern wie ein Brot". Sie hatte sich so sehr einen "bürgerlichen Mann" gewünscht, bekommen hat sie diesen Mann vom Niederlausitzer Lande, "der das Vulgäre seines Milieus" behalten hatte. Der seine Akademiker-Gattin zur "Bauersfrau" machte, aber "intellektuelle Frauen, die ihn angehimmelt" haben, "charmant" fand. Einer, der "ziemlich geschickt lügen" konnte, bis "zum Wahn, bis zum Exzess". Und das eben auch in Liebesdingen. Und das bis zum Schluss.

Brecht begrüßt die Panzer

Es ist ein langes und oft längliches, aber punktweise auch Zeit- und Kulturgeschichte markant erhellendes biografisches Gespräch, das die Literaturredakteurin des "Neuen Deutschland", Irmtraud Gutschke, mit der 78-jährigen Eva Strittmatter im Frühsommer dieses Jahres in Schulzenhof führte. Länglich, wenn Irmtraud Gutschke nur ihre privaten Weltanfragen abarbeitet, erhellend, wird aus der Erwartung des Lesers heraus gefragt. Reizvoll durchweg ist das Anekdotische. So habe Erwin Strittmatter erlebt, dass Brecht die russischen Panzer am 17. Juni 1953 mit "Hurra"-Rufen begrüßt haben soll. Interessant, dass jedes Buch, in dem die Russen vorkamen, in Moskau genehmigt werden musste. Wenig faktenhaltig, was zur unterstellten SS-Zugehörigkeit Erwin Strittmatters gesagt wird: Man werde "Nachforschungen" anstellen, ist zu lesen. Interessant hingegen der kühle politische Pragmatismus, mit dem die Strittmatters sich zur DDR bekannten, welche - so sahen sie es - ihre Existenz allein der Sowjet-Präsenz verdankte. Ob der Mauerbau und die Niederschlagung des Prager Frühlings ohne Alternative war, wollte man die DDR halten?, fragt Gutschke. Strittmatter: "Was dachtest du denn?" Allein die kulturpolitische Eva Strittmatter bleibt blass, aber ihre DDR-Kämpfe werden in Nebensätzen kenntlich.

Nachgefragt wird nicht

So sagt Strittmatter im Blick auf Christa Wolf: "Dass es eine Gruppe von Autoren gab, die die DDR schon aufgegeben hatten. Zumindest für sich. Sie orientierten sich an der Zustimmung aus dem Westen. Hiesige Erwartungen waren schon nicht mehr maßgeblich für sie." Jeder Satz ist eine Unterstellung. Jeder Satz voll von vorsätzlicher Skandalisierung. Allein: nachgefragt wird nicht. Die Empörung von gestern gibt Halt im Heute.

Eva Strittmatter: Leib und Leben. Verlag das Neue Berlin, 220 S., 16,90 Euro