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Literatur: Max Hermann-Neisse war ein tapferer Poet

Uhr | Aktualisiert 16.01.2013 22:19 Uhr
Max Hermann-Neiße, gemalt von George Grosz (FOTO: ZB/ARNO BURGI) 
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Im Berliner Verbrecher Verlag ist eine Ausgabe mit Briefen des Dichters erschienen, der vor den Nazis floh und im Exil gestorben ist.
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Halle (Saale)/MZ. 

Nein, ein Glückskind ist er wahrhaftig nicht gewesen. Aber einer der bedeutendsten Dichter, den die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Ein Liebender voller Gefühl und Leidenschaft, humorvoll auch und mit der Gabe der Selbstironie gesegnet. Nicht zuletzt ein tapferer, weitsichtiger Mann, der offen gegen die Nazis sprach und Deutschland am 28. Februar 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand, verließ.

Über die Schweiz reiste er mit seiner Frau Leni ins Exil nach England, wo er 1941 gestorben ist. Dem Verlust der sprachlichen Heimat und den immer geringeren Publikationsmöglichkeiten begegnete Max Hermann-Neiße auf die einzig ihm mögliche Weise: schreibend.

Jetzt, nachdem in den Jahren von 1986-88 eine zehnbändige Werkausgabe im Verlag Zweitausendeins erschienen war, hat der Berliner Verbrecher Verlag die noch ausstehende Ausgabe der Briefe des Dichters vorgelegt: mehr als 2.000 Seiten stark, in zwei Bänden. Eine literatur- und zeitgeschichtliche Fundgrube, vor allem aber ein großer Lesegenuss.

Kleinwüchsig und von verwachsener Gestalt, ist Max-Hermann-Neiße, der den Namen seiner schlesischen Geburtsstadt als Zusatz zum eigenen Namen wählte, ein Riese in der Kunst gewesen, die Wörter zum Strahlen zu bringen. Und fristete doch, wie viele Emigranten, nach dem Ende der Barbarei im Gedächtnis der Deutschen wenn überhaupt, dann nur eine marginale Existenz.

Der deutsch-jüdische Satiriker Walter Mehring und der Expressionist Franz Jung, der wie Max Hermann aus Neiße stammte und ein Jugendfreund von ihm war, sind nur zwei der zahlreichen Beispiele dafür, wie grausam gründlich das Vernichtungswerk der Nazis über die Zeit ihrer Herrschaft hinaus funktioniert hat.

Natürlich gab es immer wieder verdienstvolle Editionen, mit denen Herausgeber wie Klaus Völker, dem nun auch die Ausgabe der Briefe von Max Hermann-Neiße zu danken ist, sich gegen das Vergessen stemmten. Der Journalist Jürgen Serke hat Ende der 1970er Jahre in der Bundesrepublik mit seinen Veröffentlichungen über "Die verbrannten Dichter" etwas geleistet, das nicht hoch genug geachtet werden kann.

Gleichwohl haben viele der deutschen Exil-Autoren weder zu Lebzeiten noch posthum wieder an jene Popularität anknüpfen können, die sie in der Weimarer Republik genossen hatten. So hat man sich in Deutschland wesentlicher Diskursbeiträger des geistigen Lebens nicht mehr wirklich versichert - zumal die meisten von ihnen zwischen Wirtschaftswunderwelt West und ideologischem Panzerkettengerassel im Osten noch immer heimatlos wirkten.

Die Zeit war über sie hinweg gegangen, heißt es in solchen Fällen lapidar - eine Aussage, die ebenso kalt wie gedankenlos ist: Wird etwas Unwiederbringliches nicht mehr als Wert erkannt, sind auch jene, die den Verlust nicht als Verlust erkennen, ärmer geworden.

Max Hermann-Neiße, 1886 geboren, hatte schon als Gymnasiast zu schreiben begonnen, beizeiten wurde das Talent mit Ruhm belohnt. Für seinen 1914 im S. Fischer Verlag erschienenen ersten größeren Gedichtband "Sie und die Stadt" erhielt er 1924 den Eichendorff-Preis. Seit Münchner Studientagen mit avancierten Künstlern vertraut, zog der Dichter 1917 nach Berlin, wo er in Franz Pfemferts Zeitschrift "Die Aktion" zu publizieren begann und in den ersten Kreisen der modernen Literatur verkehrte. Bis der Machtantritt der Nationalsozialisten diesen freien Austausch unmöglich machte. In den Briefen Max Hermann-Neißes spiegelt sich dies alles: Privates, Kunst und Politik, die schließlich die persönlichen Entscheidungen entscheidend mitbestimmt.

Der erste Brief ist am 6. Juni 1906 aus München an die Eltern in Neiße gesandt worden, der letzte am 24. Juni 1940 geschrieben - an das britische Home Office, in englischer Sprache: "In Germany, before Hitler came to power, I was a well-known poet who was officially distinguished by literary prizes...", schreibt Hermann-Neiße. Er erinnert daran, in Deutschland, bevor Hitler zur Macht kam, ein bekannter Dichter gewesen zu sein, der mit Literaturpreisen anerkannt wurde. Ein Mann, der Frieden und Verständigung liebt, wirbt der Dichter und verweist auf seine Publikationen gegen das Nazi-Regime. Was er will, soll er nie bekommen: die englische Staatsbürgerschaft. Im Gegenteil, knapp schrammt er an der Internierung als "feindlicher Ausländer" vorbei.

Es gibt viel Trauriges im Leben dieses Mannes, seine große Liebe zu Leni, seiner Frau, gehört irgendwie auch dazu. Mit ihr und einem vermögenden Freund, dem Schweizer Juwelier Alphonse Sondheimer, der ihn förderte und im Exil unterhielt, lebte der Dichter ein schwieriges Leben zu dritt.

Gleichwohl gehören die Briefe an Leni zum Rührendsten, das man in Prosa lesen kann: "Ich möcht' Dir so mit tausend, tausend Dankeschön die Händele küssen", schreibt er ihr einmal. Und im Nachruf seines Kollegen Stefan Zweig hat er ein Denkmal bekommen: "Immer wenn ich ihn so sah, den kleinen, verhutzelten Mann, in seiner großen Einsamkeit, hatte ich ein Gefühl der Ehrfurcht."

Max Hermann-Neiße: Briefe in zwei Bänden, herausgegeben von Klaus Völker und Michael Prinz, Verbrecher Verlag Berlin, 2.200 Seiten, 84 Euro